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Start OV-Arbeit Wer fragt, sollte auch was wissen wollen - Basisarbeit Teil 2

Wer fragt, sollte auch was wissen wollen - Basisarbeit Teil 2

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Der gestrige Artikel von Jürgen, der Bezug nimmt auf den Ortsvereinsfragebogen aus dem Frühjahr 2010, das hat mich motiviert genau auf jenen Fragebogen einzugehen:

Um es gleich vorneweg zu sagen.

 

Wir hatten auf unserer Vorstands- und Delegiertensitzung im Orstverein zweimal über den ominösen Fragebogen gesprochen und beschlossen, dass ich das Teil im Namen aller ausfülle.

Ich habe es dann nicht getan warum?

Stichpunktartig ein paar Gedanken und Entschuldigungen für die Teilnahmeverweigerung:

Frage 1:

Fünf Zeilen um die Gründe auszuführen, warum die SPD die Bundestagswahl verloren hat.

Glücklich die Partei, die ihr vollständiges Scheitern in inhaltlicher Glaubwürdigkeit, dem kompletten Vertrauensverlust in der öffentlichen Wahrnehmung und der Halbierung der Wählerschaft im Vergleich zu 1998 in fünf Zeilen benennen und bekennen kann.

Ich kann es nicht und das was ich könnte, würde eine komplette Aufarbeitung der Regierungsbeteiligung, ihrer Erfolge und Misserfolge, ihrer Möglichkeiten und Unmöglichkeiten erfordern.

Daran scheint aber niemand interesseirt zu sein, schade…

Der Fragebogen-Stil zieht sich in dieser Form fort und fragt eine Bringschuld nach der anderen von den Ortsvereinen, bezogen auf Aktivitäten ab.

Unsere positiven und negativen Erfahrungen im Bundestagswahlkampf – je 2 Zeilen (welcher Wahlkampf? Die Valiumwochen 2009?).

Dann die Instrumentenfrage, von Internet, facebook, twitter, Prospektmaterial.

Welche normierten, realitätsfernen, zentralistischen Zwangsbeglücker müssen sich diese dämlichen Fragen ausgedacht haben?

Ehrenamtlich tätige Genossinnen und Genossen sind keine Außendienstmitarbeiter der Volksfürsorge (Gott hab sie seelig), sie verteilen auch nicht gerne den kostenpflichtigen Krabbelsackmüll aus dem Image-Shop und vor allem beleidigen sie nicht gerne ihre Wählerinnen und Wähler mit leeren austauschbaren Hohlfloskeln, weil sie selbst Wähler sind und deshalb sensibel dafür, wenn eine bunte Verpackung von fehlenden Konzepten und glaubwürdigen Inhalten ablenken soll.

Auch ist es dem Ortsverein durchaus gewahr, wenn er als Parteibasis seit Jahren bewusst schlafen gelegt wurde, weil alle Entscheidungen, wie Agenda 2010 aus dem Kanzleramt, oder die Rente mit 67 aus dem Bundesarbeitsministerium von oben der Partei ohne jegliche Diskussion übergestülpt wurde und wir zu kuschen hatten - und ja nicht maulen durften - dass es sich hier in etwas in keiner Weise um die Beschlusslage der Partei gehandelt hätte...

Frage 4: Welche anderen Instrumente waren für Euch im Wahlkampf besonders hilfreich?

In den zwei Zeilen hätte man Dinge reinschreiben können, wie unsere eigene Glaubwürdigkeit, unsere Präsenz, die Tatsache, dass wir für die Partei die Knochen hinhalten, dass wir uns vor Ort für die Menschen einsetzen, dass es über Jahrzehnte gewachsene Bindungen gibt, dass in unseren eigenen Reihen Sachverstand wohnt, der für die Menschen ansprechbar und nachvollziehbar komplexe Sachverhalte aufdröselt und dass wir besser mit dem arbeiten was wir haben, als mit dem was uns in Prospektform lediglichden Gegner schlecht macht, aber glatt vergisst eigene Positionen aufzubauen und sie zu erläutern.

Ab Frage 5

kam der Gutmenschenkatalog, was uns und für die politische Arbeit wichtig ist. Finanzmärkte, Mindestlohn, Bürgerversicherung, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften, Kinderarmut, Friedenspolitik - alles Themen wo sich der Absender des Fragebogens mal fragen müsste, wenn soviel Gutes gewollt ist, warum hat es keiner gemerkt, warum hat es uns keiner abgenommen, warum wurde es so schlecht kommuniziert, warum wurde so wenig umgesetzt, wer trägt die Verantwortung , wann und wie macht ihr es besser?

