Mein Herz schlägt links

Initiative linker SozialdemokratenInnen in der SPD

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start

Das britische Gesundheitssystem kollabiert langsam, als nächstes sind wir dran!

E-Mail Drucken PDF

 

 

 

Die Briten fahren gerade ihr Gesundheitssystem vor die Wand.

Das berühmte National Health System ist in den letzten Jahren finanziell so ausgehungert worden, dass Großbritannien, von einem der am besten zahlenden europäischen Länder, für Ärzte inzwischen unattraktiv geworden ist.

Man erinnert sich noch an die Zeit von vor 10 Jahren, wo Gastärzte im Land des Ärztemangels heiß umworben waren. Viele Allgemeinmediziner flogen übers Wochenende nach England und kamen mit zweitausend Pfund mehr in der Tasche am Montag nachhause. Jahresgehälter für Fachärzte lagen damals bei einhunderttausend Pfund, was im Vergleich zum Rest Europas ein absoluter Spitzenwert war.

Inzwischen hat sich die Gesundheitspolitik in Großbritannien gründlich geändert, das NHS läuft seit mehreren Jahren auf Diät, die Kosten laufen den Briten davon.

Restriktion statt Innovation

Das staatliche Gesundheitssystem wird dabei weiterhin budgetär gesteuert, Anreize zum Sparen gibt es wenige, weshalb die Drosselung der Budgets für die Politik das einzige Mittel darstellt, die Kosten zu kontrollieren.

Leidtragende sind die Menschen, die in diesem System ihr Geld verdienen und von geregelten Arbeitszeiten nur träumen können, wenn sie Leistungserbringer sind, also in Kliniken und Praxen des NHS arbeiten müssen.

Das sind vor allem die Junior Doctors, die derzeit im Streik stehen, weil es erneute Verschärfungen ihrer Arbeitszeiten gibt. Die Wochenend-Dienste sollen teilweise als Regelarbeitszeit gelten, was angesichts des britischen Ärztemangels zu einem weiteren Anstieg der Wochenarbeitszeit führen wird und sich kaum in der Bezahlung niederschlägt. Unter 50 Stunden pro Woche arbeitet in den Kliniken in England jetzt schon kein Junior House Doctor mehr, die Tendenz ist neuerdings steigend.

Begründung für die verlängerte Wochenarbeitszeit am Samstag ist, dass eine Studie Hinweise gefunden hat, dass Patientin, die am Wochenende in die Kliniken eingeliefert werden, geringere Überlebenschancen haben, als solche, die am Montag krank werden.

Ein erschreckender Befund, sicherlich.

Qualitätsproblem lässt sich nicht durch Mehrarbeit lösen

Allerdings arbeiten britische Ärzte schon längst am Limit, so dass man sich fragt, wer die vermehrte Wochenendarbeitszeit in den Kliniken abdecken soll? Hier reichen sich Unterfinanzierung und Ärztemangel die Hand. Je schlechter die Bedingungen, desto weniger sind noch bereit im GP-Bereich, in der Kinderheilkunde und ähnlichen Bereichen zu arbeiten.

Dies gilt übrigens nicht nur für die Juniors (Assistenzärzte), sondern auch für Spezialisten, die ebenfalls mit extrem hohen Wochenarbeitszeiten zu kämpfen haben. Die Briten werden eben auch nicht jünger.

Britische Mediziner malen den Teufel an die Wand – die Stimmung ist apokalyptisch

Äußerst fatalistische Aussagen britischer Mediziner kommen nun zunehmend häufiger in die Medien, was insofern für England speziell ist, weil die Medien in den letzten Jahren gewohnt waren, den offiziellen Regierungskurs gegen die Ärzte zu stützen. Diese sollten sich mehr anstrengen, mehr arbeiten und nicht so sehr nach besseren Bedingungen und Bezahlung fragen. Eine regelrechte Propaganda hätten die Medien in den letzten Jahren verbreitet, berichten viele Mediziner.

In Deutschland sieht es derzeit besser, aber nicht gut, aus

Wenn man Deutschland als Vergleich nimmt, das in den letzten Jahren finanziell erheblich nachgebessert hat, zumindest was die Ärzteschaft angeht, nicht aber, was die anderen medizinischen Berufsgruppen betrifft, sind die Wochenarbeitszeiten unserer Mediziner zumindest leicht rückläufig. Dies ist auch der zunehmenden Beteiligung von weiblichen Kollegen zu danken, die eben doch noch ein Familie haben wollen.

Allerdings ist der Ärztemangel auch in Deutschland nach wie vor ein großes Thema und bestimmte Fachrichtungen sind davon sehr stark betroffen. Hier lässt sich wieder ein Vergleich ziehen.

Strukturanpassungen gab es in England in der Psychiatrie, aber das ist lange her

Während in Deutschland Psychiater und Psychotherapeuten relative Mangelware sind und in den nächsten Jahren viele Ärzte dieser Fachrichtung in Rente gehen, wird dieser Bereich in England inzwischen von anderen Berufsgruppen abgedeckt. Insbesondere Pflegekräfte, Sozialarbeiter und Psychologen füllen die Lücken, welche in England schon vor Jahren einen System-Change erzwungen haben.

