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Dank an Depardieu:

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Viel gespottet wird gerade über Gérard Depardieu.

Klar, auch ich war empört der Meinung, dieser Knaller hat nicht alle Tassen im Schrank.

Aber je mehr ich es mir überlege, desto mehr erregt dieser Fettsack in mir eine tiefempfundene Dankbarkeit und Genugtuung.

An mein Herz, Obelix!

Wie oft habe sogar ich, ein nur durch wenige Jahre davon getrennter Alt-68er es hören müssen, diese unsägliche, abgrundtief schwachsinnige und gerade deshalb so explosive Schmähung: Geht doch rüber!

In den 60er und 70er Jahren war sie Gang und Gäbe: Ihr wollt kritisieren?

Geht doch rüber!

Ihr seid gegen den Vietnam-Krieg?

Geht doch rüber!

Ihr habt was gegen Altfaschisten in Wirtschaft, Politik und Verwaltung?

Geht doch rüber!

Ihr wollt Menschenrechte? Mitbestimmung? Zivildienst? Politisches Mandat? Unzensiertes schwarzes Brett in der Schule? Sonnenenergie statt Atom und Kohle?

Geht doch rüber!

Eine idiotische Aufforderung

Die Spätgeborenen machen sich heutzutage keine Vorstellung, zumal die pure Blödheit dieser Aufforderung klar auf der Hand liegt.

Denn gemeint war schließlich „der Osten“.

Konstantin Wecker beschreibt es in seinem Lied vom Willi, der von ein paar Fascho-Dumpfbacken in der Kneipe erschlagen wird und es sich vorher anhören muss: „Geh doch rüber! In die Sowjetunion!“

Eigentlich gemeint war allerdings eher die DDR, aber das tut nichts zur Sache.

Was hätte man rüber gehen sollen, wenn man Freiheit zur Kritik haben wollte, Menschenrechte und Zivildienst usw. usf., gab es das „drüben“ doch erst Recht nicht!

Das war so doof und empörend, dass man geradezu dazu getrieben wurde zu denken, so schlimm kann das da gar nicht sein wenn die Vollpfosten hier so dagegen sind. Auf einen doofen Klotz gehört ein doofer Keil.

Nun, das gehört jetzt schon einige Zeit der Vergangenheit an, Gott sei Dank.

Die DDR gibt’s nicht mehr, keine Träne weine ich ihr nach, und die Sowjetunion auch nicht.

Wir brauchen uns nicht mehr von irgendwelchen korrupten Parteibonzen sagen zu lassen, wo’s lang geht.

Uns sagen das jetzt korrupte Konzernchefs und Bankdirektoren. Aber wenigstens sagte uns lange keiner mehr, „geh doch rüber“.

Wohin sollte es auch gehen.

Ja, wohin?

Also verrauchte unser Zorn, der gerechte Zorn der Alt-68er und richtete sich auf neue, handfestere Dinge.

Aber tief, ganz tief zumindest in meiner Seele möchte ich sie immer noch alle würgen und schütteln diese Vollidioten die mir einst bei so vielem, was heute zum Glück selbstverständlich ist, meinten entgegenschleudern zu müssen: Geh doch rüber!

Was man sagt, das ist man selber!

Und nun die Wiedergutmachung, die Revanche, die Rache, die Erlösung, ahhhhhhh!

Depardieu, Du sagst uns jetzt, wo es lang geht.

Mehr noch, Du sagst es nicht nur, Du lebst es vor!

Du gehst rüber, nicht mehr in die Sowjetunion, sondern nach Russland!

Wo die Steuern niedrig sind, da geht’s lang.

Und jetzt, endlich und nach so vielen Jahren dürfen WIR es aus ganzem Herzen sagen: Geh doch rüber!

Du bist für einen autoritären Klientelstaat?

Geh doch rüber!

Du bist für eine pseudo-Demokratie? Geh doch rüber!

