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Start Archiv 2012 Grüße vom Stutti - eine systemkritische Geschichte

Grüße vom Stutti - eine systemkritische Geschichte

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Der Stuttgarter Platz, von den Berlinerinnen und Berlinern auch liebevoll Stutti genannt, ist ein großer Platz rund um den Bahnhof Charlottenburg

 

Der Stutti selbst ist gekennzeichnet durch die Hochbahn, die Nutten, die Dönerbude, russische und asiatische Geschäfte sowie diverse Hotels und Restaurants.

Und nicht zu vergessen: eine Currybude.

Hier wurde nebenbei die Currywurst erfunden und es befindet sich eine berühmte WG an diesem Ort.

 

Von diesem zentralen Punkt möchte ich Ihnen lieber Leser eine Geschichte erzählen.


Eine der Geschichten die das Leben schreibt.


Wir haben Mittag.


Eine ältere Dame mit langem grauen Haar und tiefblauen Augen steht am Imbiss.


Sie redet mit einer heiseren Stimme.


Ihre Wangen sind nicht schmal und zierlich sondern eher dick, wie die eines Hamsters.


Ihre Statur ist breit wie die eines Mannsweibs und ihre Brüste groß.


Nebenbei isst sie Currywurst.


„Dieter,“ sagt sie zu dem Imbissbetreiber „du weißt ja gar nicht, wie scheiße das Leben manchmal sein kann!“.


Der Imbissbetreiber sieht sie nur an, als erwarte er gespannt ihre Lebensgeschichte, eine Lebensgeschichte wie stellvertretend für tausende Menschen in dieser Stadt steht.


„Dieter,“ fährt sie ungerührt fort, während ihr Currysoße aus dem Mund in ihre Pappschachtel mit der restlichen Currywurst tropft „du weißt ja gar nicht wie es ist von diesem scheiß Hartz IV zu leben und jeden Tag Flaschen zu sammeln!“.


„Ick weeß Hertha, ick weeß!“ meint er nur.


„Du weißt nischt! Gar nüscht!“ meint Hertha und greift nach ihrer Bierdose.


Sie trinkt es gierig.


Der Gast neben Hertha hebt die Augenbraue.


Nicht weil er am eigentlichen Thema - dem Leben dieser - in seinen Augen wiederwertigen und erbärmlichen - Person - interessiert ist. Nein.


Er ist nur daran interessiert, wie die Frau sich jetzt artikulieren wird.


Was sie politisch von sich gibt, mag für andere vielleicht zutreffen, nicht aber für diesen wohlsituierten Herren Mitte 40.


Ihm gehörten mehrere Häuser und Wohnungen.


Er war reich. Das Leben hatte es gut mit ihm gemeint.


Abschluss in Harvard mit Magna Cum Laude.


Beerbt von seinen Eltern.


Eine schöne Frau und zahlreiche Kinder.


„Wir sind alle Opfer der reichen Oberklasse, die Mittelschicht fällt weg und die Unterschicht wird immer größer! Schau dir Berlin an! Keine Kohle bei den Meisten und die Stadt ist pleite!“.


„Und unser Bürgermeister vergnügt sich auf Partys!“. meinte ein anderer Gast.


Es war ein jüngerer Mann. Höchstens 20, schlank, schwarzes Haar und braune Augen.


Von der Statur wirkte er eher gebrechlich. Seine Stimme war jugendlich hell.


„Ganz Recht!“ erwiderte Hertha.


Dann blickte sie den Wirt an und zeigte mit ausgestrecktem Arm zu der Person zu ihrer Rechten.


„Hörst du das Dieter? Der Jung hat Recht!“


„Wie du meinst, Hertha!“ meinte der Wirt gleichgültig.


„Was heißt hier: »Wie du meinst!«?“ entfuhr es Hertha wutentbrannt.


Wütend ließ sie ihre Pommesgabel in die Currywurst herniederfahren.


Wäre es ein Messer gewesen und das Fleisch nicht bereits tot, das Wesen hätte einen grausamen Tod erlitten und hätte sich sicherlich vor Schmerz gewunden.


„Da sagt mal jemand die Wahrheit und deine einzige Antwort ist ein gleichgültiges »Wie du meinst!«???“.


