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Das Spiel mit der Angst vor Armut

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Überall hört man vor dieser Angst der Mittelschicht, arm zu werden.

Das Armutsrisiko steigt hier und dort – an jeder Hausecke, in jeder Wohnung, in jeder Familie.

Und immer entsteht vor uns das Bild eines Volkes, dass fast kopflos jede Arbeit annehmen möchte, nur um nicht in diese Armut zu verfallen.

Ein Volk, das sich angeblich selbstverschuldet in Gehorsam spaltet und für das Solidarität ein Fremdwort geworden ist.

Sind wir so, oder lassen wir uns da auch einen Bären aufbinden?

Was in dieser Diskussion immer verschwiegen wird, ist die tatsächliche Armut.

Diese Armut, die vor allem Menschen in Großstädten Tag für Tag beim Einkaufsbummel sehen können, wird in unseren Hirnen immer irrealer; immer diffuser und durch diese Nicht-Greifbarkeit immer unangreifbarer.

Und doch ist sie da.

Neben allem anderen, was hier an Thesen, Meinungen und Vorurteilen diskutiert wird, gibt es noch eine wichtige Seite zu betrachten.

Die Öffentlichkeitsarbeit.

Niedrige Schwierigkeitsgrade des Informationsprozesses sowie ein niedriges psychophysisches Aktivitätsniveau fördern gesteuerte Kommunikationsprozesse.

Das haben Betreiber von Supermärkten längst erkannt.

Und auch unsere Gesellschaft scheint nun endgültig zu einem Supermarkt geworden zu sein, in dem nicht Realitäten kommuniziert werden, sondern Symbole mit Entrückungswert.

Nicht die Armut steht im Angebot, sondern die Angst vor Armut.

Wie in den Regalen, wo nicht Pilze verkauft werden, sondern ihr Schmoren in Butter.

Und doch ist Armut genau so real, wie der kleine unschuldige Pfifferling.

Jedoch ist der Blick auf einen armen Menschen auch genau so wenig triebintensivierend, wie der Blick auf einen kleinen Pilz am Waldboden.

Es sei denn, man beschäftigt sich mit diesen „Objekten“ Pilz und armer Mensch.

Aber genau das soll verhindert werden.

Bei dem einen Objekt durch das Symbol des Schmorens in Butter, bei dem anderen durch das Symbol der Angst vor Abstieg und Armut.

Der arme Mensch wird unsichtbar.

Die Angst jedoch lässt sich gut vermarkten.

Nicht einmal Ekeln dürfen wir uns vor Armut, denn Ekel ist in Gesellschaften auch eine ethische Komponente, an der sie selbst den Zustand ihrer Zivilisation beurteilen kann.

Wie vor über einhundert Jahren die Schlachthöfe aus den Städten verschwanden, damit die Menschen nicht mehr Eingeweide, Sehnen und Muskeln konsumierten, also Produkte, die sie mit sich selbst, ihrem eigenen Körper, vergleichen konnten, verschwinden jetzt die Armen aus unserer Gesellschaft, damit der Bürger nicht mehr seine gepflegte Haut mit den Schrunden eines Stadtstreichers vergleichen muss und sich eventuell mit Fragen konfrontiert sieht, die dem Staat nicht gut bekommen könnten.

Das Spiel mit der Angst vor der Armut ist Katharsis, Sedativum und Intensivierung zugleich.

Dieses Spiel soll entlasten, befreien und befriedigen.

Soll beruhigen, dämpfen und unterdrücken.

Und es soll verstärken, aufbauen und Entscheidungen herbeiführen.

Am Ende steht da ein Bürger, der Angst vor Armut hat, aber die Armen ignoriert.

Seine Entscheidung ist die zur Eigenverantwortung.

Und wer seine Angst in dieser Eigenverantwortung überwindet, wird zum Leitbild.

Dieses Leitbild hat jedoch nicht mehr geleistet, als in eine vom Realitätsdruck befreite Welt zu flüchten.

Wer diesem Leitbild nicht folgen kann, unterliegt schnell normdämpfenden Strategien, wie der Beschwichtigung, der Aufhebung von Schuldgefühlen und vor allem den Ängsten vor der Einsamkeit.

Er ist festes Mitglied in der Gruppe der Armutsängstlichen.

Das Nichtzuwenden in diese Gruppe interpretiert er als mangelnde Informiertheit, unzureichendes Verständnis für rationale Argumente oder als die Auswirkung oft unbewusster Konflikte und Hemmungen.

Wieder ist für ihn der Arme kein Opfer eines Systems, sondern entweder selbst schuld an seinem Versagen oder hätte schlicht eine Therapie nötig gehabt.

In die Realität eines Bürgers der Mittelschicht, der Angst vor Armut hat, gehört er nicht.

So wie auch das Eingeweide auf die Schlachthöfe gehört und nicht auf unsere Teller.

Wäre der arme Mensch eine wirkliche Realität unseres täglichen Lebens, die berührbar, riechbar und überhaupt sichtbar wäre, könnte die Trieb- und Konfliktintensivierung der PR-Politiker unseres Landes nicht funktionieren.

Ein Armer am Tisch könnte anrühren.

Rührung jedoch wurde zu einem romantisierenden Begriff.

Nur etwas für Träumer auf der einen Seite, oder auf der anderen Seite etwas für reiche Menschen, die die Möglichkeit haben, ihre Rührung öffentlich zu zelebrieren und auszunutzen.

Diese jedoch vergöttern den „edlen Armen“, wie schon unsere Ahnen den edlen Wilden anhimmelten.

Einen Armen, der auch nicht der Realität entspricht.

Dieser Arme weckt keine Angst vor Armut.

Edle Arme nützen nicht im Spiel mit der Angst vor Armut. Und doch existiert er jetzt als reales Politikum.

Warum?

Vielleicht ist es nicht der Arme selbst, der zum Politikum wird, sondern sein letzter Besitz.

Es ist nicht der Besitz des wirklichen Armen, der auf der Straße lebt und in Hauseingängen schläft.

Niemand möchte ihm seinen Schlafsack stehlen.

Und man muss ja auch schon sehr genau hinschauen, um alle Arme überhaupt zu sehen.

Nein – es ist der Besitz an Fernsehern, Computern und anderen Dingen, die für eine soziale Kompetenz wichtig sind.

Heute wird der edle Arme nicht mehr von Spendengala zu Spendengala gereicht, sondern sitz auf seinem Sofa und schaut Fernsehen.

Das Edle an ihm ist nicht der Mensch, sondern sein Fernseher.

Sein Kontakt zur Wirklichkeit der Menschen, die Angst vor seinem Zustand haben.

Ich glaube nicht, dass es Politiker in unserem Land gibt, die dies strategisch so planen – dies fiele für mich in den Bereich der Verschwörungstheorie.

Ich glaube eher, dass sich eine anfängliche Armuts-Angst-Strategie verselbstständigt hat.

Das Schlimme daran ist, dass die Politiker, die diese Geister heraufbeschworen hatten, diese nun nicht mehr loswerden wollen, sondern sich damit abfinden und darin herumlavieren.

Bestenfalls hören sie sich Probleme an und sprechen dann von Einzelfällen.

Dies geht, weil wir die Armen unserer Realität nicht mehr sehen, sondern lieber in das Horn der Angst vor Armut blasen.

Das ist jedoch keine Fanfare, sondern ein Nebelhorn.

 

 

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