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Wenn einen die Welt in Eisenhüttenstadt erwischt

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Eigentlich sollte man jede Schulklasse dort durchführen, eine Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber.

Dabei würde es gar nicht darum gehen, den Schülern die Augen zu öffnen, oder irgendein Lehrstück aufzuführen. Nein, ein Gang durch die ehemaligen Gebäude der Bereitschaftspolizei der DDR hilft einfach dabei, die Welt kennen zu lernen.

Die Welt, wie sie heute ist.

Ein Männerhaus, ein Familienhaus, ein kleines Container-Dorf und am Ende vom Gelände ein großer Knast, der aussieht wie Alcatraz, derzeit aber nur 4 Insassen „beherbergt“.

Bis vor kurzem, so hört man, sei der Aufenthalt der illegal Eingereisten so geregelt gewesen, dass die Männer in den Knast kamen und Frauen und Kinder in die Familienhäuser.

Nicht selten seien die Frauen mit ihren Kindern irgendwann heimlich weitergereist und haben ihre Männer in der Abschiebehaft zurückgelassen.

Nach einer neuen EU-Richtlinie darf man auch illegal eingereiste Familien nicht mehr trennen.

Deshalb leben nun alle gemeinsam in den Familienhäusern.

Immerhin provoziert man damit keine Familiendramen mehr.

Obwohl, wer weiß schon, was die Frauen, die sich verflüchtigten zuvor mit ihren Männern durchgemacht hatten.

Nichts ist schwarz und nichts ist weiß, auch nicht in diesem Lager, in dem Afrikaner gemeinsam im Fernsehraum sitzen.

Kein einziger Mensch vom Typ „Caucasian-White“ zu dem wir, Russen und alle anderen Europäer gehören, stört das Bild in diesem Raum.

Im Lager gibt es allerdings viele Kaukasier, besonders Tschetschenen, ein paar Familien aus Russland und auf einem getrennten Flur des Container-Dorfes, der sehr viel ruhiger ist, Syrer und Afghanen.

Von allen werden wir nett begrüßt, die meisten wirken schüchtern, die syrischen Männer und einige Afrikaner freuen sich über unseren Besuch und lassen uns einen Blick in ihre Zimmer tun.

Alle Zimmer sehen gleich aus, mit Linoleum-Böden und Einrichtungen aus Gebrauchtmöbellagern.

Genau verstanden habe ich die Trennungen zwischen den Nationalitäten nicht, aber sie sollen Sinn machen.

Allzu leicht käme es zu Konflikten.

Die Lagerleitung ist erfahren und hat schon einiges erlebt.

Das wird geglaubt.

Denn beim Blick in dem Internetraum der für alle im Lager frei zugänglich ist und über ca. 15 Internet-PCs verfügt, entdecke ich ebenfalls nur Menschen afrikanischer Herkunft.

„Und wann sind die Syrer dran,“ will ich fragen, verkneife es mir aber, weil ich tatsächlich einen arabisch wirkenden Mann mit seiner Frau in einer Ecke vor dem PC hocken sehe.

„Also doch für alle“, denke ich.

Keine Apartheit in Eisenhüttenstadt.

Ein Glück!

Die Wohnbedingungen in diesem Durchgangs-Wohnheim, in dem niemand länger als 4 Monate bleiben sollte, sind erbärmlich.

Für deutsche Verhältnisse sogar äußerst erbärmlich.

Ein Zimmer für fünf Personen, entweder fünf einzelne Männer oder eine Familie, was nicht selten vorkommt.

Die meist russischsprachigen Bewohner kommen häufig mit drei und mehr Kindern, viele aus dem Kaukasus.

Die Flure in den Häusern sind deshalb Spielstraßen für die Kinder, was die Stimmung in der Tristesse der Anlage ein wenig hebt.

Es gibt sogar einen Kindergarten für die 500 Bewohner, zwei kleine Mädchen stehen in der Kälte davor und warten auf die Öffnungszeit.

Mama ruft sie dann auf Bitte einer Mitarbeiterin herein, weil es noch eine Stunde dauert, bis der Kindergarten öffnet.

Die Mädchen etwa im Alter von 5 Jahren und vielleicht Zwillinge, warten leidenschaftlich und sind enttäuscht, als sie noch mal weggehen müssen.

Während der Führung hören wir, dass der Vandalismus ein Problem sei.

Man habe komplette Küchen verloren, weil alles zerstört oder kurzerhand rausgeworfen wurde.

Türen sind zerbrochen, manche Fenster haben Risse, die Wände sehen traurig aus, aber schön warm ist es überall.

Wir stehen vor einer fast leeren Küche, in der zwei Tschetscheninnen Teigtaschen auf einem mobilen Zweiplattenherd kochen.

