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Ehrlich währt am längsten

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Die Dedoktorierung der Republik hat jetzt wirklcih Ausmaasse angenommen.

Koch-Mehrin will jursitisch gegen den Entzug der Doktorwürde vorgehen und auch weitere Politiker scheinen sich im Visier der Plagiatfahnder zu befinden.

Karl Theodor zu Gutenberg war offensichtlich nur die viel beschworene Spitze des Eisberges, der sich gern mal im Wasser dreht, neue Spitzen zeigt und dabei die eine oder andere Flutwelle losschickt.

Für den Wissenschafts-Standort Deutschland ist das mehr oder weniger belanglos.

Nie hat ein Karriere-Doktor nach seiner Promotion noch einmal wissenschaftlich gearbeitet.

Der Doktor ist der am meisten überbewertete Titel überhaupt.

Wenn ich mich recht erinnere,  hatten wir schon eine gesündere Einstellung zu dieser Frage.

Ich erinnere mich nämlich an Zeiten, als der Doktorgrad in Wirtschaft und Politik eher ein Handicap war, als ein Karrierefaktor.

Wissenschaftliche Mentlität galt als Lähmungsfaktor und Garant für mangelhafte Flexibilität.

In Wirtschaftsunternehmen stellte man Doktoren nicht so gerne ein, in der Politk wurde dieser Titel eher geduldet, als beklatscht.

Doktoren galten als weniger pragmatisch.

In den Siebzigern gar war es mancherorts verpönt, nach akademischen Graden zu streben.

Auch an den Universitäten forschte man, moralisch gereinigt, nicht für die Titel, sondern für die reine Lehre.

Das galt als innovativ.

Karriere-Doktoren gab es aber zu allen Zeiten, und man ließ sie gewähren, so schlecht die Dissertation auch war.

Wem sein Name nicht genug war, der kaufte sich notfalls seine Diss. Anzeigen in den entsprechenden Fachmagazinen und großen Tageszeitungen, in denen angeblich Hilfestellung zur Erlangung der Doktorwürde angeboten wurde, waren zu einem guten Teil nichts anderes als Ramschmärkte für Dissertationen.

In den achtziger Jahren kostete eine Diss, je nach Umfang zwischen zwanzig und dreißigtausend D-Mark.

Wozu also jetzt die Aufregung?

Auch wenn an der Uni keiner dieser nachgemachten Doktoren jemals wieder gesehen wird, scheint Schaden für die Wissenschaft abgewendet zu werden.

Der Ruf steht auf dem Spiel, auch, wenn jeder Insider weiß, dass es tatsächlich nur ein Spiel ist.

Die akademische Würde verträgt diese öffentliche Entzauberung schlecht.

Dabei haben gerade die Doktoren, die jetzt im Kreuzfeuer der Kritik stehen, ihre Fähigkeiten gesellschaftlich erfolgreich zu sein, vollkommen unter Beweis gestellt.

Ihr Ehrgeiz, sich im Hyperwettbewerb der politischen Talente einen kleinen Marktvorteil zu verschaffen, ihr Pragmatismus, nicht päpstlicher zu sein, als der Pabst und ihre Flexibilität, unterschiedlichste Weltanschauung, wie die akademische und die politisch-ökonomische unter einen Hut zu bringen, ist doch längst bewiesen!

Karl Theodor zu Gutenberg hat zwar außer sich selbst nichts erfunden, war aber als glatter Mainstreamer außerordentlich erfolgreich.

Der Mann war flexibel und konnte Bedürfnisse erkennen und erfüllen.

Ein echtes Marketing-Talent!

Solche Eigenschaften würde ich auch den FDP-Politikern zubilligen, die gerade des Plagiates bezichtigt werden.

Wer würde denn ernsthaft behaupten wollen, dass es auf der Karriereleiter nur Originale gibt?

Das Gegenteil ist der Fall! Es gibt kaum Originale.

Originell zu denken, wissenschaftliche Maßstäbe anzuwenden und sich dabei vielleicht auch noch individuelle Meinungen zu leisten, ist geradezu toxisch für Karrieristen in unserem System.

Wenn wir also den Mythos der Wissenschaftlichkeit entzaubern wollen, dann bitte auch gleich unsere Karriere-Mechanismen dazu.

Dort ist nämlich Anpassung bis zur Unkenntlichkeit, mehr Schein als Sein und bedingungslose Ja-Sagerei obligat!

Das steht gewissermaßen im Knigge unserer Polittalente und Jungmanager.

Nun kann man entgegenhalten, dass es in dieser Diskussion schließlich um moralische Glaubwürdigkeit gehe.

Ganz richtig!

Glaubwürdigkeit ist in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft unverzichtbar geworden. Das Zeitalter der politischen Korrektheit schreibt Glaubwürdigkeit geradezu vor.

Glaubwürdigkeit! Aber doch nicht Ehrlichkeit!

Wo kämen wir denn hin, wenn jeder erhlich sein wollte.

In einer vernetzten Gesellschaft, in der schon ein falscher Flügelschlag einen Sturm auslösen kann, ist Ehrlichkeit die Tugend der Dummen und nicht die, der Mächtigen.

Wer sich bei uns in einer systemrelevanten Position befindet, muss lügen können, dass sich die Balken biegen und dabei in jedem Falle glaubwürdig wirken.

Das sind unsere gesellschaftlichen Tugenden des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Das sind die Skills, mit denen man erfolgreich wird und bleibt.

Egal ob Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft.

Eine ehrliche Haut wird bei uns sofort aussortiert.

Ehrlich und glaubwürdig zu sein, das schafft jeder.

Aber verlogen zu sein und dabei glaubwürdig zu bleiben, das schaffen nur unsere Spitzenleute an den Schaltstellen unseres Systems.

Diese Art der Flexibilität benötigen wir einfach, damit unser System weiter laufen kann.

Sie wirkt systemerhaltend.

Eine gut geklaute Dissertation stellt in diesem Sinne die Qualitäten einer angehenden Führungspersönlichkeit geradezu unter Beweis.

Das Risiko dabei erwischt zu werden ist dabei systemimmanent und lediglich als Karriereunfall zu werten.

Natürlich verliert so jemand dann seine Glaubwürdigkeit und ist erledigt.

Aber Opfer gab es auf der Karriereleiter schon immer.

Dennoch ändert das alles nichts an der Tatsache, dass gerade die Fähigkeit geschickt zu schummeln, ein wesentlicher und unverzichtbarer Faktor unserer Elitenbildung ist.

So gesehen müssen die eifrigen Kopierer eher belohnt, als bestraft werden.

Die Chinesen machen das ja schon vor.

Unserer Gesellschaft fehlt aber bislang die nötige Reife, um das einsehen zu können.

Da wir alle vom Wohlstand und unsere eigenen Geldbörse korrumpiert sind, machen wir diese zweischneidige Heuchelei mit, in der Hoffnung, dass alles so weiter läuft und wir auch etwas vom großen Kuchen abbekommen, der auf den Finanzmärkten der Welt zum größeren Teil ergaunert und in der Wirtschaft zum kleineren Teil erarbeitet wird.

Die großen, dramatischen Enthüllungen über unsere leitenden Gauner hilft dabei, das eigene Mütchen zu kühlen und weiter ruhigen Gewissens, wenn auch wider besseres Wissen zu behaupten:

Ehrlich währt am längsten.

 

 

 

 

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 23. Juli 2011 um 06:20 Uhr  

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