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Generation Global(Kommentar) - Ohnmächtige Jugend?

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Ich will Lernen „Zu wenige Leute und Stimmung solala“, postet ein junger User in das Forum einer Gruppe im SchülerVZ.

Gemeint hat er damit den Bildungsstreik vom vergangen 9. Juni und scheint mit diesem Eintrag in etwa tatsächlich die Lage der Proteste diesen Jahres eingefangen zu haben.

Gerade einmal 70.000 Menschen hat das Bildungsbündnis 2010 auf die Straße gebracht und damit merklich – 2009 waren es immerhin 270.000 – nicht an die Erfolge der vergangenen Jahre anknüpfen können.

Scheinbar gelingt es nicht mehr SchülerInnen und Studierende mit Demonstrationen für ihre eigenen Belange auf die Straße zu holen.

Gerade in diesem Jahr, wo es gar nicht um Reformen oder Strukturfragen geht, sondern einzig wie viel Bund und Länder künftig noch ausgeben wollen.

Trotz den Ankündigungen massiver Kürzungen, wie in Schleswig-Holstein und Sachsen, lassen die jugendlichen Massen auf sich warten.

Zeigt sich hiermit das schon lange propagierte Bild der resignierten, apolitischen Jugend? Ist die Generation Y, wie Marktforscher die neue Jugend betiteln, mit ihrer Konsumwelt ausgelastet oder gar zu Frieden?

So gesehen, eine neue Welle jugendlicher Rebellion im 21. Jahrhundert lässt auf sich warten.

Gegen Mitte des 20. Jahrhunderts und zu seinem Ende hin beginnen alle zehn bis fünfzehn Jahre neue Jugendkulturen aus dem Boden zu sprießen.

Mal sind sie mehr kultureller (Lifestyle-)Natur oder massiv gesellschaftskritisch.

Die letzte Welle dieser Art ist der Hip-Hop, der sich derweil prätentiös in ersterem Aspekt erschöpft hat.

Der Hip-Hop, gedacht als frekale, abgeklärte Rebellion, ist seit Langem von Konzernen bis in das letzte ausgeschlachtet worden.

Anfangs noch aus dem „Proletariat für das Proletariat“ inszeniert, müssen sich die Otto-Normal-Hip-Hopper ihre Markenhosen und -kappies teuer erkaufen.

Gleichzeitig dreht sich die „Ghetto“-Poesie oberflächlich im Kreis.

Nun ist Hip-Hop gewiss nicht Schuld an dem mauen Bildungsstreik dieses Jahr.

Der Bewegung gelang es nicht eine tatsächliche Alternative zum bestehenden Bildungssystem zu entwickeln.

Gleichwohl verpasste sie es, ihre erreichten Ziele zu kommunizieren.

Wobei gesagt sei, dass sich im Schulwesen kaum etwas verändert hat.

Wogegen in die Diskussion um den Bologna-Prozess einiges an Schwung hineinkam.

Gerade weil man fortan die Studierenden in Prozesse und Evaluation mehr mit einbezog.

Dennoch konnte sich hier nicht auf ein Gesamtkonzept geeinigt werden, waren doch die Ziele der Bildungsbewegung höchst unterschiedlich.

Ist die junge Generation also unfähig Alternativen zum status-quo zu formulieren?

Von den Forderungen übrig geblieben waren lediglich Verbesserungen.

So dürfte eine Verkleinerung der Klassen nicht die tieferliegenden Probleme des Bildungssystems lösen.

Was ebenso zu kurz kam, war ein Aufruf sich konkret vor Ort einzubringen.

Die StudentInnen nutzten dagegen ihre Beteiligungsmöglichkeiten oder forderten mehr Mitsprache.

Der Schülerschaft wurde dies nicht vermittelt.

Damit blieb der Streik diesmal leider wied er, nur ein Fingerzeig auf die Regierenden; „dass ihr jetzt bloß mal was ändert!“

Schavan und Co. dürften allerdings nach dem letzten Bildungsstreik nicht mehr vor den Massen zittern.

Sie können damit rechnen, dass der Bildungstreik nur ein kurzer Trend war, der zuerst noch frisch und spritzig anmutete.

Genau so schätzen Marktforscher die Jugend lichen nicht erst neuerdings ein; interessiert, begeistert und nur kurz zu fesseln.

In Zeiten des Individualismus zieht sich durch alle Altersklassen der Drang nach Ausdifferenzierung u nd der Markt stellt natürlich die dafür erforderlichen Mittel bereit.

Ziemlich sensibel für die Vorlieben der Menschen vermischt sich hier weiter Geisteshaltung mit Kommerz.

Die Vorzüge des Web2.0 zeigen es deutlich.

Politisch gesehen, können sie den Protest auf der Straße nicht adäquat ersetzen.

Zu dem sind die Informationen auch nicht viel gehaltvoller.

Zu schnell und zu viel zieht unreflektiert und ungeordnet vorbei.

Für den Markt ergeben sich aber ungeahnte Möglichkeiten.

Über facebook, studivz und Co. lassen sich Daten(Interessen, Vorlieben) konkreten Nutzern zu zuordnen, was Google bislang kaum vermochte.

