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Teil 109 "Vom Kontra zum Basteln"

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Ein Kontra auf die weitverbreitete Meinung, dass überwiegend junge Menschen nach Berlin zogen um sich den Grundwehrdienst zu entziehen.

Das wird bei einigen sicherlich der Fall gewesen sein, nur von denen kannte ich keinen.

Nach einiger Zeit im Beruf machte ich eine andere Feststellung, dass von den Absolventen der Hochschulen in Berlin nach circa 8 Monaten nur noch 60% in Berlin wohnten.

Fast die Hälfte aller Jahrgänge hatte nach fast einem Jahr Berlin verlassen, das hatte verschiedene Gründe.

Ein Grund war die damals relativ befriedende Wohnsituation in Berlin, irgendwann war jeder einmal das Wohnen in einer WG leid, das stetige Kommen und Gehen der Mitbewohner.

Es gab aber kaum Alternativen, auf dem Berliner Wohnungsmarkt waren die preisgünstigen Altbauwohnungen eine solche Herausforderung, dass man davon Abstand nahm.

Die damaligen Neubauprojekte in der Gropiusstadt sowie im Märkischen Viertel waren geprägt vom Sozialen Wohnungsbau, wer hatte dazu den Wohnberechtigungsschein?

Den hatte nur eine Minderheit unter den Absolventen, wenn er oder sie im Studium sich befand und der Partner einen Job hatte, zudem sollte man verheiratet sein und eine Familie planen.

Wer das vollzog kam nicht nur in den Genuss dieses Wohnberechtigungsscheines für eine preisgünstigere Neubauwohnung, sondern hatte Anrecht auf ein Einrichtungsdarlehen.

Für einige addierten sich in der Ehe die Darlehen, teilweise nahm man zuvor das Bafög und hatte nun noch ein zusätzliches Darlehen.

Es waren nicht wenige aber nicht die Mehrheit der Akademiker jener Jahrgänge die in die Gropiusstadt oder ins Märkische Viertel zogen, dennoch es gab sie- vielleicht waren es zahlenmäßig mehr als jene die vor dem Bund nach Berlin kamen.

All das war nämlich eine Maßnahme des Berliner Senats, junge und gut ausgebildete Fachkräfte in der Stadt zu halten.

Sagen wir es anders herum, wenn beide arbeiteten, bezahlten sie zwar etwas mehr an Miete aber trotzdem ging es ihnen sehr gut.

Nicht nur finanziell sondern auch wohnungsmäßig, das Zauberwort hieß: Ehestandsgründungsdarlehen in Berlin und das ließ sich keiner nehmen, den mit jedem Kind aus dieser Ehe verringerte sich das Darlehen um 1000 DM.

Nur bei allen Krediten und Zulagen, zunächst geht es um die Arbeitsstelle, dann kam der Weg zur Arbeit- erst dann verglich man.

Das war noch in der Zeit, wo es die Ausreißer im Einstellungsgehalt nicht in dieser Menge gab.

Sicherlich etliche hatten bereits etwas ganz anderes geplant als in Berlin Wurzeln zu schlagen, die blieben allerdings so lange im sicheren Hafen bis sie ihre Fähre ins Glück nahmen.

Ich erwähnte bereits in einem Artikel zuvor, für westdeutsche Arbeitnehmer in Berlin gab es die Apartments des ARWOBAUs.

Voraussetzung war, man war Westdeutscher und hatte einen Arbeitsvertrag in Berlin, dann funktionierte das und der ARWOBAU wurde damit zu einem Schmelztiegel.

Ich nahm diesen Weg auch, denn mir ging es zunächst um die Wohnqualität, billig war diese Art des Wohnens nicht- aber man benötigte weder Darlehen noch Kosten für Möbel.

Dieser Schmelztiegel war mehr eine Oase, denn hier war man unter sich und fand dabei fast keinen Kontakt zu seinen Nachbarn, das Klima war genau das Gegenteil von dem was in manchem Studentenheim das Leben prägte, man war hier zu unterschiedlich.

Aus heutiger Sicht meine ich, auch das konnte gewollt sein- denn das Wohnen hier sollte vorrübergehend sein.

Nachträglich erfuhr ich von einigen, die mir im Leben begegneten, sie gingen auch durch diese Epoche.

Für viele Arbeitnehmer endete diese Epoche mit der Probezeit, manche gingen zurück in den Wilden Westen und auch andere machten ihre Karriere und begannen etliche Male quer durch Berlin zu ziehen.

Für mich war der Entschluss Mitte des Jahres 1975 gefallen, mir gefiel diese Art des Wohnens nicht mehr.

Zunächst hatte ich mich beruflich soweit eingebracht, dass ich in diesem Betrieb meine Zukunft sah und zudem bildete ich mich des Abends etwas weiter und Gauß lag nun einmal im Wedding.

Die wenige Freizeit die ich hatte, verbrachte ich mitunter aktiv auf dem TIP Sportplatz am Columbiadamm oder an den Wochenenden unter Freunden unweit des Mommensstadions im Grunewald.

Das war im Sommer ideal, doch mir graute es vor Herbst und Winter im ARWOBAU vor den Toren der Stadt.

Mein Ziel war, in Berlin arbeiten und Berlin erleben.

Was nutzte mir das Erste, wenn ich das Zweite nicht schaffte?

Mein Auto hatte bereits das Kennzeichen „B“, ich aber besaß noch nicht den grünen Personalausweis- im Wilden Westen der Republik war ich bereits zum Berliner geworden, in Berlin lebte ich noch im Schmelztiegel.

Meine ersten Erfahrungen mit freien Altbauwohnungen waren das reine Abenteuer, nicht Kreuzberg sondern Charlottenburg- finsterer ging es nicht und verwohnter auch nicht- zwar war der Mietpreis niedrig aber es gab eine Zauberformel, die eigentlich verboten war.

Diese Zauberformel für Berliner nannte sich Abstand, Abstand für eigentlichen Sperrmüll den der Vormieter in der Wohnung lassen wollte.

Das Ding trieb mich fast zur Verzweiflung, fand ich gerade mal ein paar Bekannte im ARWOBAU zogen die bereits in den nächsten Wochen aus, gar manchen Umzug machte ich mit und träumte davon- es wäre meiner.

Mir kam ein Zufall zur Hilfe, denn im Betrieb gewann ich das Vertrauen einiger älterer Kollegen. Bis mich einer fragte, „willst du die Wohnung von meiner Tochter übernehmen?“

Natürlich wollte ich und damit begann meine Bastelära, wir bastelten damals nämlich denn Ikea war uns noch unbekannt.

 

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