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Gegentrends zur Humanität

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Was ist der Wert eines Menschenlebens?

Schwer zu sagen, es gibt keinen Vergleich.

Daher ist das Menschenleben in unserem europäischen Kulturkreis spätestens seit der Aufklärung ein absoluter Wert.

Johann Gottfried Herder schrieb folglich in seinen Briefen zur Förderung der Humanität, die in die Geschichte der Aufklärung eingingen: „Dies Ziel [des Menschengeschlechtes]ausschließend jenseits des Grabes setzen, ist dem Menschengeschlecht nicht förderlich, sondern schädlich. Dort kann nur wachsen, was hier gepflanzt ist, und einem Menschen sein hiesiges Dasein rauben, um ihn mit einem andern außer unsrer Welt zu belohnen, heißt den Menschen um sein Dasein betrügen.“

Ein für die damalige Zeit durchaus provokanter Satz, der uns heute eigentlich selbstverständlich vorkommt, aber Christentum durchaus nicht verankert war.

Die Wirkung des Christentums als Stifter von Menschlichkeit und Humanität auch zur Bewahrung eines jeden Menschenlebens wurde eigentlich erst während der Aufklärung in den Vordergrund gestellt. An gleicher Stelle schreibt Herder:

„Ja, dem ganzen menschlichen Geschlecht, das also verführt wird, seinen Endpunkt der Wirkung verrücken, heißt ihm den Stachel seiner Wirksamkeit aus der Hand drehn und es im Schwindel erhalten.“

Eine deutliche Aufforderung also, Humanität als diesseitiges Ziel zu betrachten und in diese Richtung zu wirken.

Passend dazu beschreibt er auch eher das Wirken Christi, als sein Leiden, als sinnstiftend.

„Die Religion Christi, die er selbst hatte, lehrte und übte, war die Humanität selbst. Nichts anders als sie, sie aber auch im weitsten Inbegriff, in der reinsten Quelle, in der wirksamsten Anwendung. Christus kannte für sich keinen edleren Namen, als daß er sich den Menschensohn, d. i. einen Menschen nannte.“

Die Religion selbst war nach Herder auf Humanität orientiert.

„Je reiner eine Religion war, desto mehr mußte und wollte sie die Humanität befördern. Dies ist der Prüfstein selbst der Mythologie der verschiedenen Religionen.“

Sicher eine Sichtweise, an der man heute Zweifel haben kann, wenn Religionen geradezu dazu auffordern, als Märtyrer ins Paradies zu kommen oder dem Menschenleben nur einen sehr begrenzten Wert zumessen, seinen Wert unter Bedingungen stellen und es in Klassen einteilen, beispielsweise in Gläubige und Ungläubige.

In den Briefen Herders zur Förderung der Humanität, die lesenswert sind, weil sie deutlich machen, dass es die Kombination von Aufklärung und Christentum war, die zur Entwicklung von Humanität als absolutem Wert führte, wird dann der Bogen zu einem idealen Staat im Sinne der Aufklärung Herders geschlagen.

„Je besser ein Staat ist, desto angelegentlicher und glücklicher wird in ihm die Humanität gepflegt; je inhumaner, desto unglücklicher und ärger. Dies geht durch alle Glieder und Verbindungen desselben von der Hütte an bis zum Throne.“

Herder sah eine gewisse Zwangsläufigkeit in der Weiterentwicklung der Humanität, so als sei sie dem menschlichen Geist genetisch mitgegeben. In diesem Sinne ein echter Optimist.

„Wie jeden aufmerksamen einzelnen Menschen das Gesetz der Natur zur Humanität führt, seine rauhen Ecken werden ihm abgestoßen, er muß sich überwinden, Andern nachgeben und seine Kräfte zum Besten Andrer gebrauchen lernen: so wirken die verschiedenen Charaktere und Sinnesarten zum Wohl des größeren Ganzen. Jeder fühlt die Uebel der Welt nach seiner eigenen Lage; er hat also die Pflicht auf sich, sich ihrer von dieser Seite anzunehmen, dem Mangelhaften, Schwachen, Gedrückten an dem Theil zu Hilfe zu kommen, da es ihm sein Verstand und sein Herz gebietet. Gelingt's, so hat er dabei in ihm selbst die eigenste Freude; gelingt's jetzt und ihm nicht, so wird's zu anderer Zeit einem Andern gelingen. Er aber hat gethan, was er thun sollte und konnte.“

Der Staat sollte diese Entfaltung zur Menschlichkeit fördern.

„Ist der Staat das, was er sein soll, das Auge der allgemeinen Vernunft, das Ohr und Herz der allgemeinen Billigkeit und Güte: so wird er jede dieser Stimmen hören und die Thätigkeit der Menschen nach ihren verschiednen Neigungen, Empfindbarkeiten, Schwächen und Bedürfnissen aufwecken und ermuntern.“

Das Ziel, die Vollendung der humanen Gesellschaften wird klar in den Raum gestellt und nicht angezweifelt.

