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Zur Kapitalismus-Debatte in Deutschland

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Was sind wir nun, Rädchen im Getriebe oder wild gewordene Egoisten?

Friedrich der Große hatte eine Vorliebe für mechanische Wunderwerke und hätte vermutlich begeistert den ersten Roboter in Empfang genommen, wenn seine Zeit schon so weit gewesen wäre.

Stattdessen musste er sich mit mechanischen Uhrwerken begnügen und nahm diese durchaus als Gleichnis für die heraufkommende Zeit der Industrialisierung.

Wir sind alle nur ein Rädchen im großen Getriebe.

Eine nüchterne Einsicht, wie Gesellschaft funktioniert und zugleich nicht funktionieren darf, wenn man nicht wieder in der paramilitärischen Gesellschaftsordnung Preußens enden möchte, die wir nun eigentlich lange genug und mit allen bösen Konsequenzen genossen haben.

Die Tatsache, dass militärische Denker immer wieder die Grundlagen für gesellschaftliches funktionieren gelegt haben, wissen wir nicht erst seit Friedrich dem Großen.

Auch Machiavelli ist dem einen oder anderen noch ein Begriff und wird gelesen, wenn es darum geht, wie Macht eigentlich in ihrer reinen und brutalen Form funktioniert.

Die Tatsache, dass nun Strategen die Spieltheorie für die Gesellschaft entdeckt haben, klingt auch nur auf den ersten Blick harmlos, weil zumindest in Amerika diese Strategen mit vorausschauenden Kampf gegen die Sowjetunion befasst waren, bevor sie nach Silicon Valley wechselten.

Die Feststellung, dass im amerikanischen Pentagon eine sehr schmale Version der Spieltheorie vorherrschte, welche die soziale Kooperation nicht gerade in den Vordergrund stellte, soll hier nur erwähnt werden.

Spieltheorie ist keine Kriegstheorie.

Das Thema braucht noch weitere Erörterung.

Eigeninteressen und Gewinnstreben des Einzelnen gehören natürlich dazu.

Zurück nach Deutschland. Stratfor eine texanische Beratungsfirma mit militärischen Wurzeln und besten Verbindungen zum Pentagon schreibt über unsere Wirtschaft: „Germany, the mosaic super-power.“

Gemeint sind nicht nur der deutsche Mittelstand, sondern auch die verdichtete Infrastruktur und der hohe Grad von Kooperation in und zwischen den wirtschaftlichen Sektoren.

Deutschland ist gewissermaßen durchstrukturiert.

Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich einen abendlichen Flug über das Bundesgebiet.

Im Schein der abendlichen Beleuchtungen sieht unser Land von oben aus, wie ein Gehirn, in dem alles mit allem irgendwie verbunden ist.

Im Vergleich dazu gehen in unseren Nachbarländern fast schon die Lichter aus, zumindest wirkt es von oben so, ohne irgendeine lokalpatriotische Plattitüde daraus abzuleiten.

Der Satz mit der Mosaik-Superpower hat was Richtiges.

Komischerweise denkt man bei dieser Perspektive aber nicht so sehr an die ganzen Egoisten, die bei uns außer Rand und Band geraten sind, sondern an ein funktionierendes Getriebe, in dem jeder seine Rollenerwartung zu erfüllen scheint.

Also doch viele Rädchen im Getriebe?

International sind die Deutschen jedenfalls dafür bekannt, sich eher auf das Gemeinwohl zu orientieren, als auf die Freiheit des Einzelnen.

Da gibt es andere Länder und die „besten“ Egoshooter kommen bekanntlich aus Amerika, dem Heimatland der Pokerweltmeisterschaft und der Heuschrecken.

Die Engländer eifern diesem Menschenbild nach, aber nicht so sehr die Deutschen, die das Gemeinwohl mit Löffeln gefressen zu haben scheinen.

Der Mythos der „sozialen Marktwirtschaft“ ist mächtig bröckelig geworden, aber im Grunde glauben die meisten noch daran, haben zumindest eine vage Hoffnung, dass sich der Verzicht, die Arbeit für weniger als das Existenzminimum, letztlich doch noch auszahlen wird.

Rädchen wollen schließlich belohnt werden, Egoshooter holen sich, was sie wollen.

Auch in diesem Sinne sind die meisten Deutschen „Rädchen“ im Getriebe.

Wir Deutsche sind in der überwiegenden Mehrheit eigentlich brave Bürger und ähneln mehr dem Gartenzwerg, als dem Joker aus den Batman-Filmen, weshalb man sich um uns nicht so viele Sorgen machen müsste, wenn…

Ja, wenn sich unsere sozialen Stärken endlich auch wieder in soziale Politik ummünzen ließen.

Auf dem Weg dahin gibt es allerdings ein paar Hindernisse, die nicht unüberwindlich sind.

Wir müssen unseren Profiteuren und Superreichen, die etwa die Hälfte unserer gesamten Vermögen besitzen, deutlich machen, dass ihr Reichtum auf bestimmte soziale Tugenden zurückzuführen ist.

