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Initiative linker SozialdemokratenInnen in der SPD

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Als ich wurde was ich bin

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Lässt man Epochen seines Lebens in Abständen passieren entdeckt man seine Wiedergeburt, das wiederum kann man nachlesen bei Wolf Dieter Schnurre.

Einen Teil seiner Bücher fraß ich förmlich in mich hinein, auch mein Leben bestand aus Epochen, die geprägt waren von Menschen der Zeit und vom Zeitgeist.

Mittlerweile ist es mir gelungen den Kontakt zu finden zu meinem Grundschulfreund, der erblickte 2 Tage nach mir das Licht der Welt im gleichen Krankenhaus und wir beide hatten die Eltern der Nachkriegsgeneration, die eigentlich für das bessere Deutschland standen.

Sein Vater war der große Fritz, in NRW gab es damals noch den kleinen Fritz, der wiederum wurde 1956 NRW Ministerpräsident.

Der große Fritz wurde der 2. Sozialdemokratische Oberbürgermeister Iserlohns.

In dieser Zeit verbrachte ich meine Kindheit und wurde geprägt von einer Zeit in der Kinder noch die Freiheit fanden Spiele draußen vor der Tür auszuprobieren.

Wie wir nun dabei aussahen und wer wir waren war eigentlich unbedeutend, 10 oder 12 Jahre danach allerdings zeigte mir einmal eine Jungsozialistin eine Fotografie.

Ihre Ankunft als Flüchtlingsmädchen in meiner Heimatstadt.

Da erinnerte ich mich genau, die Briten bauten andere Zweckbauten, vorne und hinten gemauert, es gab ja im Nachkriegsdeutschland Steine genug und die Längsseiten waren aus Wellblech.

Meistens waren das drei oder vier dieser Unterkünfte und davor entlauste man die angekommenen Kinder.

Auf dem Foto erkannte ich mich, ich war einer von den neugierigen Kindern hinter dem Zaun.

Richtig verstanden haben wir das alles nicht und fast niemand erklärte uns das, vielleicht lag es auch daran, dass dieser Jahrgang 1948 zahlenmäßig etwas schwach war.

Die meisten Kinder in unserer Nachbarschaft waren noch Kriegskinder, die Jahrgänge von 1944 bis 48 gingen durcheinander und jedes Kind hatte Zuhause ganz andere Probleme.

Dagegen waren unsere Fragen eigentlich ein Dreck, da wohnten etliche zur Untermiete und wiederum andere zu 5 Personen in einer 2 Zimmer- Wohnung und etliche suchten ihre Väter.

Diese Gemengelage war das Spiegelbild des Nachkriegsdeutschlands, in meiner Grundschulzeit gab es etliche ältere Lehrkräfte und ein paar ganz Junge, die Generation dazwischen war fast verschwunden.

Sich dort einzubringen war nicht einfach, denn in manchen Köpfen wehte noch unterschwellig der Geist von Gestern.

Die Situation von Gestern beherrschte auch alle Gespräche der Erwachsenen, diese Gespräche über die Vergangenheit kamen noch vor dem Radiohören.

Aus heutiger Sicht kann man durchaus sagen, diese Epoche war gezeichnet von der Wiedergeburt der Spießbürger.

Nennen wir es anders, die Geburtshelfer der Bundesrepublik war das Kleinbürgertum mit materieller Ausrichtung.

Was sich nicht gehörte zu fragen war unanständig, man sollte folgsam sein.

Damit verdichtete man das gesellschaftliche Interesse zur Bürgertreue und Einigkeit, es fehlte an Ecken und Enden der theoretische Antipol.

Der erste Wandel allerdings vollzog sich mit der Stabilisation und den ersten sozialen Problemen Anfang der 60.er Jahre in dieser Republik.

Allerdings geschah das wiederum bei mir in Etappen, um hinter dem Horizont zu blicken fand eine Motorisierung statt vom Moped zum VW Käfer.

Fünf Jahre zuvor fuhren die Straßenbahner noch gemeinsam ins Ferienlager außerhalb der Stadt per Straßenbahn, nun besaßen auch sie mitunter einen gebrauchten VW Käfer.