Sie ballte ihre Faust. „Siehst du denn nicht, was hier jeden Tag um dich herum abgeht, lieber Dieter??? Lebst du nur für deine Bratwürste???“


Der Wirt seufzte. „Hertha, ich...“


„Ja, ich weiß... deine antisozialistische kapitalistische Welt, lässt ja so etwas nicht zu!“ meinte Sie.


Der Wirt murmelte etwas, dass wie »Jeder ist sich selbst der Nächste!« klang.


„So ist es!“ entfuhr es dem 40-jährigen Gast.


Hertha schien zu explodieren.


Diese Bestätigung war zu viel.


In ihr kochte es.


Sie drehte sich zu dem 40-jährigen um.


„Sie elendiges Stück Dreck! Sie sind wohl auch einer dieser noblen reichen Oberklassefatzkes, was? Wie oft haben Sie schon unserer Kanzlerin die Hände geküsst? Spucken Sie es aus!“


Hertha ging auf den Mann zu und dieser wich ängstlich zurück.


„Ich wüsste nicht was sie das angeht“ meinte er und an den Wirt gewandt meinte er nur „Ich teile ihre Ideologie. Jeder ist sich selbst der Nächste! Ich hätte Harvard nie bestanden, wenn ich nicht an mich selbst gedacht hätte! An mich und meine Karriere! Solidarität? Das ist doch etwas für Idioten! Für Armleuchter und Primitivlinge! Macht, Reichtum, Karriere und Geld, das ist alles was zählt!“


Der Wirt murmelte wieder etwas, das aber niemand verstand.


Hertha selbst ergriff daher also wieder die Initiative und meinte spitz:


„ Hören Sie junger Mann, dass sie sich nur um sich selbst kümmern mussten ist schön für sie. Ein Muttersöhnchen wie sie, hatte sicherlich ein Dienstmädchen und in der Schule und Universität waren sie vielleicht Jahrgangsbester. Aber...“ und diesmal nickte sie zu dem anderen Gast ohne diesen anzusehen. „... ich wette, als sie so alt waren wie dieser Herr, da hatten sie kaum Freunde und glücklich waren sie sicher auch nicht. Denn die Frauen die mit ihnen gefickt haben, waren doch auch nur hinter ihrem Geld her.“


„Nun, ich...“ der Mann verstummte.


Er wusste nicht was er sagen sollte.


Hertha drehte sich zu dem anderen Gast um:


„Und zu Ihnen sage ich nun mal auch was, denn Sie scheinen ein kluger Kopf zu sein: Lassen Sie sich nicht von dieser Gesellschaft klein kriegen. Bleiben Sie so wie Sie sind. Ruhig und besonnen. Suchen Sie sich eine Arbeit. Aber nicht irgendeine. Machen Sie etwas was Ihnen Spaß macht! Und passen Sie auf, dass aus Ihnen nicht so etwas wird wie aus diesen Herren. Aber werden Sie auch kein Zuhälter!“.


„Nun ich..“ meinte der Zwanzigjährige.


„Wenn Sie Abschaum sehen wollen, kommen Sie nach Berlin zum Stutti. Da gibt es genug! Und Sie werden auch nichts besseres!“ meinte der reiche Mann spöttisch. „Zumindest wenn Sie auf diese Frau hören.“


„Nun ich...“ meinte der junge Mann wieder.


„Ja, ja. Konservative Werte sind immer noch die besten Werte nicht wahr?“.


„Nicht ganz. Konservativ-liberale Werte.“ meinte Dieter zu Hertha.


„Aber doch nicht für so einen jungen Menschen!“ entfuhr es Hertha.


„Ach ihr Stasi-DDR-SPD-Linke-SED-Traum von einem demokratischen Sozialismus ist doch schon längst ausgeträumt. Sehen Sie es ein. Die DDR und die Sowjetunion sind tot. Genauso wie ihre soziale Gesinnung! Weil sie sich als Gift erwiesen hat!“.


„Ich träume nicht von einem Stasi-DDR-SPD-Linke-SED-Traum! Ich will nur einen Job, wie jeder andere auch!“ entfuhr es Hertha voll Zorn.


„Und ich bin mir sicher,“ fuhr sie fort „dass jeder hier auch einen Job verdient hat! Und auch dieser junge Mann einen Job verdient hat! Niemand soll so enden wie dieser Typ da an der Bushaltestelle.“


Sie deutete Richtung Bushaltestelle.


