Mein Herz schlägt links

Initiative linker SozialdemokratenInnen in der SPD

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Gedanken Flexibilität – zwischen neuer Freiheit und totaler Kontrolle

Flexibilität – zwischen neuer Freiheit und totaler Kontrolle

E-Mail Drucken PDF

Richard Sennett beschreibt in seinem Buch, „Der flexible Mensch“, unsere Entwicklung zu ökonomisierten Wesen.

Lebensläufe sind abhängig von ökonomischen Anforderungen und zersplittern unter dem Anpassungsdruck einer sich ständig verändernden Arbeitswelt.

Die Folge sind Biografien, die aus zufällig aufgereihten Lebensfragmenten bestehen. Sinnvolle Lebensentwürfe seien immer seltener zu realisieren.

Die Flexibilisierung unseres Lebens, wie Sennett sie beschreibt läuft also auf eine Zerstörung von Lebenssinn hinaus.

In einem Spiegel-Interview griff der amerikanische Soziologe vor kurzem die neue Mentalität der Regierungen an, die eine zunehmende Tendenz haben in das Persönliche der Menschen hineinzuschnüffeln, Daten im großen Stil zu sammeln, um auf diese Weise Reglementierungen der Bürger maßgeschneidert und statistisch gut unterlegt durchsetzten zu können.

Ebenso erhellend wie paradox ist die Beziehung von großen Datenbrookern wie Google zu den staatlichen Organen. Google wird einerseits wegen seiner immensen Datenmacht verurteilt und zugleich benutzt, um die staatliche Datenmacht zu steigern.

Wer die Tagespolitik verfolgt, muss erkennen, dass Sennett Recht hat.

Die Regulierungswut der Politiker bezieht ihre Argumente immer stärker aus Informationen über die Bürger, die eigentlich privat sein sollten. Auch wenn dies nicht zugegeben wird, der Bürger wird zunehmend zum Objekt bürokratischer Repressionen!

Ein typisches Beispiel ist der Umgang mit partikulären Gruppen, die etwas abhängiger vom Staat sind, als der Rest der Gesellschaft.

Ich meine Eltern, Kinder, Ausländer, Arbeitslose, Hartz-IV-Empfänger, religiöse Gruppen.

Hier werden eifrig soziale, psychologische und medizinische Daten zusammen getragen, die dann eher gegen, als für die Bevölkerungsgruppen eingesetzt werden.

Beispiel, ist die scheinbare Erkenntnis, dass HartzIV-Empfänger ihr Kindergeld ohnehin in Alkohol und Zigaretten umsetzen, dass solche Eltern kein Interesse an der Bildung ihrer Kinder hätten und dass sich die Kinder wiederum hauptsächlich mit gewalttätigen Computerspielen beschäftigen.

Hilfe und Unterstützung dürfe hier also nur unter strengsten Kontrollen gewährt werden.

Damit ist der Einstieg in die Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsschichten geschafft.

Informationen werden statistisch geheiligt und dann als Begründung für Repressionen und Bevormundung genommen.

l;">Mit der zunehmenden Datenmacht, erhält der Staat auch Macht über die Bürger.

Die totale Datenkontrolle führt zu einem totalitären Anspruch der Politik und mündet letztlich in ein totalitäres System!

An dieser Stelle könnte aber die nach Sennett ökonomisch erzwungene Flexibilisierung der Menschen auch ein Segen sein.

Wenn Lebensläufe zufällig und unvorhersehbar werden, wird es auch schwieriger, sie vorherzusagen.

Die Kontrollierbarkeit nimmt ab.

Der Bürger steigt gewissermaßen aus der Schublade heraus, in welcher ihn der Staat verortet und tut dann etwas ganz anderes, als prognostiziert.

Hier kommen Kultur und der Life-Style ins Spiel.

Migranten entwickeln eine ganz andere Form von Integration, als prognostiziert und durch gesetzliche Regelungen eingefordert.

Muslimische Frauen definieren die Mode neu, ohne leichtlebig zu werden, türkische und russische Unternehmer entwickeln neue Einzelhandelsmodelle,

Dienstleistungen und Firmennetzwerke.

Sie dominieren den Internethandel und legen ein ganz neues Selbstbewusstsein an den Tag.

Gerade Migranten schaffen es immer öfter den Staat aus ihren privaten Lebensbezügen herauszuhalten und definieren neue kulturelle Trends.

Integration besteht, nicht in einer staatlich geforderten Eingliederung in die ur-deutsche Gesellschaft, sondern in einer kulturellen Umformung Deutschlands zu einem Einwanderungsland.

Die wirtschaftlich erzwungene Flexibilisierung von Lebensentwürfen hat insbesondere bei den Migranten der dritten Generation zu g anz neuen Freiheiten und starken kulturellen Impulsen für unsere Gesellschaft geführt.

Die Politik hat dies noch nicht annähernd realisiert.

Flexibilisierung ist daher nicht gleichbedeutend mit Vergewaltigung. Im Gegenteil.

Flexibilität ist eine hochgradig intelligente und kreative menschliche Eigenschaft bei veränderten äußeren Bedingungen ans Ziel zu kommen.

Flexiblere Strukturen in der Arbeitswelt werden häufig zur Effizienzsteigerung eingesetzt.

Eingebunden in einen perfektionierten Arbeitsablauf sollen Mitarbeiter immer intelligenter funktionieren.

Kreative Lösungen sollen Kosten senken oder Produktionsabläufe verbessern, neue Produkte hervor oder an den Kunden bringen.

