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Die feine Gesellschaft nach Auschwitz

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Im Norden Deutschlands, eine halbe Autostunde von der niedersächsischen Hauptstadt Hannover entfernt, liegt die kleine idyllische Fachwerkstadt Celle.

 

Man kann sie mit dem Pferdewagen besichtigen und fühlt sich beinahe in die „gute alte“ romantische Zeit versetzt, denn die Altstadt ist für den Autoverkehr weitgehend gesperrt.

Keine halbe Stunde entfernt von Celle liegen das Konzentrationslager Bergen Belsen, wo Anne Frank umgebracht wurde und die alten SS –Gebäude, wo später die Juden eine Zeit lang nach ihrer Befreiung auf die Ausreise meist nach Palästina warteten.

Gegenüber der Altstadt von Celle befindet sich das Schloss mit seinem Provinztheater in dem sich die Celler Provinzprominenz ihr Stell dich ein gibt.

Nicht unerwähnt soll auch das Zuchthaus bleiben, dass die Celler an Stelle einer Universität haben wollten, weil sie um ihre Töchter fürchteten wie Heinrich Heine einst bemerkte.

Die Universität wurde dann damals in Göttingen eingerichtet.

Nach 1945 prägte lange Zeit die englische Garnison das Stadtbild mit.

Die Engländer hatten Jahre lang hochkarätige Reichsgenossen um sich, sozusagen zum greifen Nahe.

So machten die Celler Bürger Jagd auf die Überlebenden eines Transportzuges am 8.April 1945.

Sie töteten die letzten Überlebenden von den 400-500 Gefangenen des Zuges, drei Tage bevor die Engländer Celle erreichten.

Drei der Schlächter, erst zum Tode verurteilt, wurden später begnadigt.

Kein einziger Bürger dieser Stadt half den KZ-Häftlingen.

In dieser Stadt lebten und starben jahrelang ungeschoren Naziverbrecher und dirigierten ihre Stadt. Erst seit wenigen Jahren dringt einiges an die Oberfläche, es werden Straßen umbenannt.

Ritterkreuzträgertreffen mit dem ehemaligen Adjutanten Hitlers Fritz Darges, ein guter Bekannter des Reichsleiters Bormann, waren da an der Tagesordnung.

Der Adjutant war Leiter des Roten Kreuzes und konnte seine Führererfahrungen bei der Bekämpfung des großen Heidebrandes in den 70er Jahren einbringen.

Seine Frau war eine erfahrene Kinderoberärztin im Celler Krankenhaus.

In Hamburg hatte sie sich als Euthanasieärztin betätigt und dann nach den Bombenangriffen deutsche Kinder aus Hamburg nach Celle gerettet, deshalb genoss sie auch großes Ansehen.

Erst nach dem Tode des Adjutanten kam das Vorleben der Familie an die Öffentlichkeit.

Kein Wunder, dass sich auch die Neonazis dort in „guter“ Tradition wissen.

Um die Waisenkinder der großdeutschen Führungsmannschaften soll man sich in dieser Gesellschaft auch gekümmert haben.

Unter den Bürgermeistern gibt es eine nationalsozialistische Tradition.

Nur noch zwei Beispiele. Dem Oberbürgermeister von 1964 bis 1973, Kurt Blanke, wurde im April 2008 nachgewiesen, dass er im 2. Weltkrieg entscheidend an Judenverfolgungen in Frankreich teilgenommen hatte.

Der ehemalige SS-Mann Hörstmann war von 1973 bis 1985 für die CDU Oberbürgermeister in Celle.

Die Liste lässt sich noch fortsetzen.

Inzwischen stellt die SPD den Oberbürgermeister und setzt sich für ein Dokumentationszentrum zur NS-Vergangenheit ein.

Damit haben die progressiven Kräfte in der Stadt zwar begonnen dieses braune Erbe zu ergreifen, aber eine Trauerarbeit können nur noch jene leisten, die am Leben sind und man muss sich fragen, nach wie viel Generationen das Erbe sinnlich-praktisch ergriffen und in ein neues Bewusstsein für eine demokratische Zivilgesellschaft der Mehrheit umgesetzt wird.

Die braunen Utensilien werden dabei nicht nur im Museum zu finden sein, solange es eine neue braune oder populistische Bewegung gibt, die in einer so idyllischen Stadt von der „großen“ braunen Vergangenheit und Zukunft zumindest hoffentlich nur träumen kann.

 

Hinweis

Holtfort,Kandel,Köppen,Vultejus (Hrg): Hinter den Fassaden, Geschichten aus einer deutschen Stadt, Göttingen 1982

 

 

 

 

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