„Die kläglichen Reste unserer Küche“, höre ich von der Mitarbeiterin, die uns auch in den frisch verlassenen Speiseraum führt.

Dort gibt es Platz für ca. achtzig bis einhundert Menschen.

Auf den Tischen stapeln sich die Reste gepellter Eier.

„Sehn se, so hinterlassen die die Kantine!“

Mit „die“ sind die Bewohner gemeint.

Ein älterer Afrikaner mit Bart sitzt in der Ecke der Kantine im Schneidersitz auf einem Stuhl und schaut über die öden Tischreihen, die gerade von zwei bezahlten Lagermitarbeitern gereinigt werden.

Ein Euro pro Stunde, höre ich, das sei ein ganz schöner Zuverdienst.

Schließlich bekommt jeder mehr als einhundert Euro Bargeld auch ohne Arbeit.

Daneben komplette Kleidung, drei Mahlzeiten täglich, kostenlose Unterkunft und medizinische Versorgung.

Eine Familie mit 3 Kindern hätte dann 600 Euro im Monat, wovon sie eigentlich kaum etwas ausgeben müssen, weil im Lager fast alles kostenlos gestellt wird.

600 Euro, das sind drei bis sechs einfache Monatsgehälter in der Ukraine oder in Russland, in vielen ärmeren Ländern ist es mehr als das Jahreseinkommen einer Familie.

Als ob dies eine Einleitung gewesen sei, höre ich dann viel über den „Asyl-Tourismus“.

Für viele Menschen aus den armen Ländern, sei das Wort Asyl eine Art „Sesam-öffne-dich“ ins Schlaraffenland.

Auch wenn es mir schwer fällt, bei diesem Anblick einer nackten Kantine im Neonlicht, an ein Schlaraffenland zu denken, versuche ich, es mir vorzustellen.

Manche Familien, erzählt man mir, kommen auf diese Weise durch halb Europa.

Lieblingsziel sei Frankreich, obwohl die Bedingungen dort schlechter seien, als bei uns.

„Wahrscheinlich wegen der Sonne,“ bemerke ich und mir wird klar, dass ich gerade Quatsch rede.

Das Lager macht mich verlegen, ich finde keine echte Einstellung und rede deshalb irgendwas.

Nichts ist schwarz und nichts weiß.

Die alten Bekannten kämen seit Jahren immer wieder hierher, besonders aus den Ländern Osteuropas, vom Balkan oder aus dem Kaukasus.

Neulich hat die Mitarbeiterin eine Familie begrüßt, die gerade aus Stockholm zurückkam.

„Dort war man nicht so großzügig wie bei uns“, deshalb seien sie zurückgekommen.

„Wirklich?“ frage ich, „oder sind sie nicht einfach ausgewiesen worden?“

Unsere Mitarbeiterin ist jedenfalls überzeugt, dass die meisten wegen der guten Versorgung kommen.

Einmal „Asyl“ an der Schranke sagen und schon sei der Eintritt frei.

Naja, ich habe ja nichts gegen Lokalpatriotismus, aber in diesem Zusammenhang scheint er mir doch etwas verfehlt.

„Es werden doch auch viele von der Bundespolizei gebracht, oder?“

„Ja“, bestätigt sie, „auch das.“

Alles jedoch kein Vergleich zu früher.

In den Neunzigern seien bis zu 500 Menschen pro Nacht gekommen und am nächsten Morgen auf andere Lager weiter verteilt worden.

Besonders aus Osteuropa, aber das sei schon lange vorbei.

Fast bedauernd klingt dieser Verweis auf die „wilden Zeiten“.

Unsere Mitarbeiterin spricht englisch, russisch und arabisch in eindringlicher Ein-Wort-Sprache.

Ein Syrer möchte etwas vom Doktor.

„Panedelnik (понедельник)“ antwortet sie heftig,“ today closed, understand?“

Der Syrer guckt sie verdutzt an, ob dieser internationalen Antwort, von der er vermutlich kein Wort verstanden hat.

Dennoch scheinen die beiden sich zu verstehen.

Er lächelt, sie lächelt und dann lässt er uns ziehen.

„Der kommt nachher nochmal“ sagt sie, „den kenne sie schon.“

Der Service ist hier international.

Die Mitarbeiterin erzählt weiter vom internationalen Asyl-Tourismus, eines ihrer Lieblingsthemen, das sie gern beschreibt, an vielen Fallbeispielen, aber nicht so benennt.

Der Begriff stammt von mir.

Die Leute scheinen hier überhaupt darauf trainiert zu sein, zu beschreiben und nicht zu benennen.

Viele Beispiele zu erzählen, ergibt ja auch ein Bild und das Urteil kann sich dann jeder selber denken.

Der Leiter der Einrichtung wirkt ruhig, bescheiden und sympathisch.

