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Die Freiheit der Sarrazener

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Macht es eigentlich Sinn, über Sarrazin zu reden?

Seine Behauptungen sind schlichtweg falsch, seine Sprache ist hetzend, dabei dumm und verletzend.

Für mich ist Sarrazin in der politischen Landschaft ungefähr so wichtig und nützlich, wie mein Hintermann an der Kassenschlange, der sich über die Omi ganz vorne lauthals beschwert, die sich abmüht, ihre Ware so schnell einzupacken, wie die Kassiererin sie durchzieht.

Gäbe es da nicht diese Menschen, die immer wieder meinen, über alles und jeden, über jede Dummheit, jede Hetze und jede Beleidigung diskutieren zu müssen.

Und dies alles, weil wir doch in einer Demokratie leben, in der das Recht auf Meinungsfreiheit herrscht.

Wer im Sinne der Demokratie meint, mit Menschen wie Sarrazin noch diskutieren zu müssen, der würde dies auch im Sinne der Medizin mit Mengele, im Sinne des Buddhismus mit Pol Pot, im Sinne der Pädagogik mit Aristoteles, im Sinne der Redefreiheit mit Stalin und im Sinne der Pressefreiheit mit Berlusconi.

Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Redefreiheit.

Wie viele Menschen berücksichtigen gar nicht, wie wertvoll und empfindlich diese Werte sind.

Diese Werte bedeuten nicht, dass jeder „einfach mal so“ sagen oder schreiben darf, was ihm gerade in den Kopf kommt, wenn er dies in einem öffentlichen Rahmen tut.

Wenn es meine Meinung ist, dass mein Nachbar ein Verbrecher ist, darf ich es nicht in der Nachbarschaft hinausposaunen.

Da gibt es rechtliche Regelungen.

Wenn ich meine, dass mein Nachbar ein wenig muffelig riecht, sollten mich ethische und moralische Grundsätze daran hindern, dies lauthals zu verkünden.

Einer dieser Grundsätze ist der, dass ich meinem Nachbarn genau in dem Moment, wo ich ihm diesen Vorwurf mache, die Möglichkeit gebe, sich zu verteidigen.

Erst muss ich die Voraussetzung seiner Verteidigung schaffen.

Dann erst kann ich ihm Vorwürfe machen, wenn ich es denn unbedingt will.

Den Nörgler hinter mir in der Kassenschlange kann ich nicht ernst nehmen.

Und ich darf es auch nicht.

Nähme ich ihn ernst, müsste ich mit ihm diskutieren.

Mit ihm zu diskutieren hieße aber, mich auf sein Niveau zu begeben.

Ein merkwürdiges Niveau, in dem man meint, über alles diskutieren zu müssen, in allem einen Funken Wahrheit finden zu müssen.

Die einzige Wahrheit, die ich im Kassenschlangenstau erkennen kann, ist die, dass vorne eine ältere Dame überfordert ist.

Der Nörgler hinter mir gehört dieser Wahrheit nicht mehr an.

Er interpretiert sie nur aus ganz eigener und egoistischer Sicht.

Ja – und schon prallt eine neue Realität auf mich.

Die Realität der Claqeure und „man muss doch auch mal sagen dürfen“-Sager.

Was muss man denn sagen dürfen?

Dass ein Stau in der Kassenschlange herrscht? Das sieht jeder.

Muss man sagen dürfen, dass die Kassiererin zu schnell ist? Auch das sieht jeder.

Das alles sind Tatsachen, die jedem bekannt sind und irgendwelche Ursachen haben.

Es gibt kein „muss man doch sagen dürfen“, wenn es allen offensichtlich ist.

Und offensichtlich ist eines: das Kassenschlangenproblem.

Nicht die Omi, die gefälligst schneller sein sollte, nicht die Kassiererin, die ebenso gefälligst langsamer sein sollte, sondern das „kassenschlangensystemimmanente“ Stauproblem.

Und dieses Problem wird nun zum alleinigen Problem des Nörglers hinter mir, der schimpft und schiebt, auf die Uhr guckt, sich streckt und wendet, dabei ins Schwitzen gerät und durch sein ganzes Hampelmanngebaren immer aufgeregter wird.

Wo ist dein Problem, Hampelmann?

Es ist die Angst vor irgendetwas diffus einschleichendem Unbekannten.

Komme ich zu spät? Bricht hier das Chaos ein? Werde ich auch so, wenn ich alt bin?

Und genau darüber sollten wir mal reden.

Diese Angst ist wie die diffuse Angst vor Migrationskindern, die nach neun Uhr abends noch auf der Straße spielen, wie sie es aus ihrer Kultur gewohnt sind.

Die Angst vor Frauen, deren Gesicht man nicht erkennt, die Angst vor dem Menschenrecht geschlossener und geschützter Räume, die Angst vor unverstandenen Worten.

Und anstatt sich über diese Angst Gedanken zu machen, sieht man rot und haut verbal um sich – nennt diese verbalen Tiefschläge dann noch Diskussion und beruft sich auf die Redefreiheit.

Es muss doch gesagt werden dürfen.

Haben wir es bei diesen Menschen, die auf diesem Niveau Sarrazins gegen Migranten wettern, mit Feiglingen zu tun?

Mit Menschen, die sich nicht trauen, ihre Ängste zu reflektieren, um dann, wie ein in Panik geratener Stier, gegen alles anzustürmen, was ihnen im Weg steht?

Und welcher Weg ist das überhaupt, der solche Ängste hervorrufen kann?

Der Weg eines gebeutelten, gemaßregelten und unmündigen Individuums.

Die Gewalt des in Panik geratenen Menschen versucht, sich wortgewaltig Platz zu verschaffen.

Voltaire sagte einmal: „Es gilt, das Recht, das zu sagen, was wir für völlig unrichtig halten, mit unserem Leben zu verteidigen.“

Diese Ansicht hat den Vorteil, simpel und in sich schlüssig zu sein.

Aber sie ist auch einfältig.

Das Problem ist, dass die Verfechter der absoluten Redefreiheit meinen, unrichtige oder beleidigende Worte ließen sich im Bedarfsfall ignorieren.

Doch das stimmt nicht.

Wenn jemand in einem vollen Theater „Feuer!“ ruft, wird die Aufführung gestört, und in der entstehenden Panik kann es zu Verletzungen und Todesfällen kommen.

Falsche Anschuldigungen, rassistische oder sexistische Beschimpfungen ruinieren bisweilen Leben.

Aber wie geht man nun mit diesen anderen Kassenschlangengenossen um, die meinen, der hinter mir herumhampelnde Nörgler hätte doch recht, und es müsste doch einmal gesagt werden dürfen?

Kann man sie ignorieren?

Wohl nicht, denn sie bilden letztendlich die aufgebrachte Masse, die in Panik alles und jeden zu überrennen drohen.

So bleibt mir wieder nur eines übrig:

Rechtzeitig dem hinter mir stehendem Mann dieses „halt´s Maul“ entgegenzuschmettern und nicht mit ihm zu diskutieren.

Uwe Koch

 

 

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