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Delete Elites!

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Max Weber

Wir sollten aufhören eine Ideologie von angeblicher Freiheit und einem noch angeblicheren Fortschritt wie ein Heiligenbild vor uns her zu tragen, wenn wir längst wissen, dass es sich hier nur um den Überbau für den kapitalistischen Motor handelt, den wir am Laufen halten wollen.

»Verantwortlich« fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme z.B. des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ordnung, nicht erlischt. Sie stets neu anzufachen, ist der Zweck seiner, vom möglichen Erfolg her beurteilt, ganz irrationalen Taten, die nur exemplarischen Wert haben können und sollen.“

Max Weber, 1919

Das Zitat stammt aus einer Rede, die Max Weber 1919, anlässlich der Gründung der Münchener Räterepublik hielt, in der er über den Unterschied von Verantwortungsethik und Gesinnungsethik sprach. Die kurze Rede sollte jeder politisch interessierte einmal lesen. Sie enthält komprimiert unser heutiges, politisches Dilemma.

Zu Ostern hat die französische Philosophin, Chantal  Delsol, in einem Artikel, der für die „Zeit“ übersetzt wurde, genau auf diesen Unterschied hingewiesen. Unter der Überschrift, „Die Eliten hören nicht auf das Volk“ hat sie die beiden Begriffe antipodischer dargestellt, als sie in Wirklichkeit vorkommen. Die Eliten würden demnach eher gesinnungsethisch handeln, während die Bürger in einer Verantwortungsethik verhaftet seien.

„Wie überwinden wir diese Kluft? Auf der einen Seite unsere nationalen und europäischen Eliten, die den Universalismus verteidigen, den Kosmopolitismus, die moralisch und gesinnungsethisch argumentieren. Auf der anderen ein großer Teil unserer Bevölkerung, der in überschaubaren Gemeinschaften denkt, ob Patriotismus oder Regionalismus, und verantwortungsethisch handelt.“

Scheinbar gibt es bei unseren Politikern, sei es auf der Ebene der EU oder auf der nationalen Ebene, seit Längerem einen Rückzug auf gesinnungsethische Positionen, egal wie desaströs deren Ergebnisse sein mögen.

Europa gilt dabei vielen als „heiliger Gral“, der immer dann, wenn er sozial und wirtschaftlich gravierende Verwerfungen erzeugt, als politische Notwendigkeit von historischen Ausmaßen dargestellt wird. Dabei kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass angesichts des hohen Maßes an negativen Verwerfungen, welche unsere Europa-Eliten in den letzten Jahrzehnten erzeugt haben, in der Argumentation eben jener die „europäische Idee“  alles aufwiegen muss.

Frei nach Kant, der nur den „guten Willen“ für wirklich gut hält. Alles andere ist relativ.

Dieser Rückzug auf die Gesinnungsethik, der tatsächlich auf politischer Ebene zu beobachten ist, hat noch einen anderen Vorteil: „Er immunisiert gegen Kritik und ganz besonders gegen Selbstkritik.“ In paternalistischer Manier wird uns vor geGauckelt, dass unsere Führer immer nur das Beste für uns wollten – wer kann schon etwas dafür, dass wir dabei zusehends in Chaos und Auflösung enden?

Die Herauslösung Georgiens und der Ukraine aus der russischen Welt mit desaströsen Folgen vor allem für die Ukraine, aber auch für Europa, folgte angeblich diesem „guten Willen“ und ist deshalb über jede Kritik erhaben. Schließlich geht es um die „Freiheit“. Ein Begriff über den viel zu sagen wäre, von dem wir aber jetzt schon wissen, dass es der am exzessivsten missbrauchte Begriff der kapitalistischen Welt ist.

Allenfalls indirekt kommen Kritik und Selbstkritik von den Eliten selbst. Es wird zurückgerudert. Der jetzige Präsident der EU-Kommission erklärt, dass es während seiner Amtszeit keine EU-Erweiterung geben wird.

Bei aller Kritik an Assad sollte ebenfalls nicht vergessen werden, dass die „Arabellion“ , ein schöner Neologismus, weil den Krieg (lat. bellum) schon in sich zu tragen scheint, maßgeblich von westlichen Protagonisten angezettelt und massiv ideologisch, finanziell, kommunikativ und militärisch unterstützt wurde.

Die Hälfte der Toten in der arabischen Welt geht auf unsere Rechnung! Das gilt auch für Syrien.

Die „Freiheit“ die dort erkämpft werden sollte, schien so lange fast jedes Menschenleben zu rechtfertigen, bis man erkannte, dass sie letztlich in noch größerer Unfreiheit münden würde, als zuvor. Dann kam der westlich tolerierte, vermutlich auch unterstützte, Militärputsch in Ägypten, die Anti-IS-Koalition und die stillschweigende Toleranz der Einmischung Russlands in Syrien auf der Seite Assads.

