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Was wollen die AfD-Wähler?

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Einen relativ gut recherchierten, interessanten und intelligent geschriebenen Artikel über den Umgang der Parteien mit der AfD gibt es von Justus Bender in der heutigen FAZ.

Offensichtlich hat der Autor für alle etablierten Parteien, die zuständigen Analysten und Spezialisten für den Kampf gegen die AfD kontaktiert und sehr verschieden intelligente Antworten erhalten.

Am dümmsten ging es wohl bei der SPD zu, wo Alexander Petring die Aufgabe hat, Konzepte für den Umgang mit der rechten Konkurrenz zu entwickeln. Viel scheint dabei nicht rausgekommen zu sein, Petring äußert sich eher emotionalisiert und entwertend und versteigt sich in eine Kritik an einer ZDF-Moderatorin, die eine AfD- Demonstration besucht hat. „Er versteht zum Beispiel nicht, warum die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali „auf eine vollkommen absurde AfD-Demonstration gehen muss, nur um nachzuweisen, dass das ZDF auch Rassisten und Spinnern das Wort erteilt.“

Die intelligenteste Analyse bietet wohl der Bundesgeschäftsführer der FDP Marcus Buschmann. Er hält nichts von Schnellschuss-Argumenten und unterteilt die Wähler der AfD in drei Gruppen, die überwiegend ein Bauchgefühl postrationalisieren und dann nach Argumenten suchen. Die Xenophoben, die Kulturkonservativen und diejenigen, die das System bestrafen wollen, eine Art Strafwähler also.

Bei den Strafwählern bezieht sich Buschmann sogar auf die Spieltheorie (oder das, was er dafür hält) und merkt ganz richtig an, dass Menschen in Spielsituation ein starkes Interesse daran entwickeln, Mitspieler, die gegen die Regeln verstoßen, zu bestrafen. Dafür nehmen sie sogar eigene Nachteile in Kauf. Diese Studien gibt es tatsächlich, gehören aber nicht zur Spieltheorie.

Trotzdem ein intelligenter Ansatz, weil Buschmann als einziger darüber reflektiert, welche Regelverstöße, die Menschen denn in der Politik derzeit wahrnehmen. Die Beispiele, die er aufzählt sind allerdings eher marginal und gegen die Flüchtlingspolitik gerichtet. Besser hätte er mal das Thema Korruption und Korrumpierbarkeit von Politikern durch die Wirtschaft angeführt. Das wollte er anscheinend wohl doch nicht.

Die Analysen vom Geschäftsführer der FDP zeigen in diesem Artikel aber ebenfalls einen anderen Umstand, der die AfD-Wähler für die Parteien so schwer verstehbar macht. Damit man sich in einen AfD-Wähler hineinversetzen kann, der beispielsweise zur Gruppe der Strafwähler gehört, muss man in der Lage sein, die eigenen Regeln, nach denen gespielt wird, von außen zu betrachten, also zu relativieren. In der Psychologie spricht man hier manchmal vom Perspektivwechsel aus der egozentrischen in die allozentrische Perspektive zu wechseln. Das gelingt auch Buschmann nicht. Sonst würde er Beispiele dafür finden, dass die Regeln, die Abgeordnete sich herausnehmen, für die Bevölkerung vollkommene Regelverstöße darstellen. So behaupten Bundestagsabgeordnete weiterhin, dass Nebeneinnahmen aus der Wirtschaft und ein schneller Wechsel nach dem Mandat in ein Wirtschaftsunternehmen, den eigenen politischen Auftrag für die Wähler nicht beeinflussen müsse.

Die Bürger im Land sehen das allerdings komplett anders und gehen von einer zwangsläufigen Abhängigkeit aus. Die meisten von ihnen sind eben Angestellte und wissen, welche Loyalitäten von Brötchengebern (auch von avisierten und zukünftigen Brötchengebern) vorausgesetzt werden. Unsere Politiker scheinen diese Abhängigkeiten konsequent zu verleugnen.

Übrigens ist auch die EU mit ihrer Antikorruptionsrichtlinie eher der Meinung der Bürger, die ihre Politiker der systematischen Korruption bezichtigen. Die EU-Kommission wartet immer noch darauf, dass ihre Richtlinie in Deutschland in nationales Recht umgesetzt wird (und kann da noch lange warten, bei den derzeitigen Machtverhältnissen).

Auch in der aktuellen US-Wahl spielt die wahrgenommene Korruption eine gewaltige Rolle. Clinton könnte gerade deshalb die Wahl verlieren.

Es ist nicht so erstaunlich, dass der scharf denkende Herr Buschmann, genau diese Perspektive der Strafwähler, welche die Parteien für Regelverstöße abstrafen wollen, nicht auf dem Schirm hat. Die FDP ist schließlich wegen ihrer Korrumpierbarkeit durch die Wirtschaft aus dem Bundestag geflogen.

Allerdings ist die FDP nicht allein. Nirgendwo in Berlin findet sich eine Stimme, die mal etwas lauter sagt, dass man die Kritik der Bürger am politischen Establishment doch lieber ernst nehmen sollte.

Selbstkritik ist bei Politikern eines bestimmten Niveaus lediglich eine taktische Volte, echte Selbstkritik gibt es nicht. Auch das ahnen die Bürger und werden zu Strafwählern.

Die Krise der Repräsentation, die der Artikel zu Recht anspricht, wird im Grunde nicht verstanden, weil dieses Verstehen an den eigenen materiellen Grundlagen und Karriereaussichten nagen würde. Wer will das schon.

Viele Politiker spüren allerdings die Grundsätzlichkeit der Ablehnung, die ihnen gerade von vielen AfD-Wählern entgegenschlägt. Ein EU-Politiker brachte eine Formel in Bezug auf die Rechtspopulisten auf, die viele in der Politik spüren. Die Rechtspopulisten „wollen uns auf den Knien sehen.“ Die Politik soll gedemütigt werden, was wieder zu dem Anliegen der Bestrafung passt. Aber auch hier fehlt die Überlegung, ob die eigene Arroganz eventuell Ursache für dieses breit gestreute Strafbedürfnis sein könnte.

Es wird wohl noch einige Wahlen und viele Machtkämpfe brauchen, bis die Botschaft der Populisten im Establishment angekommen ist. Ob die Leute, die heute die Macht haben, dann abgeräumt werden müssen oder aber in der Lage sind, sich zu ändern und ihre Regeln dazu, ist jetzt noch völlig offen.

 

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