„Die Perfectibilität ist also keine Täuschung; sie ist Mittel und Endzweck zu Ausbildung Alles dessen, was der Charakter unsers Geschlechts, Humanität, verlangt und gewährt.“

Der Weg dorthin liegt ganz klar, nicht nur für Herder, sondern auch für anderen Vertreter der deutschen Aufklärung, wie Kant und Lessing im humanen Handeln.

Der Mensch als humane Kraft bekommt dabei eine absolute Bedeutung.

Ein Menschenleben ist also auch von absolutem Wert (Anmerkung des Autors).

„Das ist mein Credo. Speremus atque agamus!“

Christliches Handeln, Humanes Handeln und Aufklärung gehören seitdem zusammen und stellen eine „Menschenpflicht“ dar, wie Herder es ausdrückt.

Die Grundwerte geraten ins Schwanken

Die Frage ist, wo wir heute stehen bei der Verwirklichung der Humanität, die als Grundwert unsere christlichen Gesellschaften, zumindest seit der Aufklärung, geprägt hat und, wenn man Herders Menschenbild folgen will, zwangsläufig weiter zur Vollendung streben muss?

Eine gewisse Skepsis darf man haben.

Einerseits waren weder die vielen Kriege, die seitdem geführt wurden, noch der Faschismus und der Stalinismus, nicht der Holocaust und nicht Srebrenica in der Lage, die Idee der Humanität aus den Angeln zu heben.

Andererseits sieht es augenblicklich so aus, dass wir uns immer weiter von einem humanitären Anspruch entfernen und immer öfter „Fünfe gerade sein lassen“, wenn es um die Frage geht, ob sich der Wert eines Menschenlebens nicht doch irgendwie relativieren lässt.

Das geschieht auch in unseren europäischen Gesellschaften derzeit ganz ohne einen europäischen Krieg, könnte einem solchen aber irgendwann die Bahn brechen.

Was ist gemeint?

Massenmedien wirken eher gegen die Grundwerte der Aufklärung

Angesichts eine Überflutung von ungelösten Problemen durch die Menschen millionenfach betroffen sind, wird nicht mehr der Einzelne in seiner besonderen Bedeutung gesehen, sondern einer „Massenhaftigkeit“ das Wort geredet, die den Einzelnen als Teil der Masse herabsetzt und in seinem Wert nicht sieht.

So geschehen in den letzten Wochen und Monaten angesichts der Flüchtlingskrise, in der medial immer nur kurze Schlaglichter auf Einzelschicksale geworfen werden, während überwiegend die Masse als Problem Betonung bekommt.

Die Schlaglichter gibt es vor allem dann, wenn der Extremfall eintritt, ein Kind ermordet wurde, dass in der Hoffnung auf Sicherheit nach Deutschland kam oder ein anderes im Mittelmeer ertrinkt und leblos am Strand liegt.

Nur im Extremfall entschließen sich die „Massenmedien“ noch, Einzelschicksale in den Vordergrund zu stellen.

Der Mensch aber ist als Einzelner das Maß aller Dinge und nicht als Masse! Das verstößt massiv gegen den Gedanken der Aufklärung und dazu gehörige Humanität!

Unaufgeklärter Islam dominiert das Denken vieler Menschen

Nach Jahrzehnten, in denen in vielen islamischen Ländern eine Trennung zwischen Staat und Religion herrschte, ist mit den staatlichen Zerfallsprozessen, die überall zu beobachten sind, die Scharia als partielle oder totale Grundlage der staatlichen Ordnung auf dem Vormarsch.

Die Regeln der Scharia aber sind entstanden, bevor die Aufklärung in Europa das Verhältnis zwischen Staat und Religion veränderte.

In Europa war eine aufgeklärte Religiosität die Folge, später schlossen sich auch islamische Staaten dieser Einstellung an.

Die Türkei ist ein Beispiel dafür, aber auch der Iran, der Irak, Pakistan und Afghanistan und Syrien sowie einige afrikanische Staaten stellten solche Beispiele dar, wie der Gedanke der Aufklärung in den letzten zwei Jahrhunderten auch in der islamischen Welt Fuß gefasst hat.

Genau dieser aufgeklärte Islam, der nicht strikt nach den Regeln der Scharia verfährt, um das gesellschaftliche Leben zu ordnen, ist derzeit auf dem Rückzug.

Das spüren wir auch hier in Europa und viele Menschen haben ein Unbehagen, wie kämpferisch manche religiöse Gruppen, gegen die Grundwerte der Aufklärung rebellieren, wie stark mittelalterliche und oft dunkle Traditionen gegen Menschenrechte und den Wert des Menschenlebens gesetzt werden.

Dieser Trend nimmt zu und hat eine antihumanistische Qualität, auch wenn es den aufgeklärten Islam, der von manchen auch als gemäßigter Islam bezeichnet wird, natürlich weiterhin gibt und unter Moslems in Europa hoffentlich weiterhin die Mehrheitsmeinung darstellt.

