Mein Herz schlägt links

Initiative linker SozialdemokratenInnen in der SPD

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Neuigkeiten Waren wir die junge Garde des Proletariats?

Waren wir die junge Garde des Proletariats?

E-Mail Drucken PDF

 

 

 

Ich erinnere mich noch sehr gut an jene Zeit im Herbst vor etlichen Jahrzehnten, damals hatten wir alle soviele Pläne und lebten mit den Jahreszeiten, der Herbst war für uns eine Herausforderung.

Wir waren die Generation der Kinder im Nachkriegsdeutschland, wir fanden uns zusammen ohne den Begriff des sozialen Unterschiedes zu kennen, denn wir kannten uns, mochten uns und prügelten uns.

Immer wieder entstanden innerhalb dieses Freundeskreises Interessengruppen, in denen das Gemeinsame uns anzog.

Das Gemeinsame war mitunter lebenswichtig und andererseits weckte es Interesse, es war notwendig denn man besaß nicht alles und zudem wollten wir wissen, wie es hinter dem Horizont weiterging.

Es gab diesbezüglich keinerlei Berührungsängste, das galt für Groß und Klein und für Mädchen und Jungen, wir brauchten uns gegenseitig.

Unser gemeinsames Interesse galt der Notwendigkeit wegen, wir schafften es Fahrräder zu bauen, Reifenplatten zu flicken, Lichtanlagen am Fahrrad zu verdrahten und Kettenschlösser zu montieren.

Wir konnten Schwimmen, Radfahren, Fußballspielen und wollten lesen, unsere Welt eigentlich erobern, verstecken wollten wir uns nicht.

Es gab Freiräume die wir konsequent nutzen, es entstand mit uns auf der Kokswiese unser Fußballplatz, wir zimmerten uns unsere Tore und ergatterten einen richtigen Lederball.

Den pflegten wir, wir putzen unsere Fahrräder und versuchten uns in der Schule, vielleicht nahmen wir manches ernster, doch uns nahm man nicht immer so ernst.

Dann träumten wir, eines unserer Träume war ein eigenes Radio zu besitzen und im richtigen Augenblick das richtige Buch zu lesen.

Wir hatten einen Ablauf, der gestaltete sich ohne Telefon und ohne Schreierei, das eigentlich normal für unsdabei sein zu müssen, Freitagsnachmittag ging es ins kuschelig warme alte Hallenbad.

Eine Tüte Bonbons für die Mädchen die uns begleiteten war immer drin und dann in die Stadtbücherei, wir besaßen nie die Bücher die wir benötigten.

Meistens hatten sich diese wiederum andere gerade auch ausgeliehen, nun gut eines unserer Hauptgründe war auch in der Stadtbücherei die bunten Wochenzeitschriften durchzublättern.

Samstagsnachmittag war es ganz anders, Fußball war angesagt, tatsächlich bekamen wir immer zwei Mannschaften zusammen, wir spielten und spielten.

Dann hatte man soviel zu erzählen, man tauschte Bücher und weckte bei anderen Interessen.

In der Schule lief uns mitunter die Zeit davon, mittlerweile gab es Gruppenarbeiten, ich wollte freiwillig skizzieren, spitze die Bleistifte und war in Form.

Doch es kam anders, die Klassenkasse mußte dran glauben es ging ins Theater, das war für uns wie Heiligabend, ein Lessing Klassiker auf der Bühne, in einer Hauptrolle der besagte Ferdinand Held von Magney, daraus folgte die Gruppenarbeit.

Interpretation, Skizzen und all das mit der Schreibmaschine getippt, ich hatte vielleicht etwas Glück, mein Nachbarsfreund wollte interpretieren und meine Schulfreundin behauptete, sie könne auf der Schreibmaschine in die Tastatur schlagen.

Prima, was wollte ich mehr, doch es kam die unverhoffte Überraschung, meinem Schulfreund fehlten die entsprechenden Bücher, die wiederum ich irgendwo bei irgendwelchen Verwandten mal gesehen hatte.

Auf das Fahrrad und los, zurück mit den geliehenden Beutestücken, der Erfolg dauerte nicht lange.

Es erschien der Herr der Ordnung, in Gestalt meines Vater und der bestand darauf diese geliehenden Wertgegenstände sofort mit grauem Packpapier einzuschlagen.

Die hatten also jenen zu typischen grauen Einschlag, dem Schulfreund sagte ich, sie liegen bei mir, grau ummantelt und ich ging Fußballspielen.

Das war ein entscheidender Fehler der Regie, wie sich später herausstellte, denn tatsächlich holte der die ab und meine Mutter bot ihm einen Stuhl zum Sitzen an und der lehnte ab.

Er begründete das , seine Hose sei gerade geplättet worden, denn schließlich müsse er gleich zu Gisela und dort bei den Eltern einen guten Eindruck machen.

Für mich endete das folgenreich, jedenfalls erfuhr ich, daß mein grauer Janker und meine Bundhose im kommendem Jahr dringend benötigt würden um besagte Vogelscheuche einzukleiden, die stets bei uns im Kirschbaum hing.

Nun begann der 2. Akt, mal wollte mich neu verkleiden, sollte zudem noch preiswert sein und das Schicksal nahm seinen Lauf, eine noch halbwegs gute getragene Straßenbahnkontrolleursuniform wurde mir zurecht geschneidert.

Ich in dem Ding und mein Bekanntenkreis vergrößerte sich, einer der davon geblendet wurde war der Pfarrer, der wußte plötzlich und unerwartet mein Klavierspielen zu schätzen, ach vielleicht hatten wir alle irgendwie und irgendwo so einen Hang zur Verbesserung unserer Taschengeldmisere.

Jedenfalls eröffneten sich weitere Welten, Sonntagsnachmittags gegen 17 Uhr Kino, 2. Platz war billiger und wir sahen sie alle, die Edgar Wallces Filme.

Die Zeit der Taschenbücher, ab 95 Pfennig in die Welt eines John Steinbecks, des Abends vor dem Schlafen Radio hören, wir kämpften mit bei "allein gegen alle" und fuhren mit Jerry Cotton hinter den Gangstern her.

Wir kannten weder Pommes noch Döner, keinen Kaffee im Pappbecher, keine piepsenden Handys und keine SMS, wir lernten uns kennen und es entwickelten sich lebenslange Freundschaften.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 03. November 2011 um 05:07 Uhr  

Wahlkampf

Erneuerbare Energien

Statistiken

Benutzer : 335
Beiträge : 5749
Weblinks : 145
Seitenaufrufe : 14226966

Verwandte Beiträge