Die nächsten Fragen wieder zu Instrumenten, Aktionen, Mitgliederbefragungen, web 2.0, etc.

Dann geht es um pseudodemokratische Beteiligungen zu Inhalten und Personalentscheidungen.

Das Grundproblem wird gar nicht tangiert:

Was nutzt es Leute zu beteiligen, wenn man nicht auf sie hört.

Glaubt irgendein Mensch aus dem Willy Brandt Haus, die Rente mit 67 ist an der Parteibasis mehrheitsfähig?

Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan?

Die Ausgestaltung und praktische Umsetzung der Hartz-Gesetze?

Was dann folgt ist Beschäftigungstherapie: Mitgliederentwicklung, Anzahl der Vorstandsmitglieder, Veranstaltungen, sonstige Aktivitäten.

Der praktische Nutzen dieser Fragen ist gleich Null. Warum?

Der Nutzen der Parteiaktivität vor Ort wurde in den letzten Jahren nie in eine Gesamtstrategie eingebettet.

Deshalb gibt es ja nur Kommunikationskanäle von oben nach unten.

Um zu wissen und zu erkennen, was in der Welt der „normalen“ Menschen stattfindet braucht es Kommunikationskanäle von unten nach oben.

Web 2.0 bietet hier Möglichkeiten des moderierten Austausches zwischen Basis und Vorstand, diese werden aber weder angeboten noch genutzt.

Kritik kommt immer noch in die Schublade der Majestätsbeleidigung.

Kurzfristige, taktisch motivierte Medienpräsenz geht vor strukturiertem strategischem Vorgehen, dass unsere Aktiven einbinden müsste und die Partei als Ganzes ernst nimmt.

Dann kommen die einzige sinnvollen Fragen.

Der Grad der Vernetzung der Partei vor Ort mit Vereinen, Verbänden und Bürgerinitiativen.

Aber aus der numerischen Zahl lassen sich keinerlei qualitativen Aussagen treffen.

Aus dem Abfragen der Anzahl der Veranstaltungen lassen sich keine Schlüsse ziehen, wie und ob das Thema qualitativ behandelt wird, ob politische Initiativen daraus entstanden sind, welche Ergebnisse - völlig belanglos und lieblos abgefragt, Small-Talk in der Kneipe hat mehr Tiefgang, sorry.

Dann noch ein paar statistische Fragen, die jede Regionalgeschäftsstelle beantworten kann, Aktivitäten zur Neumitgliedergewinnung, Behandlung von Austritten – ohne Einsicht des Fragestellers, dass beide Themen etwas mit dem von der Parteispitze zu verantwortendem Gesamteindruck der SPD zu tun haben.

Fazit:

Im Soziologiestudium hätte man mir den Fragebogen um die Ohren geschlagen, weil dieses Konstrukt nicht auf Erkenntnisgewinn und echtem Dialog mit der Basis ausgelegt ist.

Die abgefragten Antworten lassen keinerlei qualitativen Aussagen über die Arbeit vor Ort und die Probleme der Basis zu.

In keiner Weise wird auf das Problem des Glaubwürdigkeitsverlustes und des fehlenden Vertrauens der „von Unten“ in die Führung „da Oben“und der Bevölkerung in die Partei als Ganzes eingegangen.

Eine sinnlose Instrumentendebatte ersetzt keinen inhaltlichen Diskurs und bringt weder frische Kräfte in die Partei, noch motiviert es die Genossinnen und Genossen vor Ort aus der Defensive herauszukommen.

Die Entwertung der Ortsvereinsarbeit schreitet fort, wenn Autoren eines solchen Fragebogens sich noch nicht einmal die Mühe machen, zu kaschieren wie uninteressiert sie doch an der Arbeit der Basis und den echten Fragestellungen der Bürgerinnen und Bürger sind, die uns doch durch ihre Stimmen Mehrheiten ermöglichen sollen, um Politik zu machen.

Die nehmen uns nicht ernst – warum sollten wir die ernst nehmen, solange das nicht angekommen ist, werden wir keinen Schritt weiterkommen, basta!

 

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