Ökologische Werte verdrängen humanitäre Werte

Ein Sonderfall, der sicherlich umstritten ist, lässt sich gleichwohl erkennen.

Die ökologische Bewegung hat es möglich gemacht, das die Menschheit sich selbst als Bestandteil eines zu erhaltenden globalen ökologischen Gleichgewichtes begreift.

Ohne Zweifel ein Fortschritt.

Dennoch entsteht im Rahmen von ökologisch orientierten Bewegungen, Strömungen, Organisationen und Parteien immer deutlicher eine Art von humanitärem Fatalismus.

Dieser führt dazu, dass manche Grünen eine Ökodiktatur fordern oder aber den Menschen als Schädling der Erde sehen und auch offen bezeichnen.

Man hört Meinungen, dass der „Mord“ an Tieren vergleichbar mit der Vernichtung menschlichen Lebens sei und Menschen deshalb den Tod verdient hätten.

Radikale Tierschützer fordern die Todesstrafe für Tierquäler und schließlich gibt es in der Zeit des „ökologischen Fußabdruckes“ die Idee, Menschen Emissionsrechte zu erteilen, nach deren Verbrauch sie ihr Leben verwirkt hätten.

Alles Vorstellungen und Einstellungen, die humanitären Grundwerten nicht gerade gut tun und sich weit von den Ideen der Aufklärung und des Christentums entfernt haben.

Solche psychopathisch wirkenden Gruppen bekommen mit zunehmender Pluralisierung der Gesellschaft auch zunehmend Zulauf, was nur erschrecken kann.

Politische Eliten entfernen sich ebenfalls von den Werten der Aufklärung

Auch wenn Herder in seinen erwähnten Briefen an einer Stelle Martin Luther zitierte, der gesagt haben soll, man dürfe dem Volk nicht zu viel Pfeifen, es würde dann zur „Tollheit“ neigen, sollte man nicht vergessen, dass sich unsere Demokratie als zwangsläufige Folge der Aufklärung entwickelte.

Beides gehört zusammen und ist kein Endzustand.

So wie sich die Humanität und die Aufklärung immer weiter entwickeln sollen, muss die Demokratie auch immer demokratischer werden!

Damit ist im Sinne der Aufklärung sicher nicht die Willkür der Mehrheit gegen die Minderheiten gemeint, sondern ein Gemeinwohl an dem jeder Teil hat und in dem jeder wirkt und somit auch bestimmt.

Ein kompliziertes Modell, sicher. Dennoch ist es das einzig denkbare Modell im Sinne einer fortgesetzten Aufklärung.

Ein Rückschritt zu einer repressiven Demokratie der Mehrheit, wie sie in kommunistischen Ländern dominierte und jetzt im postsowjetischen Raum erneut stattfindet, ist dabei ebenso obsolet, wie eine Elitendemokratie, die das Volk für unmündig erklärt und bestenfalls die Notwendigkeit von Erziehung zugesteht, nicht aber echte Entscheidungsgewalt.

Beide Modelle sind nicht im Sinne der Aufklärung.

Im Rahmen komplexer werdender Entscheidungsprozesse, beispielsweise in der Gemengelage der Europäischen Union ist der Trend zu einer Elitendemokratie unverkennbar und der ist ebenso schädlich für den Gedanken der Aufklärung, wie es repressive „Volksdemokratien“ in Russland, Weißrussland und neuerdings auch in der Türkei sind, die Mehrheiten herbeimanipulieren, die dann Minderheiten an den Rand drängen.

Das ist allerdings auch in den Mechanismen zu erkennen, die unsere Medien in den westlichen Demokratien bestimmen.

Mehrheiten werden nicht vernünftig ermittelt und dann mit Minderheiten abgeglichen, um zu einem sinnvollen Ganzen zu kommen.

Mehrheiten werden auch in den Medien inzwischen herbeimanipuliert, um sie dann gegen unerwünschte Minderheiten in Stellung zu bringen.

Fazit

Der Geist der Humanität, wie ihn die europäische und amerikanische Aufklärung im achtzehnten Jahrhundert in die Welt gebracht hat, ist ein Trend, der immer wieder gebrochen und unterbrochen wurde.

Denken wir nur an den Faschismus oder den Stalinismus.

Dieser Geist der Humanität ist weiterhin gefährdet und unterliegt auch heute diversen Gegentrends, welche die Menschheit von einem humanitären Denken entfremdet.

Das ist auch bei uns, in den gefestigten Demokratien der Fall und sollte bewusst gemacht werden.

Diese Bewusstmachung ist nicht nur bei der Bevölkerung, sondern leider auch bei den maßgeblichen Eliten eher ins Hintertreffen geraten.

Diese Entwicklung sollte als bedenklich aufgezeigt werden.

 

 

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