Die Kuh ist dabei noch lange nicht vom Eis. Denn das Ergebnis des westlichen Interventionismus, der meist unterhalb der militärischen Schwelle, durch einen provozierten „Krieg der Zivilgesellschaft“ beginnt und dann immer in vernichtenden militärischen Auseinandersetzungen mündet, ist ein Grad von Chaos und Entstrukturierung, der einen Rückfall in archaische Systeme und Denkweisen geradezu provoziert! Das Ergebnis diesen „gesinnungsethischen“ Interventionismus ist regelmäßig das Gegenteil der Freiheit, die totale Unfreiheit.

Auch hier gibt es bei unseren Eliten, die immer noch lautstark gegen Assad trommeln, nicht einmal den Ansatz einer Selbstkritik.

Wie also, soll die Kluft überwunden werden, wenn man bedenkt, dass die Flüchtlingskrise eine Folge des Krieges in Syrien ist? Viele Leute haben begriffen, dass die Kluft unüberwindbar geworden ist und denken:

„delete elites“ -  Entmachten wir die Teile unserer Eliten, die zur Selbstkorrektur nicht mehr fähig sind und sich stattdessen hinter Idealen verstecken, die angesichts ihrer Ergebnisse nur noch als hohle Phrasen erscheinen.

„Europa, jetzt erst recht!“, was soll das? Die sanfte Despotie aus Brüssel über die europäischen Bürger soll so weitergehen? Die Entstrukturierung und kulturelle Zersetzung unserer Länder soll weiterhin als Fortschritt und Freiheit gefeiert werden? Entwurzelte und destablisierte Menschen sollen die Norm werden?  Die durchökonomisierte Gesellschaft nach dem Vorbild der USA und Deutschlands sollen das richten? „Pay-Life“ wohin man schaut, umsonst gibt’s nicht mehr, alles ist Kommerz, traditionelle Lebensbezüge haben angeblich keine Daseinsberechtigung mehr.

Die Kanzlerin scheint verärgert, dass wir über Nationalismus diskutieren, während wir uns schon längst auf die Digitalisierung der Welt vorbereiten müssten. Sie hat dies wiederholt betont.

Die Verweigerung des „Fortschrittes“, den unsere Eliten uns verpassen wollen, seien es Freihandelszonen oder „Kita-Zwang“, ist ein gesunder Reflex, den rund um Europa auch andere Bevölkerungen zeigen. Die Betonung der kulturellen Identität in Abgrenzung zur westlichen Entstrukturierung ist ja nicht nur reaktionär, sondern auch ein Schutz für diejenigen, die da nicht mehr mitkommen. Dies beobachtet man in Frankreich und in Polen, aber auch in Ungarn und in Russland.

Letztlich ist auch der Erdoganismus in der Türkei ein Versuch mit dem Chaos klar zu kommen, das die aggressiv vorgetragene Globalisierung unserer Eliten verursacht hat.

Der IS, der die Türkei noch mehr bedroht, als uns, weil er die Gesellschaft radikalisiert und ins Chaos stürzen will, die Auflösungsprozesse in den Kurdengebieten und der Syrien-Krieg sind vermutlich alles Gefährdungen, die man nur mit einem konservativen, politischen Islam autoritärer Ausprägung in den Griff bekommen kann. Eine liberale Demokratie ist da fehl am Platze und würde vermutlich auch in Ankara in Weimarer Verhältnissen enden.

Auch wenn es uns nicht schmeckt. Wir haben das mit verursacht.

Natürlich wird diese Türkei nicht Mitglied der EU sein, ebenso wenig wie Russland, das seine Rolle rückwärts längst absolviert hat und allenfalls an gemäßigten wirtschaftlichen Kooperationen ohne zu viel politische Einmischung des Westens interessiert ist.

Wir sollten aufhören eine Ideologie von angeblicher Freiheit und einem noch angeblicheren Fortschritt wie ein Heiligenbild vor uns her zu tragen, wenn wir längst wissen, dass es sich hier nur um den Überbau für den kapitalistischen Motor handelt, den wir am Laufen halten wollen.

Auch unser Land ist in den letzten Jahrzehnten nicht freier geworden, die Zwänge für die Menschen und die Bevormundungen im alltäglichen Leben haben eher zugenommen. Die ökonomischen Zwänge haben eine Reihe von Freiheiten zerstört und ganze Gesellschaftsschichten haben sich von einem proletarischen Selbstbewusstsein auf die gefühlte Ebene von Staatsabhängigen zurück entwickelt. Was bitte hat das mit Freiheit zu tun?

Statt all das zu erkennen und mit den ehrlichen „guten Willen“, den Kant meinte, zu korrigieren, wird auf diesen Staat noch ein Superstaat aufgesetzt, der die Leute noch mehr in Abhängigkeit bringt, noch stärker den Interessen des Kapitals dient und eine noch größere Durchökonomisierung unserer Gesellschaften verursacht.

Gemeint ist Brüssel.

Diese Entwicklung ist weder gesinnungsethisch noch verantwortungsethisch zu akzeptieren. Wer also heute: „delete elites“ ruft, hat Recht!

 

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