Das wiederum spürte auch ich, nicht nur dass aus Vaters Dienst-Telefon mittlerweile ein ganz normaler Halb-Anschluss wurde, sondern der Vater meines Schulfreundes besaß einen Käfer.

Der wollte uns etwas Gutes antun und mitnehmen zu den Fußballspielen zur Endrunde der Deutschen Meisterschaft.

Ich sah u.a. Westfalia Herne im Dortmunder Stadion Rote Erde spielen und fühlte mich an und für sich auf meinem Fahrrad wohler.

Wir schätzen und pflegten unsere 3 Gang Kettenschaltungsfahrräder und hörten bis spät am Abend den Erzählungen von Älteren zu die per Fahrrad durch Holland und Belgien während der Ferien fuhren.

Uns hatte aber stets der Alltag wieder, das waren die Schulbücher und die Literatur nebenbei.

Es gab noch keine Schulbuchbefreiung von den Anschaffungskosten, man kaufte in Etappen.

Man fuhr zunächst per Fahrrad zu dem der das Buch besaß und der wiederum hatte den Zirkelkasten nicht.

Irgendwie entstand so meine erste Begegnung zu einem Mädchen was sich mit mir anfreundete, unsere ersten gemeinsamen Kontakte fanden in der Städtischen Bücherei statt.

Was wir wollten wussten wir nicht und was wir taten war mehr als harmlos aber wir brachen Tabus, wir probierten etwas aus und gerieten stets an die Grenzen der Kleinbürger.

Da gehörte sich also einiges nicht, bloß was sich gehörte sagte man mir auch nicht, nur was ich tun sollte.

Diese ersten Partys im Keller waren Gehopse von jungen Menschen in Konfirmationskleidung und irgendwann probierte man was anderes aus.

Ich wagte das einfach mal, vielleicht wurde ich auch zum Glück gezwungen.

Gemeindenachmittag für Jüngere im Pfarrsaal, der eigentlich am Klavier spielen sollte wollte mit seiner Freundin ins Kino und gab mir 5 Mark mit der Empfehlung spiele was du kannst.

Damit nahm mein Schicksal seinen Lauf, ich konnte nicht so viel und zudem folgte meine linke Hand nicht immer der Harmonie der Tasten.

Nach 4 oder 5 Liedern war mein Latein am Ende und ich schlug andere Lieder an und es sangen alle mit.

War eigentlich ein netter Tag nur der Pfarrer war ganz anderer Meinung, der machte mich wahrhaftig zur Schnecke.

Mir war es wurscht, ich hatte ja die 5 Mark – damit ins Kino zu gehen wurde wieder zur Herausforderung.

2 x Rasierplatz zu einem Film ab 18 des Samstags um 20 Uhr. Ulrike sah älter aus, die kaufte die Karten und nahm mich mit. Man darf gar nicht mehr daran denken, mit wieviel Tricks man dieses Spießbürgertum auskontern musste.

Das Wort „Toleranz“ gab es auf Schützenfesten nicht, nur das kollektive Besäufnis, mir graute stets davor- deshalb auf und davon und schon wurde man verdächtigt.

Einfach per Fahrrad an einen Bergsee und dort baden wo niemand badet und dann die Schulbücher auspacken, das Abenteuer vollenden in einer fremden Stadt, des Abends gemeinsam in den Wiener Wald gehen.

Irgendwann trauten wir uns Pommes Frites selbst herzustellen, stets die Frage „was macht ihr mit dem Öl?“- Wir machten es, mitunter gehört der Willen dazu und man sollte Neuland entdecken.

Jedes Neuland hat nämlich seine Reize, nur mitunter lagen die mir nicht.

Man wollte mich mal zum Campingfreund machen, von Freitags bis Sonntags und ich sagte zunächst ja, doch kennt ihr das Eigenleben der Campingfreunde und die Platzregeln?

Die setzte ich mal außer Kraft zum Entsetzen von Ulrikes Eltern, mit Ulrike spielte ich nämlich Schach von Abends 23 Uhr bis 6 Uhr in der Früh auf dem Bootssteg.

Damit hatte ich mich als weiterer Campingfreund disqualifiziert, ein weiteren Tabubruch. Irgendwie entdeckt man dabei stets seine Wiedergeburt als Mensch, man lebt doch um etwas zu wagen und nicht nur geregelt zu werden.

 

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