Flexibilität ist oberstes Gebot der Wirtschaft. Gerne werden die Mitarbeiter in diesem Sinne zu Leistungssportlern ernannt.

Wer aber nur noch zwischen Arbeit und Konsum oszilliert, verpasst das Leben.

Dennoch bietet die gesellschaftliche Flexibilität ungeahnte Chancen für den Einzelnen.

Allerdings nur dann, wenn Regelverstöße erlaubt sind.

Neue Entwürfe und veränderte Lebensperspektiven können nur entstehen, wenn alte Regeln über Bord geworfen werden.

Die Einengung der Menschen zwischen Gesetzen und Vorschriften, führt zur Unterdrückung des individuellen Gestaltungswillen.

Die Flexibilität wird zwischen Zwängen eingeklemmt.

Menschen, die sehr stark in Regeln denken, können deshalb nicht flexibel sein und geben keine Impulse für Veränderungen, wohl aber starke Impulse für Restriktionen.

Auch die Anderen sollen ähnlich beschnitten werden, wie man selbst.

Menschen, die Regeln lediglich als allgemeine Handlungsrichtlinie betrachten, deren Sinn jeweils neu an der Realität zu prüfen ist, begreifen schnell, dass auch jenseits von Gesetzen und Vorschriften gehandelt werden muss.

Ein flexibler Gesetzgeber formuliert daher seine Regeln mit Spielräumen.

Er fordert nicht die Einhaltung von Gesetzen in wörtlicher Form, sondern im allgemeinen Gedanken.

Abweichungen können situativ begründet und geduldet werden, um neue Handlungsspielräume zu eröffnen.

Eine solche flexible Gesetzgebung wäre in vielen Bereichen sinnvoll.

Man stelle sich vor, dass Verwaltungsmitarbeiter einen Ehrgeiz darin entwickeln, Bürgern schnell und unbürokratisch weiterzuhelfen und dabei die Verwaltungsvorschriften nur als Richtlinie betrachten, die dem Einzelfall untergeordnet werden kann.

Ein Umbruch unserer gesamten Bürokratie wäre die Folge!

Wie kommen wir also zu einer flexiblen Gesellschaft, die den Einzelnen die Möglichkeit gibt, neue Lebensentwürfe zu erproben und gleichzeitig in der Gesellschaft integriert zu bleiben?

Der flexible Mensch, wie Sennett ihn beschreibt, kann seine Chancen nicht ergreifen, wenn er gleichzeitig in ein System von Überreglementierungen und Kontrollen eingezwängt wird, wenn die Erwerbsarbeit einhundert Prozent seiner Ressourcen frisst und Konsum die einzige verbliebene Glücksmöglichkeit darstellt

Die Gesellschaft muss ebenfalls flexibel werden und Handlungsspielräume eröffnen.

Arbeitslosigkeit kann auch als Ressource betrachtet werden, wenn die verbliebene Arbeit besser verteilt wird.

Jeder könnte so seinen Lebensentwurf entwickeln, in dem die Erwerbsarbeit unterschiedlichen Stellenwert einnehmen kann.

Damit kehren wir nicht zurück in die Spaßgesellschaft, aber wir geben uns die Möglichkeit, neben der Erwerbsarbeit, die immer perfekter wird, Spielräume zu eröffnen, die dem allgegenwärtigen Perfektionierungsanspruch des Bestehenden einen stärkeren Gestaltungswillen des Neuen entgegensetzen. Experimente mit dem eigenen Leben oder auch mit neuen Formen der Arbeit.

Dies wäre so ziemlich das Gegenteil von dem, was derzeit in der Politik Priorität hat, dem ängstlichen Starren auf Statistiken, egal, ob sie von Lohnstückkosten oder Arbeitslosenzahlen handeln.

Es wäre ein Gegenentwurf zur Regelungs-Wut der Politik im Inneren, die einer seltsamen Lethargie gegenübersteht, welche die Politik befällt, wenn allgemeine Regeln für die internationale Wirtschafts- und Finanzwelt notwendig sind.

Die Politik scheint hier ihre Schwäche im Äußeren durch Überbetonung der Stärke im Inneren kompensieren zu wollen.

Es wäre auch das Gegenteil der europäischen Normierungswut, die zunehmend unsere Binnenmärkte lähmt.

Schließlich wäre es das Gegenteil der Vorstadtmentalität staatlicher Bildungseinrichtungen, die scheinbar normiertes Wissen, aber nicht kreative Intelligenz in den Vordergrund stellen.

Wie alles im Leben hätte aber auch eine flexible Gesellschaft, die sich von totalitären Ansprüchen befreit, ihren Preis.

Man müsste im Verhältnis zu den Bürgern das stalinistische Motto: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser,“ preisgeben.

Wir müssten unsere Vorstellungen, was Leistung ist, verändern und dafür auch materiellen Wohlstand in Frage stellen.

Letztlich müssten wir eine grundsätzliche Richtungsentscheidung treffen, ob wir in Zukunft den „perfekten Menschen“ oder den „kreativen und flexiblen Menschen“ haben wollen.

Im ersten Fall müssten wir uns darüber im Klaren sein, dass wir eine totalitäre Gesellschaft anstreben, im letzten Fall hätten wir Aussicht auf eine neue gesamtgesellschaftliche Dynamik.

 

 

Wahlkampf

Erneuerbare Energien

Statistiken

Benutzer : 347
Beiträge : 5735
Weblinks : 145
Seitenaufrufe : 14102258

Verwandte Beiträge