Du bist für Geheimdienstler als Staatschefs?

Geh doch rüber!

Du bist für Zensur, für abgesperrte Nomenklatura-Straßen, für eingesperrte Protestler, für niedergeknüppelte Frauen, für ermordete Journalisten, für speichelleckende Kirchen, für jedwede Bekämpfung einer modernen Gesellschaft?

Geh doch rüber, geh doch rüber, geh doch rüber!

Auf diesen Moment habe ich schon nicht einmal mehr zu hoffen gewagt, dass ich das noch erleben durfte!

Natürlich könnte man sich noch immer darüber ärgern, denn zumindest einen Teil seines Geldes nimmt er ja mit.

Geld, das wir hier dringend brauchen.

Die drüben auch, OK, aber drüben kommt es ja sowieso nicht bei den kleinen Leuten an, völlig anders als hier, versteht sich.

Aber: Wir brauchen nicht lange zu warten, dann ist es wieder da!

Wie sagt Karl Lagerfeld so schön, man muss das Geld nur zum richtigen Fenster raus schmeißen, dann kommt es zur Tür wieder rein.

Und so wird es auch mit diesem Geld sein.

Warum?

Nun, wir haben erst kürzlich wieder gelesen, welch gigantische Ausmaße die Kapitalflucht z. B. aus China angenommen hat.

Abermilliarden sind es, die da in den Westen schwappen, und nicht nur das Geld, ein beträchtlicher Teil der neuen, gut gebildeten Mittelschicht ist auf dem Absprung.

Und ich habe mich immer gewundert, warum unsere hiesigen Geldsäcke so ein Interesse an rückständigen "Partnern" haben.

Mann, bin ich naiv.

Wie zerronnen, so gewonnen: Seid umschlungen, Milliarden!

Diese Mittelschicht sieht nämlich, dass das neue China zwar für neuen Reichtum gesorgt hat, aber der ist keineswegs sicher.

Autoritärer Staat schön und gut, aber wenn 130 Millionen Wanderarbeiter eines Tages rebellieren sollten?

Bevor es für sie soziale Sicherheiten gibt, sichere Arbeitsplätze und halbwegs auskömmliche Einkommen?

Und wenn tief greifende Korruption die Renditen abschöpft wie sonst wo hohe Steuern, ohne dass man auch die Annehmlichkeiten eines halbwegs gut funktionierenden Staatswesens hat?

Da nimmt man doch lieber seine Kohle und zieht ab.

Von Ferne besehen ist alles schön, wie der Lateiner sagt.

Kurzum: Sie gehen rüber.

Aber das heißt: In den Westen.

Für die sind WIR „drüben“!

Und nicht unähnlich in Russland.

OK, der autoritäre Staat sorgt schön für Sicherheit und kümmert sich nicht um das kriminelle Zustandekommen von Reichtum, so lange die Reichen die Fresse halten, aber was, wenn sich das mal ändert?

Und wo rein das Geld investieren, wenn die Gesellschaft sich nicht entwickeln kann und das Land nur von seinen offenen Adern lebt, durch die seine Rohstoffe gen Westen strömen, „rüber machen“ sozusagen, rüber zu uns, Gott sei’s gelobt?

Also kommt das Geld eben doch wieder in den Westen, denn hier kann man es anlegen, teilweise versteuert zwar, aber sicher, wozu so ein Rechtsstaat doch gut ist.

Also werden hier ganze Wohnviertel damit saniert, altersschwache Firmen, nette Beteiligungen erworben, und es wird geshoppt, was das Zeug hält.

Ja, lieber Depardieu, geh ruhig rüber, aber da kannst Du machen, was Du willst, Dein Geld kriegen wir eines Tages doch.

Die Depardieus dieser Welt in Russland, ihr Geld hier bei uns.

Ein Traum!

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 15. Januar 2013 um 06:41 Uhr  

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