Psychiatrische Klinikbetten wurden abgeschafft und ambulante psychiatrische Zentren versorgen die Gemeinden. Damit ist zumindest in dem Bereich, der subsidiär auch von anderen Berufsgruppen abgedeckt werden kann, Entlastung geschafft worden. Aber auch hier zieht sich der Flaschenhals langsam zu. Immer mehr psychische Störungen treffen auf immer weniger (und immer ältere) Fachärzte. Keine gute Entwicklung.

Eine neuere Schätzung der WHO geht davon aus, dass psychische Erkrankungen weltweit zunehmen werden und die Depression als Todesursache bis 2020 eventuell sogar auf Platz zwei der häufigsten, tödlichen Erkrankungen aufrücken kann.

“Wer will das behandeln, wer soll das bezahlen? Muss man künftig Antidepressiva ins Trinkwasser tun?

Eine Polemik für ein ungelöstes Problem, dem derzeit in England lediglich ein rigides Spardiktat gegenüber steht. Ein Systemwechsel, der die Probleme in Angriff nimmt, ist dort jedenfalls nicht in Sicht.

Gesundheitswirtschaft in Deutschland floriert auf tönernen Füßen!

Der deutsche Weg, die Menschen über eine privatisierte Gesundheitswirtschaft zu versorgen, die ihre Effizienz aus Profitstreben erhält, ist leider auch nicht sehr effektiv. Denn in diesen Sektor muss man so viel Geld hineinpumpen, dass auch noch der letzte chinesische Aktionär eines amerikanischen Gesundheitskonzerns, der deutsche Klinikketten betreibt, seine Renditeerwartungen erfüllt bekommt.

Dadurch bekommen wir zwar unter dem Strich mehr Innovation und mehr Service in unsere Gesundheitseinrichtungen und Kliniken, aber der Preis ist spektakulär!

Zumindest lockt unser System jetzt mehr Ärzte aus anderen Ländern an, als früher und inzwischen auch mehr, als das britische NHS, das mit seinen drastisch schlechten Arbeitsbedingungen mit Sicherheit in den nächsten Jahren gegen die Wand fahren wird.

Bei uns in Deutschland wird es vermutlich noch dauern. Solange wir Vollbeschäftigung haben, fallen die riesigen Summen die in das Gesundheitssystem fließen, nicht so auf.

Nur vergessen wir eines nicht. Die Gesamtausgaben unseres Gesundheitssystems liegen derzeit bei über 330 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist genauso viel, wie der gesamte Bundeshaushalt unserer Republik. Ein paar Prozentpunkte mehr Arbeitslosigkeit und die Krankenkassen fahren gewaltige Defizite ein. Dann sieht es bei uns auch nicht anders aus, als in England, wir fallen nur tiefer als die Briten, die sich schon heute mit weniger begnügen müssen.

Strukturelle Ursachen von Erkrankungen werden weiter ignoriert, der Change den unsere Gesellschaft braucht um gesünder zu werden, wird nicht angegangen

Was letztlich fehlt sind ernsthafte Anstrengungen, die strukturellen Ursachen der teuersten Erkrankungen in unseren Ländern anzugehen. Diese sind allerdings bekannt. Bei den psychischen Erkrankungen sind das in erster Linie soziale Faktoren, der Ungleichheit, der Spreizung zwischen arm und reich, schlechte Arbeitsbedingungen, Konkurrenzdruck und des Zerfalls sozialer Zusammenhänge und Verbindlichkeiten in einer forciert globalisierten Gesellschaft und schließlich der politischen und sozialen Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen, die kaum noch eine sozial anerkannte Lebensperspektive haben.

Das macht krank! Unsere Studien und Statistiken geben genau das her. Krankkeit ist vor allem etwas für arme, sozial wenig anerkannte und unterbezahlte Bevölkerungsgruppen, welche typischerweise auch häufiger psychisch erkranken.

Krankheitsresilienz (Widerstandsfähigkeit) entsteht durch sozialen Ausgleich, Integration und Teilhabe an funktionierenden sozialen Verbänden und soziale Anerkennung.

Allein die psychischen Schäden, die unser, ungehemmt vorangetriebener, Neoliberalismus verursacht, haben zu einem Anstieg psychischer Erkrankungen geführt, welcher diese auf Platz 2 der volkswirtschaftlich teuersten Erkrankungen katapultiert hat. Diese liegen seit wenigen Jahren vor den Krebserkrankungen und hinter den Herzkreislauferkrankungen (die ebenfalls hohe psychische Anteile aufweisen).

Wie sich ein Gesundheitssystem anfühlt, das unter solchen Bedingungen langsam kollabiert, dürfen wir in den nächsten Jahren wohl erst einmal bei den Briten beobachten. Danach sind wir irgendwann dran, wenn wir an unserem Gesellschaftssystem nichts ändern.

 

Wahlkampf

Erneuerbare Energien

Statistiken

Benutzer : 337
Beiträge : 5710
Weblinks : 145
Seitenaufrufe : 13618134

Verwandte Beiträge