Mein Herz schlägt links

Initiative linker SozialdemokratenInnen in der SPD

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start

Holt die Kids aus ihren Bubbles raus!

E-Mail Drucken PDF

 

 

 

Unser Sascha sitzt in Kiew vor dem Computer.

Eine Zustandsbeschreibung, die nicht nur den jetzigen Augenblick meint, sondern die letzten neun Monate.

Wir haben ihn nach Kiew gebracht, weil er in Russland bei seinem Vater keine Perspektive mehr hatte. Er war verwahrlost und desorientiert, hatte im Dorf niemanden mehr.

Nach Deutschland haben wir ihn nicht bekommen. Alle Versuche ein Visum zu erhalten, scheiterten an der mangelnden Rückkehrbereitschaft des jungen Ukrainers, welche die Botschaft sah. Nichts zu machen.

Also sitzt er in Kiew und spielt Videospiele. Ab September soll er eine Ausbildung beginnen, die meine Frau für ihn organisiert hat. Ich habe Zweifel, ob der das durchhält.

So weit, so persönlich.

Ein zweiter Umstand ist dabei weniger persönlich und betrifft die Frage, mit wem unser Sascha seine Online-Spiele teilt. Es entsteht im Verlaufe einer Unterhaltung das Bild eines großen Netzwerkes von Spielern, zu denen auch sein Mitbewohner zählt, der in Kiew einer Teilzeitbeschäftigung als Sicherheitsmann nachgeht. Die meisten von den Spielern aber sind 7/24er, d.h. sie sind an sieben Tagen die Woche für 24 Stunden online!

Manchmal gehen Sascha und Serogia Fußball spielen, aber das ist selten geworden. Meistens spielen sie dieses Spiel, in dem sie ihre Identität mit einer Rolle getauscht haben, in der sie sich ganz offensichtlich wohler fühlen, als in der eigenen Haut.

Es entsteht eine andere Wirklichkeit, die relevanter, spannender und bequemer zu haben ist, als die reale Normalität. Essen und Trinken muss man noch, sicher, aber der Rest? Nebensächlich. Solche Simulationen von Wirklichkeit sind der Renner auf dem Markt der Online-Spiele.

Serogia ist gerade dabei seine Ehe zu vergessen, auch wenn diese noch bestehen mag. Anstrengungen zu ihrer Rettung unternimmt er nicht. Seine Resilienz gegen Krisen im Alltag basiert auf den Spielen, dem Teilzeitjob und den Eltern, bei denen er sich häufig aufhält. Er ist Mitte Dreißig. Kein seltenes Schicksal.

Sascha ist noch schlimmer dran. Er ist Anfang zwanzig, keine Ausbildung, den Schulabschluss hat er gerade als Externer nachgeholt, immerhin. Meine Frau hat ihm ein Zimmer bei einer Familie besorgt. Da sitzt er nun. Auf meine Frage, warum er nicht raus geht und etwas unternimmt, antwortet er. Er möchte keinen Mist mehr machen und bleibt deshalb lieber vorm Computer sitzen. Eine Strategie, die immerhin schon ein dreiviertel Jahr funktioniert. Neulich hat meine Frau ihm ein Praktikum in einer Autowaschanlage besorgt. Schon am zweiten Tag kam er mittags nachhause und wollte nicht mehr.

Die Wirklichkeit ist ganz anders als das Spiel! Ein großes Problem für viele junge Menschen. Sie beißt, sie tut weh und abends schmerzen einem die Muskeln und Gelenke. Der Computer beißt nicht, aber er verströmt ein Gift, das nach außen hin passiv macht, während man innen drin langsam anfängt zu kochen.

Megatrend Verarmung betrifft die Industriegesellschaften ebenso wie die Übergangsgesellschaften

Der neue McKinsey-Report von letzter Woche prophezeit den Industrieländern eine nie gekannte Schicht von Armen. Die Verarmung betrifft dabei vor allem auch die Mittelschichten, das Prekariat wird also größer werden.

Gerade las ich in einem Artikel von einem Aufstand der Armen, der den Industrieländern, insbesondere den USA bevorstünde. Donald Trump würde diese massive Unzufriedenheit der verarmten Bevölkerung für seinen Wahlsieg nutzen. Mal sehen.

Junge Menschen in erster Linie von Verarmung betroffen

Arm ist aber nach McKinsey vor allem jung und wird gerade die Menschen betreffen, welche die Gesellschaften zu ihrer Weiterentwicklung dringend benötigen, die Menschen, die bei uns ein rares Gut sind, die Jungen!

Ich habe Zweifel, ob diese jungen Armen in absehbarer Zeit den Aufstand proben werden. Wenn ich an Kiew denke, wie viele junge Leute dort an ihrer Lebensperspektive verzweifelt sind und sich hinter irgendeinem Monitor verschanzen, um das Leben nur noch zu spielen, glaube ich nicht an einen Aufstand.