Denn alles, was in Deutschland in den letzten 60 Jahren geschaffen wurde, beruht auf sozialen Tugenden und nicht auf Egomanie.

Diese lassen sich nur erhalten, wenn man bereit ist, sie zu honorieren.

Auch das ist ein Ergebnis der viel verachteten Spieltheorie, dass soziale Sanktionen gegen Egoshooter den Erfolg einer Gruppe fördern und nicht schwächen.

Die Reichen und Superreichen müssen also abgeben, möglichst freiwillig, notfalls gezwungenermaßen.

Man kann nicht mit dem Arsch in einem hochsozial strukturierten Gemeinwesen sitzen und mit dem Kopf im globalen Jetset hängen und sich dabei wie Rockefeller fühlen.

Auch Rockefeller musste übrigens zu umfangreichen sozialen Zugeständnissen gezwungen werden, seine Stiftungen waren alles andere als freiwillig.

Wir wollen aber keine neuen Rockefeller-Stiftungen, weil wir von Bertelsmann schon die Nase voll haben.

Wir wollen gerechte Löhne und für die Arbeitnehmer die Selbstbestimmung zurück, die durch erzwungene „Flexibilisierung“ zum Wohl der Profiteure inzwischen ziemlich im Eimer ist.

Ein solches Ziel ist realistisch!

Der deutsche Mittelstand wäre übrigens wesentlich sozialer, wenn er nicht in so hohem Maße von den Konzernen ausgebeutet werden würde.

Der Druck auf die Arbeitskosten kommt vor allem aus dem Shareholder-Value unserer Konzerne und der ist global.

Globalisierung ist aber alles andere als ein Naturgesetz, genauso wenig wie der Turbokapitalismus, der eher eine Erfindung der Egoshooter ist, die auf diese Weise ungerechtfertigt die Arbeit der Produktiven abschöpfen und eigentlich eher eine Art von globalem Raubzug veranstalten.

Was mich aber optimistisch stimmt, ist, dass sich die wirtschaftlichen Machtverhältnisse derzeit eher umkehren und in Richtung „Regio-Power“ laufen.

In der Industrieproduktion ist das Zulieferwesen inzwischen so mächtig geworden, dass der Mittelstand beispielsweise im Maschinenbau den Konzernen absolute Angebote macht, die teilweise nicht mehr verhandelbar sind.

Denn auch, wenn die großen Industriekonzerne über viele Patente verfügen, ist es der Mittelstand, der die entscheidenden Innovationen hält.

Er wird zunehmend flexibel und kann die Konzerne gegeneinander ausspielen.

Das sind wohlgemerkt Tendenzen für die es sicherlich viele Gegenbeispiele gibt.

Aber der Gegentrend zu den Großkonzernen ist nun mal eine international hoch vernetzte Regionalisierung und als Beispiel dafür steht der deutsche Mittelstand.

An dieser Stelle könnte man auch erwähnen, dass deutsche Konzerne ihre schrumpfenden Gewinnmargen gern mit schlecht bezahlter Dienstleistung ausgleichen und hierfür Leiharbeiter und die Dienstleistungsbranche insgesamt ausbeuten.

Die Moral sinkt also eher bei Volkswagen und Co und weniger bei den kleinen Zulieferern.

An dieser Stelle ist erneut die Politik gefragt, das große Fressen der Großen einzudämmen und das soziale Gleichgewicht wieder herzustellen.

Wie gesagt, Gruppen sind dann erfolgreicher, wenn sie ihre Egoshooter begrenzen und sanktionieren.

Was könnte eine Moral aus der derzeitigen Kapitalismus-Debatte sein?

In Deutschland liegen wir mit unserer Wirtschaft bei Weitem nicht so falsch, wie wir denken.

Wir müssen nur, ganz im Unterschied zur jetzigen Ego-Debatte lernen, die Freiheit des Einzelnen zu betonen, wenn sie dem sozialen Gedanken einer funktionierenden Gesellschaft gerecht wird.

Die Freiheit derjenigen, die bereits mit ihren Köpfen im globalen Wolkenkuckucksheim hängen und sich nicht mehr verantwortlich fühlen wollen, muss dagegen deutlich begrenzt und reglementiert werden.

Dafür haben wir in Deutschland eine ausgezeichnete Ausgangssituation und die öffentliche Diskussion läuft gerade hoch.

Anders ausgedrückt müssen wir die Bevölkerungsgruppen, die finanziell in den letzten 10 Jahren abgehängt wurden und eine großen Teil ihrer Freiheiten verloren haben, wieder in den Fokus unserer Politik, auch unserer Wirtschaftspolitik rücken.

Sonst könnte die deutsche Mosaik-Superpower eben auch bald Geschichte sein, wenn der historische Augenblick für die soziale Gerechtigkeit verpasst wird!

Amerikanische Verhältnisse, wohlgemerkt, machen uns nicht erfogreicher, sonder mangels sozialem Ausgleich, nur ärmer!

 

 

Zuletzt aktualisiert am Freitag, 01. März 2013 um 11:16 Uhr  

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