Die junge Generation unterwirft sich hier zu Hauf unkritisch den Gesetzen der Software?

Wird hier das Leben in der Freizeit zu einer Show, in der man seinen Lifestyle der sozialen Gemeinde(zu letzt den Marktforschern) präsentiert?

Zieht der moderne Mensch nicht allzu hastig in das Kurzlebige und Unverbindliche des sozialen Miteinanders, ähnlich dem urbanen Kontakte-Bazar?

Vieles von dem was bereits erwähnt wurde, trifft nur wenig auf Franzi S. zu.

Rein äußerlich scheint sie sich perfekt in das Bild des heutigen Jugendlichen einzufügen.

Nicht übertrieben modisch aber immer noch im Trend, versehen mit stylischem Schal und fast schon nostalgischem Nasenpiercing.

Mit ein paar Schulfreunden gehört sie zur „Orga-Gruppe“, die die Demonstration im Juni organisiert hat.

Von ihren Mitschülern, meint sie, sind viele an politischen Themen interessiert.

Sie meint, Jugendliche und „Politiker“ würden gedanklich viel zu sehr auseinander denken.

Mit diesem Argument mag Franzi gar nicht fehl liegen.

Bekanntermaßen fällt der Dialog mit der breiten Gesellschaft den Parteien zunehmend schwerer.

Bedenken wir das hohe Alter der Spitzen-Politiker dürfte die sog. generation gap (Generationen-Kluft) ihr Übriges tun.

Doch resultiert daraus tatsächlich die viel zitierte Ohnmacht gegenüber der Politik?

Mitnichten.

Zu gegeben die Parteien verlieren an jungem Zulauf, ebenso die Gewerkschaften, was künftig noch großere Probleme bereiten wird.

Gleichzeitig setzen sich Jugendliche immer öfter effektiv-sozial ein.

In ihrer Freizeit und in den beruflichen Orientierungsphasen z.B. zwischen Abschluss und beruflicher Ausbildung engagieren sich junge Menschen direkt vor Ort.

Es gehört mittlerweile zum jugendlichen Chic diese Pausen sozial zu nutzen.

Ferner sogar im Ausland tätig zu werden.

Gesellschaftlich sieht sich die junge Generation mit gewaltigen Veränderungen konfrontiert.

Wie bereits angesprochen, halten Medien und Kommerz immer mehr Einzug in die Freizeit, weil genau diese Zeit des Tages bei steigendem Wohlstand insgesamt, in den Fokus der Wirtschaft gerät.

Ganz besonders die Familienstrukturen ändern sich rasant.

Die Kernfamilie ist lange nicht mehr das bevorzugte Modell, qua kürzerer Ehen und weniger Kindern.

Für die Sozialisation eines Kindes ist es ein gewaltiger Unterschied, ob es mit mehreren oder wie in der Mehrheit der Familien nur einem Geschwisterkind aufwächst.

Die Anforderungen eines dynamischen und flexiblen Arbeitsmarktes hängen nach dem derzeitigen Bildungsstrukturen viele Kinder, vor allem der ärmeren Haushalte, ab.

Nicht etwa weil die Kinder immer dümmer werden, sondern weil die Gesellschaft eines Industriestaates im 21. Jahrhundert andere Ansprüche stellt.

Die Crux liegt hier in der Neudefinition des Bildungsbegriffes.

Weil es eben nicht mehr reicht auf Vorrat zu lernen, sondern die eigenmotivierte Aneignung Wissens neuer Konzepte und Zuwendung bedarf.

Die Individualisierung ist, so lange nicht zu sehr Selbstzweck, die Fortsetzung der Ausdifferenzierung der vielen Generationen und, nicht zu vergessen, auch Indiz einer selbstbestimmten Gesellschaft.

Entgegen der schrecklichen Amokläufe an Schulen und den Nachrichten über jugendliche Ausschweife, sinkt die Jugendkriminaltät als auch der Alkoholverbrauch stetig.

Die vielen Jugendkulturen kennen auch die althergebrachten Klassenunterschiede kaum noch.

Erst kürzlich demonstrierten 5000 SchülerInnen im Hamburg zu Gunsten der umstrittenen Schulreform für ein längeres, gemeinsameres Lernen.

In den Bundesländern in denen die Sparprogramme in der Bildung bereits konkret wurden, demonstrierten im Zuge des Bildungsstreiks besonders viele SchülerInnen und Studierende.

In der Frage, wie Generation Y künftig am politischen Geschehen beteiligt werden sollte, werden die Parteien bald schon Antworten finden müssen, sollten nicht wollen, dass sich die Verdrossenheit fortträgt.

Es dürfte helfen, Jugendliche wieder direkter zu beteiligen und auf die Organisationen, in denen sie sich für ihre oft auch uneigennützigen Wünsche einsetzen zu zugehen.

Eine Investtition in echte politische Teilhabe via Internet würde sich für die Parteien lohnen.

Auf die Frage, was sie auf einem Ministerposten machen würde, entgegnet Franzi prompt, dass sie so einen Posten nicht wolle.

Zu viele Zwänge, fürchtet sie dort.

Ihr politisches Feld soll vorerst die Straße bleiben.

 

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