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Wagner wars

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Eigentlich wollte ich diese Geschichte niemanden erzählen.

Eines Tages lag mein Vater auf dem Sterbebett.

Die letzten Stunden des Mannes, der dafür gesorgt hat, daß aus seinem spritzigen Samen ein Autor mit spitzer Feder werden konnte, sollten ein Geschenk für meine kreative Ader werden.

Nicht, daß mein Vater etwas gegen das Sterben hatte.

Er übte sich schon seit früher Kindheit in Sachen Tod, vergiftete die hauseigenen Hühner mit einer guten Portion Alkohol und erlebte unter den Schlägen seines Vaters die Auferstehung eines braunen Schreihalses.

Später jagte er mit seinem besten Freund - der wiederum noch später Rektor einer Grundschule werden sollte, die Anfang der sechziger Jahre mit dem falsch zu verstehenden Wort Volk bekleidet war.

Er war von einem merkwürdigen Jagdfieber besessen, und sein Freund, der spätere Rektor, ebenfalls.

In ihrem Wahn setzten sie Dörfer und Städte in Brand, und das Merkwürdige für mich war, das keiner von ihnen bestraft wurde.

Um es kurz zu machen.

Als das Jagdfieber endlich überwunden, der Herr Papa und der Onkel Rektor entnazifiziert waren, begann eine neue schreckliche Krankheit.

Mein armer Vater war paranoid.

Er fühlte sich irgendwie verfolgt.

Die Ärzte, die von einer multiplen Wahnthematik sprachen, wurden von ihm schnell davon gejagt, einer unterstellte ihm sogar Fanatismus und schweres Querulantentum.

In den sechziger Jahren entschloß er sich zu einer Eigentherapie, rief bei einem alten Kriegskameraden an und bekam, als ehemaliger Gast des Führers, aus dem Kontingent der Gesellschaft des Führers (man mag sie auch Gesellschaft der Freunde nennen) eine Freikarte für Parsifal.

Mein Vater war freudig erregt, als er das braune Kärtchen in den Händen hielt, aber er wurde durch die dunklen Klänge nicht geheilt.

Er war zwar Teil eines alten neuen Wir-Gefühls, konnte jedoch eine gewisse Kluft zwischen den Taten des Wirs und deren Opfern schlecht aushalten.

Das Ersatzritual in Bayreuth therapierte ihn nicht, auch wenn er sich durch die komplette Wiederherstellung der alten Seilschaften Heilungschancen eingeräumt hat.

Nun, als er auf dem Totenbett lag, mußten wir das gesamte Schlafzimmer umbauen.

Das Bett wurde mittig in den Raum gestellt.

Mit einem Metallband wurde die gegenüberliegende Wand ausgemessen, dann wurde die Stereoanlage aus dem Wohnzimmer an das Sterbebett transportiert, die Lautsprecher exakt ausgerichtet und schließlich demontierten wir den Großbildfernseher aus der Schrankwand, um Vaters Sterbestunde einzuleiten, mit den schönsten Bildern seines Lebens - aus seinem Verständnis jedenfalls.

„Diesen Wunsch kannst du mir nicht verwehren,“ sagte er hämisch zu mir.

Zum Sterben wünschte er sich Wagner.

„Gleiches zu Gleichem,“ sagte er, „und wenn ich Sieg Heil rufe, müßt ihr den Fernseher hochstemmen, ich krieg meinen rechten Arm nicht hoch.“

So starb mein Alter.

Ob es nun die Wagnerklänge waren, die ihn umbrachten oder die implodierende Bildschirmröhre, als ich den Fernseher beim ersten Sieg Heil fallen ließ, konnte der Arzt nicht genau feststellen.

Ich bin fest davon überzeugt, daß Wagner der Täter war.

 

Zuletzt aktualisiert am Freitag, 13. Juli 2012 um 08:42 Uhr  

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