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Initiative linker SozialdemokratenInnen in der SPD

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Let´s talk about socialism!

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Wir haben dieses gute Wort zu lange verschmäht.

Auch ich bringe es nur in einer Fremdsprache auf den Titel, weil, ja weil es in Deutsch irgendwie schwer über die Lippen kommt. Wir haben zu viele sozialistische Trümmer gesehen, kaputte Länder und entmutigte Menschen, um locker über Sozialismus zu reden.

Trotzdem! Der kapitalistische Trümmerhaufen, mit dem wir es nun zu tun haben, ist auch nicht gerade zu verachten.

Dabei will ich jetzt nicht über Weltfinanzkrise, Eurokrise, kaputte Banken, Arbeitslosigkeit und Dumpinglöhne sprechen.

Dies tun wir schon zur Genüge und es kommt mangels alternativen Denkens wenig dabei raus.

Die Quadratur des Kreises ist, den Wohlstand zu halten und dabei die Gerechtigkeit wieder herzustellen.

Das klappt in unserem System irgendwie nicht, weil wir feststellen, dass das Geld immer zu denen fließt, die mit Milliarden hantieren und nicht zu denen, die mit dem Euro rechnen müssen.

Das wirkt so, als wäre es ein magnetisches Gesetz.

Bevor wir in Bildung für alle investieren können, kommen die Banken, marode Konzerne oder ganze Staaten und fressen unsere Steuergelder weg, unter Androhung von Finanzkatastrophen, Massenarbeitslosigkeit oder Wirtschaftskollaps.

Alles Geld, dass wir investieren könnten ist schon ausgegeben, von denen, die Milliarden bewegen und nicht von denen, die Flaschen sammeln gehen.

Schröders Vorwürfe an die faulen Arbeitslosen sind durch die kapitalistischen Megaparasiten der Finanzmärkte so nachhaltig ad absurdum geführt worden, dass selbst Millionäre inzwischen ihr Geld teilen möchten, um eine halbwegs erträgliche gesellschaftliche Logik wieder herzustellen.

Inzwischen wird in vielen Branchen der Mehrwert der Arbeit so nachhaltig an den Börsen verbrannt, dass ich diese Millionäre gut verstehen kann.

Die sagen sich vermutlich, dass ihr Geld besser im sozialen Kreislauf aufgehoben ist, als anonym am Finanzmarkt vernichtet zu werden.

Dazu kommt, dass der Finanzmarkt überall ist, auch auf dem Sparbuch von meiner Oma.

Sogar unter Omas Matratze sitzen kleine Börsianer und spielen an ihrem Kapital herum.

Es gibt kein Entrinnen.

Auch wenn man diese Einschätzung nicht teilen möchte, sollte man anerkennen, dass unser sozialer Zusammenhalt mächtig gelitten hat.

Moral, das war gestern.

Beruflich bemühe ich mich um die Integration auf den Arbeitsmarkt.

Mein Klientel besteht aus Menschen, die eine psychische Erkrankung hatten oder haben.

Seit 1993, als ich in diesem Bereich anfing, haben sich die Bedingungen drastisch verschlechtert.

Die staatlichen oder halbstaatlichen Akteure sind dabei gar nicht das Problem.

Arbeitsämter, Rentenversicherungen und andere Kostenträger zeigen sich durchaus engagiert.

Das Problem ist der Arbeitsmarkt selbst.

Bis hinunter in einfachste Beschäftigungsverhältnisse reichen bereits kleinste Fehleinstellung und Unstimmigkeiten bei den Arbeitsnehmern und diese werden aussortiert.

Die Kriterien, nach welchen Arbeitnehmer als Ausschuss betrachtet werden, sind derartig brutal und unmenschlich geworden, dass Menschen, die eine Arbeit eigentlich tun könnten, nicht angenommen werden, weil sie beispielsweise zu dick sind, ein leichtes Zittern der linken Hand haben, zu alt sind oder einfach nicht gut genug aussehen.

Solche Kriterien werden inzwischen schon für Lagerarbeiter aufgestellt!

Auf der anderen Seite kann man durchaus perfekt sein, hoch qualifiziert und in einen bedürftigen Arbeitsmarktsektor vorstoßen  und trotzdem keine Chance bekommen.

Dies geht vielen Ingenieuren so, aber nicht nur denen.

