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Könnt Ihr nicht einfach mal das Maul halten?

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Endlich spricht es mal einer aus, was den gestressten Politikern schon lange auf den Senkel geht.

Bei einem Interview zum Thema Bürgerbeteiligung in München quatschte ein Passant dazwischen und behauptete, dass Bayern den Nürburgring finanziere.

Das ging Beck zu weit und er disqualifizierte den Herrn mit der Bitte, ob er nicht das Maul halten könnte, einfach mal das Maul halten und er sei dumm.

Ich bin froh über Kurt Beck und denke schon allein deshalb sollte er nicht zurücktreten, weil er so schön ehrlich ist.

Erfrischend!

Was in unserer Republik nicht so richtig zur Sprache kommt, bei dem Thema Bürgerbeteiligung vergeht den meisten Politikern aller Parteien, auch der SPD, ganz schön der Appetit.

Das ist menschlich zu verstehen.

Denn schließlich müssen Politiker ganz andere Herausforderungen meistern, als sich das dumme Geschwätz des Volkes anzuhören.

Sie müssen Rivalen niederkämpfen, Bündnisse schmieden, Intrigen aushalten und selbst in die Welt setzen.

Sie müssen Meinungen und Einstellungen entwerten, die sie nicht selbst hervorgebracht haben und die, welche sie nicht entwerten können, übernehmen, als wären sie von ihnen selbst.

Zumindest unsere Spitzenpolitiker müssen On-Top sein, auch wenn sie mal eine Magenverstimmung haben oder ihnen die Frau mit einem andern durchgebrannt ist.

Sie sollten sich die viele Arbeit, die sie mit ihrem Machterhalt haben, möglichst nicht anmerken lassen und immer schön frisch aussehen.

Gut müssen sie nicht aussehen, weil das sowieso keiner mehr erwartet.

In der Politik sind die meisten Mitspieler hässlich wie die Nacht.

Weil sie erkannt haben, dass sie nicht mehr schön werden können, wollen sie wenigstens sexy sein und Erfolg macht bekanntlich sexy bei den jungen Damen.

Aber ich will an dieser Stelle nicht Politikerbeschimpfung gegen Bürgerbeschimpfung stellen.

Ich möchte eigentlich nur auf eine gewisse Einstellungsähnlichkeit zwischen der Wirtschaftselite unseres Landes und unseren Spitzenpolitikern hinweisen.

Beide tendieren zur Volksverachtung.

Das kann ich natürlich nicht beweisen, sondern höchstens, wie beim Finanzamt, glaubhaft machen.

Ich denke an Äußerungen von Schröder, Merkel, ja auch von Beck, der einem Hartz IV Empfänger mal sagte, er solle sich waschen und rasieren und dann bekäme er schon einen Job.

Merkel attestierte den Südländern mangelnden Arbeitseifer und Schröder hielt gleich hunderttausende von Langzeitarbeitslosen für faul.

Geht noch mehr?

Klar geht noch mehr!

Die Einstellungsähnlichkeit finden wir eben auch in der Wirtschaftselite.

Olaf Henkel, der selbst aus einfachen Verhältnissen stammt, bezeichnet das Volk zur vorgerückten Boulevard-Stunde gern mal als Pöbel oder lässt sich dieses Wort in den Mund legen, während er eine luxuriöse Puppe im Arm hat und vielleicht schon den einen oder anderen Champagner intus.

Aber viele aus der Wirtschaft verkneifen sich das Mündchen so gut sie können, was manchmal zu verkniffener Mimik führt.

Tatsächlich aber könnten sie gut aufs Volk verzichten, obwohl auch das wieder absurd scheint.

Die alten Hasen wie Helmut Schmidt jedenfalls drücken es wenigstens mit Niveau aus.

Sie geben zu verstehen, dass die Komplexität unserer Politik viele Leute einfach überfordert und dass wir deshalb gut dran tun, unsere repräsentative Demokratie nicht anzutasten.

Bravo!

Vornehm geht die Welt zugrunde, sagte man damals in Hamburg.

Schon zu Zeiten der Buddenbrooks galt das Volk als dumm und musste geschickt geführt werden.

Zu Zeiten der ersten Republik fragte in dem Roman von Thomas Mann der Senator Buddenbrook demonstrierende Arbeiter.

„Na Leute was wollt ihr denn überhaupt?“

Antwort: „Wir wollen eine Republik!“

Antwort Senator Buddenbrook: „ Ja, aber die habt ihr doch schon längst!“

Antwort: „Na, dann wollen wir eben noch eine!“

Man könnte sich diesen Dialog auch heute noch vorstellen, wenn Bürger mehr Demokratie fordern und Politiker antworten, dass sie doch schon längst Demokratie haben.

Das dumme Volk antwortet dann: „Na, dann wollen wir eben noch eine zweite Demokratie!“

So ganz abwegig ist das nicht, weil unsere „erste Demokratie“ inzwischen schon etwas erschlafft ist.

Wählen allein genügt eben nicht, zumal dann Leute gewählt werden, die wirklich lieber mit den Eliten, als mit dem Volk im Lokal sitzen.

Das merken auch die Wähler und wissen, dass sie eigentlich abgeschrieben sind.

Die, welche sich wirklich abgeschrieben fühlen, das so genannte untere Drittel, das inzwischen gegen zwei Drittel tendiert, geht überhaupt nicht mehr zur Wahl.

Wie hart das Volk sich seine Selbstbestimmung gegen die Politiker-Kaste erkämpfen muss, zeigt sich an einem Plakat „je participe“ aus den Achtundsechzigern, das ich diesem Artikel vorangestellt habe.

In einem Artikel von 1969 beschrieb Sherry R. Arnstein eine Leiter der Partizipation oder Nichtpartizipation.

Ganz unten steht die Manipulation, die nächste Stufe ist die Therapie, in der Politiker davon ausgehen, dass das Volk therapeutisch von seinen Selbstbestimmungswünschen geheilt werden muss, dann kommt die Information, die immerhin eine Grundlage zur Partizipation sein könnte, die Konsultation als nächste Stufe, bedeutet zumindest, dass das Volk gehört werden soll, die Beschwichtigung soll so etwas wie ein Tranquilizer in strittigen politischen Fragen bewirken, das Volk wird scheinbar gefragt, aber in Wirklichkeit nur beruhigt, Entscheidungen werden weiterhin von der Elite getroffen, ab der Stufe Partnerschaft, dann delegierte Macht und schließlich Bürgerkontrolle entsteht echte zivilgesellschaftliche Macht.

Jeder soll selbst entscheiden, wie viel Macht, wir unserer Politiker-Kaste schon abgerungen haben.

Genug ist es jedenfalls nicht.

Also, nicht das Maul halten!

Auch nicht wenn man dann als „dumm“ bezeichnet wird!

Bitte kein Beck´s…

Zur Diskussion:

http://bewegung.taz.de/organisationen/mhsl/blogeintrag/koennt-ihr-nicht-einfach-mal-das-maul-halten

Zuletzt aktualisiert am Freitag, 05. Oktober 2012 um 10:05 Uhr  

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