In Deutschland mit seinen relative großzügigen Transferleistungen wird es noch sehr lange ruhig bleiben, weil sich auch hier die jungen Menschen lieber mit Tablets und Handys in den sozialen Communities tummeln, als gegen ihre Perspektivlosigkeit auf die Straße zu gehen. Die Revolution wird nicht kommen, aber etwas anderes wird kommen oder ist schon da.

Man kann niemanden auf Dauer wirklich still halten, auch mit Videospielen nicht und einer Paraexistenz in den sozialen Communities. Die Eliten in unseren Ländern werden zwar noch eine ganze Weile das Gefühl von absoluter Macht behalten, aber unsere Länder werden immer schwerer begehbar sein.

Junge Menschen auf dem Weg zur verlorenen Generation – die Terrorgefahr ist größer als die Gefahr von Aufständen

Junge Menschen, welcher Abstammung sie auch sein mögen, werden immer schlechter in unsere Gesellschaften integriert, sie sind immer häufiger Abgehängte, denen man noch Lehrstellen anbietet, die sie aber oft nicht mehr machen können. Sie sind psychisch häufig schon in narzisstischen Phantasien gefangen, finden keinen echten Kontakt zu den Älteren mehr, zu den Arbeitgebern, gar den Eltern und Gleichaltrigen. Ihre Subkultur findet im Internet statt und zugleich sind sie oft stark vereinsamt.

So passiert es immer öfter, dass abgekapselte junge Menschen sich radikalisieren, weil die Wirklichkeit als korrektiv kaum noch für sie spürbar ist. Die soziale Dissonanz ist gewaltig, gleichzeitig fehlt es an sozialen Lernprozessen, beispielsweise dem Umgang mit der eigenen Aggressivität und es fehlt vor allem an Anerkennung!

Derart wenig integrierte und perspektivlose junge Leute sind die ideale Projektionsfläche für radikale, auch brutale Ideen und Ideologien. Da spielt es sogar eine untergeordnete Rolle, ob rechtsradikal, linksradikal oder islamistisch oder aber in manchen Fällen die inhaltslose Gewalt, die Idee Amok zu laufen. Schwer zu sagen, in wie vielen jungen Köpfen das herumspukt.

Die eigentliche Bedrohung aber ist der Terrorismus, sondern der gesellschaftliche Zerfall der sich in der Perspektivlosigkeit und Isolation gerade auch der jungen Menschen zeigt. Wenn es für Millionen Europäer nichts Lohnendes außerhalb des Computers mehr gibt, dann wird die Welt zum Hassobjekt. Keine gute Aussicht für Millionen arbeitslose, junge Leute in Europa.

Das Problem, das die digitale Bubble für unsere Gesellschaft darstellt, dass Millionen Abgehängte sich dort tummeln, ihre Wut in Hass-Postings verewigen oder in Ballerspielen abreagieren, sich radikalisieren oder einfach nur ihren Antrieb verlieren, ist kein Problem des Internets. Es ist ein Problem der Gesellschaft, die die Abgehängten vor die Bildschirme delegiert und sie dort schmoren lässt, gerade auch die Jungen.

Neue gesellschaftliche Kohärenz kann nur konservativ sein, ansonsten droht der Autoritarismus

Gerade dort, wo der liberale Zeitgeist und der Wohlstand breite Schneisen in die sozialen Zusammenhänge geschlagen haben, in den USA, in den Westeuropäischen Ländern und in Japan wirkt die Jugend besonders angeschlagen und verunsichert. In den ehemaligen postsowjetischen Gesellschaften sieht es oft nicht besser aus, wie das Beispiel Kiews zeigt. Allerdings gibt es auch Gesellschaften, die den traditionellen sozialen Zusammenhang neu betonen. Die Ostdeutschen gehören dazu, die Polen und die Franzosen, die allerdings dafür eine große Gruppe von Immigranten an den Rändern ihrer Metropolen verschimmeln lassen.

Der Ausweg bleibt aber dennoch ein konservativer Ansatz. Betonung der Familie, Förderung der ländlichen Räume, Reduzierung der Urbanisierung, große Bildungsanstrengungen, von denen derzeit noch wenig zu spüren ist und vor allem Förderung der Arbeitsmärkte mit allen Mitteln. Denn ohne Arbeit lassen sich junge Menschen nicht in die Gesellschaft integrieren.  Das alles muss europaweit koordiniert werden, um unsere Kids aus ihren Bubbles rauszuholen.

Wir riskieren ansonsten mehr, als eine verlorene Generation. Wir riskieren das Ende der Demokratie, so wie wir sie bisher gewohnt sind. Die Anstrengungen sind dringend notwendig, denn entwurzelte und orientierungslose Menschen können sonst nur noch in einer Diktatur oder einem autoritären System neu zusammengefasst werden. Unsere ausgrenzenden Gesellschaftsformen provozieren diese Entwicklung zum Autoritarismus geradezu!

 

Wahlkampf

Erneuerbare Energien

Statistiken

Benutzer : 347
Beiträge : 5712
Weblinks : 145
Seitenaufrufe : 13650696

Verwandte Beiträge