Er raucht vor der Tür.

Geld ist da, sagt er lächelnd.

Wir werden neue Gebäude bekommen.

Er verweist auf das Familienhaus, das neu gebaut werden soll und die logistisch schwierige Renovierung des Männerhauses, die in Kürze geplant ist.

„Zum Glück haben wir die Container, schließlich sind wir voll belegt.“

Das Männerhaus müsse ganz leer gemacht werden, sonst gehe es nicht.

Ich bin erstaunt.

Wie kann er sagen: „Das Geld ist da“, in so einer armseligen Umgebung?

Aber das Geld ist wirklich da.

Die Baumaßnahmen sind fest geplant.

Der Leiter freut sich.

Wir gönnen es ihm und den Bewohnern, die immer wieder neu hier einziehen und ausziehen und auch denen, die immer wieder kommen.

Die Mitarbeiterin erzählt wieder eine der Geschichten, die beschreiben sollen.

In Berlin habe sie mal einen ehemaligen Bewohner getroffen, als sie ihre Tochter besucht hat, sie war erstaunt, wie klein die Welt doch ist.

„Wie klein die Welt doch ist,“ denke ich, „wie nah das Elend doch plötzlich rückt.“

Mir wird etwas übel und ich drehe mir eine Zigarette.

Ich denke an einen Weißrussen.

Er ist immer wieder nach Litauen geflüchtet, weil er in Belarus angeblich vom KGB verfolgt wird.

Allerdings hat er auch von Kaliningrad nach Litauen Autos verschoben.

Jedenfalls war er im Gefängnis und berichtete, dass dort alle Asylsuchenden in dem Gefängnis landen.

Er hat eine Eingabe bei uns gemacht, wegen Misshandlungen in litauischen Gefängnissen.

Auch eine schwangere Afghanin war im Gefängnis, aber in Polen.

Die Zustände dort seien entsetzlich gewesen, berichtet sie dem Dolmetscher.

Der übersetzt. „Haben wir tatsächlich barbarische Pufferstaaten im Osten, die uns gegen die Armutswanderungen von jenseits der EU-Grenze abschirmen sollen?“

Ich weiß nicht.

Ich denke nach, aber ich weiß es nicht.

Man müsste mal nach Polen rüber und nachschauen.

Wie auch immer.

Statistisch gesehen machen uns die Asylanten nicht arm.

Die Zuwanderung hat seit den Neunzigern wesentlich abgenommen.

Wer jetzt kommt ist hartnäckig und manche haben viel an Schleuserbanden der Mafia bezahlt.

Es scheint sich zu lohnen, auch wenn es hart ist. „Aber was ist mit dem Asyl?“ frage ich.

„Wie viele Asylanträge werden angenommen, wie viele werden abgelehnt?“

Keiner hier weiß das.

Das sei nur ein Durchgangslager.

Die Anträge werden meist später entschieden.

Aber der Syrer da vorne, der ist mit seiner ganzen Familie aus Syrien gekommen.

Der Antrag, das weiß sie sicher, sei abgelehnt worden.

Nun hat er Schlafstörungen und ist sehr nervös.

„Syrien“, denke ich, „wie kann man einen Syrer wieder nach Syrien schicken!

Wer weiß denn, was dem dort blüht?“

Ich frage lieber nicht, denn ich erwarte keine Antwort.

Dafür müsste man mal ein Büro besuchen, wo Anträge entschieden werden.

Auch noch so eine Reise, die ich machen sollte.

Es reicht für heute, ich bin müde.

Direkt neben meiner Klinik habe ich eine andere Welt entdeckt, nur getrennt vom Normalen durch eine rotweiße Schranke vor der man „Asyl“ rufen muss, wenn man schon so weit gekommen ist.

Eine Welt, in der konsequent die Gardienen vergessen wurden.

Aber eigentlich ist es doch diese eine Welt, in der wir mitten drin sitzen.

Mir schmeckt das nicht.

Irgendwas muss geändert werden.

Aber was?

Das Ministerium war gerade zu Besuch und hat Änderungen und Verbesserungen angeordnet.

Ich war heute zu Besuch.

Welche Änderungen wären noch anzuordnen?

Was will ich überhaupt verändern?

Die Armut, die Mitnahmementalität, die Kälte der Bürokratie, den Asyl-Tourismus, die Ungerechtigkeiten, das Elend dieser Kinder, die manchmal durch halb Europa geschleppt werden und denen es zuhause vielleicht auch nicht besser gehen würde?

Die schlechten Essmanieren?

Alles zusammen?

Ich beende diesen Bericht erst mal ratlos.

Nichts ist schwarz und nichts ist weiß.

 

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 23. Februar 2013 um 13:55 Uhr  

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