Da saß ein Mann in schmutzigen Klamotten, unrasiert.


Er trug einen Cowboyhut. In der rechten Hand eine Bierflasche.


Ab und zu fing der mann an zu brüllen: „Verpiss dich! Verschwinde“.


Und machte dabei Drohgebärden und schlug in die Luft.


Die Person die er zu verscheuchen versuchte existierte schließlich nicht.


Sie war ein Produkt seiner Einbildung. Nicht real. Eine Psychose.


„Wissen Sie,“ meinte der Unternehmer nur „wenn Sie nicht zur Oberklasse von Geburt an gehören, also nicht Teil des Bürgertums sind, dann werden Sie in unserem Zweiklassensystem auch nie etwas werden. Es ist schon dafür gesorgt worden, dass nur der vorankommt der Geld hat.“


Dabei nahm er genüsslich einen Zug aus seiner Flasche.


„Wollen Sie damit sagen, dass niemand, der auch nur annähernd aus der Arbeiterklasse stammt, jemals eine wahre Chance auf gute Bildung und Karriere hat?“


„So ist es! diese Gesellschaft lässt nur jene vorankommen, die Geld haben. Nur diese Menschen bekommen ein Abitur und sollten es sich auch leisten können, zu studieren. Freie Bildung für alle, Studieren für alle, Reichtum für alle - wo kommen wir denn da hin? Nein, nein. Ich sage Ihnen: Es darf nur eine Klasse geben die viel Geld hat. Und alle außerhalb der dieser Klasse verdienen es nicht, Geld zu haben oder bekannt zu werden. wer nicht in sie hineingeboren wurde hat Pech gehabt.“


Hertha schockierten diese Worte.


Sie wurde ganz rot im Gesicht vor Zorn.


Vor Wut zitterte sie am ganzen Körper.


Diese Worte, von diesem Herrn zerstörten alles woran sie immer geglaubt hatte.


Alles wofür sie damals erzogen worden war, woran ihr Staat geglaubt hatte, woran ihre Eltern geglaubt hatten.


Der Sozialismus war in ihren Augen das einzig wahre System gewesen.


Nach der Wende war er vom Kapitalismus verschlungen worden, der, erbarmungslos wie er nun mal war, nichts und niemanden verschonte.


Mit der Mauer fiel der Sozialismus.


Aus dem Westen gab es nur eine Partei die für einen demokratischen Sozialismus kämpfte, aus der ehemaligen Ostpartei SED ging die PDS hervor.


Heute ist Letztere die Linke.


Doch auch diese Parteien vermochten nur wenig für ihren Sozialismus zu tun.


Unter Schröder litt das komplette Sozialsystem der Bundesrepublik.


Es wurde kurzerhand, nach Herthas Meinung, nicht nur auf Eis gelegt. Nein, es wurde kurzerhand einfach erschossen.


Die blühenden Landschaften im Osten blieben genau so aus, wie ein besseres Sozialsystem.


Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel beherrschten das Land.


Viele Firmen schlossen für immer ihre Tore oder gingen ins Ausland, weil dort die Arbeitskräfte billiger waren.


Aus vielen Städten zogen die Menschen weg, mangels Perspektiven.


Und heute beherrschten Finanzkrisen und Dumpinglöhne die Welt.


„Wahrlich, blühende Landschaften sahen anders aus.“ seufzte Hertha. Sie schüttelte angewidert den Kopf.


„Wie meinen?“ fragte der reiche Mann.


„Ach nichts.“ meinte Hertha nur.


Sie sah sich um. „wo ist den der junge Mann abgeblieben?“


„Wenn du den jungen braunhaarigen Mann meinst,“ sagte eine weitere junge Frauenstimme „der konnte euren Streit wohl nicht ertragen. Er ist gegangen. Wollte nicht mal mit mir ficken!“.


„Tja, ...“ meinte Hertha nur „Steht eben nicht jeder auf politische Debatten und Nutten wie dich Susy.“


„Ein zunehmender Trend in der Jugend.“ meinte Dieter traurig.


Der reiche Mann grinste nur hämisch.


Und Hertha sagte zu ihrem Imbissbesitzer: „Einmal Currywurst mit Pommes rot-weiß, Dieter! Und ein Bier! Die anderen sind ja leider kalt geworden.“

 

 

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