Mein Herz schlägt links

Initiative linker SozialdemokratenInnen in der SPD

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start

Teil 94 "Kurt Mühlenhaupt und seine Geister"

E-Mail Drucken PDF

 

 

 

Wenn ich mich recht erinnere, verspürte ich zunächst den Sinn zu einer längst fälligen Grundreinigung in dieser bzw. meiner Wohngemeinschaft andererseits hatte ich ja nur diesen Benutzervertrag und der schrieb das wiederum nicht vor.

Zudem war mir nicht danach des Abends um die Häuser zu ziehen, mein Geld war nicht gerade immer so flüssig und zudem hatte ich ein Ziel.

Das Ziel lautete, im Spätherbst die Abschlussarbeiten so einzureichen- das der Weg frei wurde ins Prüfungssemester.

Wobei ich eigentlich Zeit hatte, wusste aber am Ball zu bleiben und diese Stelle im Fachbereich trieb mich förmlich zu Taten.

2 Tage zu Anfang jeder Woche war ich für mehr als 2 Stunden beschäftigt, bekam dann sehr schnell heraus, wenn ich den dritten Tag diese Arbeit mache gibt es die Mensagutscheine für die ganze Woche.

Man musste also sehen wo man blieb, daheim war es etwas anders, uns gegenüber auf der Etage wohnte eine Witwe, ihr Mann war mal Polizist und sie hatte fast die ganze Wohnung an Polizeischüler untervermietet, ob das nun legal oder illegal war- uns war es eigentlich scheißegal.

Auffallend war für mich nur die Wohnsituation, hier lief alles anderes wie im Studentenheim, man ging sich zwar nicht aus dem Weg- machte aber trotzdem nicht viel gemeinsam.

Mein erster Gedanke war, ich bin hier der Jüngste und die älteren Mitbewohner müssen ganz andere Interessen haben, jeden Morgen fast der gleiche Ablauf- die neusten Tageszeitungen lagen auf dem Küchentisch und die Hälfte der Bewohner war bereits ausgeflogen.

Mich störte die Katzenwäsche am Morgen und dass ich erst nach 8 Uhr ins Bad kam, in der Küche brannten die Presskohlen in der Kochmaschine auf Sparflamme, meistens stand Balka noch vor dem Spiegel und trank den Pulverkaffee.

Nach ein paar Tagen tranken wir den gemeinsam, mehr wollte ich in dieser Küche nicht genießen.

Mittlerweile gingen wir gemeinsam zur U Bahn, unterwegs fanden wir den Bäcker- belegte Brote und Kaffee – das Ganze zu 1,80 DM.

Unser Weg war gleich, zwischen der HdK und der TU lagen nur fast 200 Meter, Treffpunkt war TU alte Mensa des Nachmittags 16 Uhr.

Wir hatten mitunter die gleichen Probleme, wobei ich über Balka nicht allzu viel wusste, lud sie nur mitunter spontan in die Mensa ein- hatte ja meine Gutscheine.

Das eigentliche Problem war allerdings, der Besuch des Lesesaales und genau das Buch finden was man benötigte.

Da halfen wir uns gegenseitig, war es hier nicht möglich könnte man in der HdK mehr Glück haben, hatte man auch dort kein Glück blieb zunächst die Uni- Buchhandlung Kiepert übrig.

Gezielt suchen und finden, das Buch zum Einlesen stand immer quer zu den originalverpackten.

Einlesen funktionierte meistens nur 15 Minuten, dann hatte man eine Buchhändlerin an der Seite und man brauchte sich gar nicht erschrecken, die Buchpreise für bestimmte Fachbücher hatten sich in den letzten 5 Jahren fast verdoppelt.

Nur wir wussten was wir wollten und dabei kam die zentrale Lage des Riehmers Hofgarten hinzu, die Gedenk Bibliothek am Halleschen Tor.

Die wurde in den späten Nachmittagsstunden fast zu einer Pilgerstätte und man fand immer etwas.

Balka hatte es des Abends mitunter eilig, sie ging Geld verdienen- na ja- sie war die Logenschließerin vom Hebbel Theater.

Ging sie nicht diesen Job nach, dann verfluchte sie die Kreuzberger Originale die uns den Weg kreuzten und die mangelnde Hygiene in der WG, das verstand ich nur zu gut. Abhilfe war das kleine Hallenbad in der Tempelhofer Götzstraße, min. 2 x in der Woche und ich ging mit.

Das war die eine Sache, kam Balka in Form ließ sie sich über all diese jüngeren Kreuzberger aus.

Einen Teil davon nannte sie Selbstdarsteller, den anderen Teil gestrandete Wessis und an den Strand gespülte Studenten.

Um das zu verstehen musste man Balka zu hören, die sagte nämlich einiges.

Stets kamen eigentlich unreife junge Semester aus westdeutschen Kleinstädten nach Kreuzberg oder Schöneberg, mit Paps Scheck und voller guter Absichten.

Nach 2 Semestern verschwanden die ebenso wieder, das waren nicht die schlechtesten- eigentlich schlimmer waren jene dran die aus welchen Gründen auch immer die Uni sausen ließen und sich dem Leben in diesem Bezirk widmeten.

Von denen, meinte Balka, findet nur 1/3 wieder den Anschluss- der Rest hängt herum. Vor diesem Rest warnte sie mich, man würde den allabendlich in den Szenekneipen finden.

Noch kannte ich das alles nicht, meine erste Kneipenerfahrung war die Rathausklause und die war für mich so etwas wie ein geöffnetes Wohnzimmer, komisch aber wahr- eine ganz andere Kultur.

Das sollte sich allerdings ändern, Kutte unser WG Manager lud einmal im Monat zum Gespräch und dabei erzählte er die neuesten Storys die ihm Ewald Schruppke zu getragen hatte. Meistens Freitag kurz nach 20 Uhr Gneisenau strasse Ecke Nostisch in Hakabus Gartenlaube, mit dem Wirt hatte er irgendein Abkommen geschlossen. Wir saßen nun alle dort und zahlten nicht mehr als 2,50 DM pro Person, endlich lernte ich mal die medizinische Abteilung kennen.

Die beiden jungen Damen waren einfach nett, nur sie mussten in der Früh wieder zur Schicht- Kutte allerdings sofort sein Zapfhahn im Delirium rief.

Balka allerdings meinte, ich zeige dir jetzt das typische an Kreuzberg, es war die Teilruine Zossener Straße, es war der Leierkasten.

Es war keine Frage, Balka war das ältere Semester und sie erlebte hier noch den legendären Kurt Mühlenhaupt und der wiederum hatte hier einige Gespenster aus seiner Zeit hinterlassen.

Menschen geprägt von Kreuzberg und gezeichnet vom Bierkonsum hier hingen sie unten an der Theke herum, oben war das etwas anders dort kam die Bedienung seltener hin- wer Glück hatte fand einen Sitzplatz an einem Tisch und man fand sogar interessante Nachbarn, zudem der Jazz- der Leierkasten war die Heimstätte der Kreuzberg- Stompers und der Name stand für Qualität.

 

Wahlkampf

Erneuerbare Energien

Statistiken

Benutzer : 348
Beiträge : 5711
Weblinks : 145
Seitenaufrufe : 13637803

Verwandte Beiträge