Dabei werden ursprünglich wertfreie Einrichtungen wie Assessment-Center zu Casting-Agenturen für begehrte Arbeitsplätze.

Nicht die objektiven Fähigkeiten, sondern social skills, behavior and biografy entscheiden neudeutsch immer stärker über den Wert des Humankapitals.

Die Möglichkeit dass sich Menschen, die eine Chance bekommen, entwickeln, kommt in dieser Arbeitsmarktideologie gar nicht mehr vor.

Es werden gnadenlos die vermeintlich perfekten Produkte eingekauft, wie im Supermarkt.

Wenn dann der Nachschub nicht befriedigt wird, wir hemmungslos und dreist über Fachkräftemangel geklagt.

Der Arbeitsmarkt von heute beschäftigt keine Arbeitnehmer mehr, er  konsumiert sie!

Vor einer solchen Perversion des Arbeitsmarktes schützt uns kein Gesetz.

Man kann sich durchaus über die schlimmen Auswirkungen beklagen, die der Sozialismus auf die Menschen in den osteuropäischen und postsowjetischen Ländern hatte.

Mangelnde Eigeninitiative, Mutlosigkeit und fehlende Anstrengungsbereitschaft.

Was wir aber haben ist viel schlimmer.

Wir degradieren Menschen zu Waren, die vom Arbeitsmarkt aufgesogen, ausgelutscht und abgestoßen werden.

Nach einer psychischen Erkrankung, nach längerer Arbeitslosigkeit und ab einem gewissen Alter bleibt diesen Menschen das Recht auf Arbeit und eine eigene unabhängige Existenz verwehrt.

Die viel beschworene Freiheit, die wir so hoch halten, ist einzig und allein die Freiheit derer, die es geschafft haben.

Alles andere wird in unserer Ideologie ausgeblendet, ignoriert und verachtet.

Denken wir ruhig schlecht über den real existierenden Sozialismus.

Menschen, im großen Stil auszusondern war keine Eigenschaft dieses Systems.

Das tun wir, Honecker hat das nie getan.

Die Idee, dass Stärkere die Aufgabe haben, Schwächere mit durchzuziehen, die zutiefst sozial ist, wird in unserem System absolut abgelehnt.

Bestenfalls gibt es ein bedauerndes Lächeln, häufig empörte Zurückweisung.

Auf der deutschen Autobahn hält keiner mehr an, wenn ein anderer eine Panne hat.

Stattdessen wird mit Lichthupe und drängeln alles beiseite geräumt, was irgendwie schwach erscheint.

Dies ist unser Erfolgsrezept und zugleich der direkte Weg in die gesellschaftliche Selbstzerstörung.

Die Tatsache, dass auch ein unterbezahltes Zimmermädchen ein Leistungsträger ist, ist hier längst unter alle Räder geraten.

Unter diesen Bedingungen haben inzwischen auch viele Gewinner des Kapitalismus unser System satt.

Wer es irgendwie geschafft hat, seine Psyche zu retten, versteht, dass es so nicht weiter gehen kann, egal, wie viel er auf dem Konto hat.

Die Kaputten und Verrückten sitzen nicht selten in unseren Vorstandsetagen und viele von denen können sich nur noch mit einer Prise Kokain über den Tag retten.

Unser System verschleißt den Faktor Mensch auf äußerst brutale Art.

Vielen fehlt aber die Einsicht, dass sie nur Opfer eines barbarischen Hyperwettbewerbs sind.

Ein Vertreter kam mit schweren Panikattacken in meine Sprechstunde.

Es stellte sich heraus, dass diese vorzugsweise bei Tempo Zweihundertzwanzig auf der Autobahn auftreten.

Auf meinen Hinweis, dass es sich hierbei möglicherweise um einen Schutzreflex handelte, reagierte er mit Unverständnis.

Zweihundert auf der Autobahn, das sei doch inzwischen normal.

Wenn wir nicht aufhören, den Individuen selbst die Schuld für ihr Versagen zu zuschieben, landen wir bald in dem unmenschlichsten System, dass die Welt je gesehen hat.

Die soziale Marktwirtschaft, mit einem Markt, der sozial agiert, haben wir schon hinter uns gelassen.

Noch einen Schritt weiter und wir landen wieder bei den Menschenfressern.

Thats why!

Let´s talk about socialism!

 

 

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