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Formierte Gesellschaft

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In seiner Schrift „Abschied vom Staat“ formulierte der konservative Intellektuelle Rüdiger Altmann die Idee einer formierten Gesellschaft, als Antwort auf einen zunehmenden Egoismus von gesellschaftlichen Interessensgruppen.

Gemeint war eine, von einem starken Staat geführte, Gesellschaft, in der sich Partialinteressen grundsätzlich dem Gemeinwohl unterordnen mussten.

Interessanter Weise wurde Altmann später nicht von Erhardt, für den er zunächst den Begriff der formierten Gesellschaft lieferte, gefördert, sondern von Willy Brandt und Helmut Schmidt.

Man sollte Schmidt heute mal fragen, was er von diesem Begriff hält, denn er taucht bei den Sozialdemokraten nicht mehr auf, wohl aber bei der Konrad Adenauer Stiftung, als theoretischer Hintergrund der Christdemokraten:

„Im Denken von Ludwig Erhard spielte der Begriff Formierte Gesellschaft eine beachtliche Rolle. Ursachen hierfür waren Erhards Realismus gegenüber dem Wirtschaftsgeschehen und seine Einschätzung sozialpsychologischer Zusammenhänge. Er war überzeugt, dass sich arbeitsteilige Wirtschaftsprozesse nur dann reibungslos vollzögen, wenn jede Entscheidung in der Wirtschaft vom Bewusstsein „der schicksalhaften Verbundenheit aller mit allen” getragen werde. Modernes Wirtschaften erfordere Arbeitsteilung und Spezialisierung, und das heiße: Jeder sei vom anderen abhängig; jeder sei darauf angewiesen, dass sämtliche Teilnehmer am Wirtschaftsgeschehen ihre Leistungen bereitwillig erbringen und anderen zur Verfügung stellen würden. Auf Vorschlag des Publizisten Rüdiger Altmann brachte Erhard die unausweichliche Verbundenheit aller einzelnen in der modernen Wirtschaftsgesellschaft auf den Begriff der Formierten Gesellschaft. Der mit diesem gefasste Sachverhalt ist von immenser politischer Bedeutung. In der modernen Wirtschaft entstehen marktgängige Produkte und Leistungen nur im Zusammenwirken vieler. Damit verfügt aber jeder Einzelne über Machtmittel, denn jeder kann durch Leistungsverweigerung den Wirtschaftsprozess lähmen und die Gesellschaft erpressen. Für Erhard war die Formierte Gesellschaft kein Konzept für eine neu zu schaffende oder „moralisch aufzurüstende“ Gesellschaft, sondern Mahnung, in einer Zeit zunehmender Verteilungskämpfe die Abhängigkeit aller von allen zu beachten. Etymologisch hat die Formel zwei Wurzeln: Sie erscheint erstmals 1790 bei Friedrich von Schiller; 1929 wurde sie von Friedrich Dessauer in einer Auseinandersetzung mit Erhards Doktorvater, Franz Oppenheimer, verwendet.“

Weder der sprachliche Code, noch die Wortwahl dieses Textes erinnern an Sozialdemokraten, die Inhalte aber erinnern sehr stark an sozialdemokratische Politik der letzten 10 Jahre, sogar noch an heutige politische Forderungen der SPD.

Schröders Politik hat die scheinbare Blockade Einzelner gegenüber der „Wirtschaftsgesellschaft“ gebrochen, die Hartz-Gesetze repräsentieren diesen starken Staat, der einzelne auf das Gemeinwohl verpflichtet.

Allerdings nur für die Unterschicht.

Rot-Grün setzte also einen unvollständigen Altmann um und ließ gerade die Forderung nach einer starken Setzung staatlicher Akzente für die Wirtschaft unbeachtet.

Ganz im Gegenteil standen die Sozialdemokraten der neoliberalen Regierungszeit für eine Deregulierung der Wirtschaft und für einen diesbezüglich schwachen Staat.

Die Formulierungen der Konrad Adenauer Stiftung erinnern sehr stark an diese Politik, in der der Einzelne mit seiner Verweigerungshaltung die Gesellschaft sabotiert und deshalb mit Zwangsmitteln auf das Gemeinwohl hingeführt werden muss.

Trotz dieser extremen Verzerrung von Altmanns Ideen, die von den Sozialdemokraten ausgerechnet gegen die Unterschicht gewendet wurden, bleibt die Idee eines starken Staates, wie ihn sich Altmann gewünscht hat, im Programm der SPD präsent, wurde in den letzten drei Jahren sogar noch ausgebaut.

Diesmal soll dieser Staat allerdings eher gegen die Profiteure des neoliberalen Kapitalismus gewendet werden und soziale Gerechtigkeit wieder herstellen.

Wirklich?

Der Staat der auf den Schwachen herumtrampelt und die starken ungeschoren lässt, wird in dem aktuellen SPD-Programm nicht glaubwürdig gewendet.

Die Hartz-Gesetze werden nicht in Frage gestellt, die Korrekturen an der neoliberalen Deregulierung sind geringfügig.

Die Idee eines Gemeinwohls, das von einzelnen nicht sabotiert oder behindert werden darf, beflügelt aber weiterhin die Sozialdemokratie bis weit hinein in den linken Flügel, ebenso wie die Christdemokraten, die den Begriff der formierten Gesellschaft sogar auf der Website der Konrad-Adenauer-Stiftung als immer noch aktuelle Idee präsentieren.

Was läuft da falsch, im Gesellschaftsbild, dass CDU/CSU und SPD eint?

Die Forderung von Ludwig Erhardt „Wohlstand für alle“ wurde in beiden Parteien fallen gelassen und durch Besitzstandswahrung für wenige ersetzt.

Gipfel dieser Abkehr von der Grundidee, dass nicht nur der Einzelne der Gesellschaft zu dienen hat, sondern auch die Gesellschaft dem Einzelnen mit sozialer Gerechtigkeit und sozialem Ausgleich zu antworten hat, war die Verleumdung eines Wahlkampfslogans der Partei die „Linke“ als unseriös und populistisch, welcher bei der letzten Bundestagswahl wörtlich von Ludwig Ehrhardt übernommen wurde: „Wohlstand für alle.“

Fazit: Sowohl Christdemokraten, als auch Sozialdemokraten streben eine abgespeckte Version der formierten Gesellschaft an, in der allerdings die Freiheit für wenige, sich den Pflichten für das Gemeinwohl weitgehend entziehen zu können, immer noch mehr wiegt, als die basalen Freiheiten der Menschen, die ihre Haut auf dem Arbeitsmarkt verkaufen müssen.

Fazit: Im Vergleich zu den heutigen Volksparteien CDU/CSU und SPD war Ehrhardt Sozialist.

Die SPD ist rückblickend extrem nach rechts gerückt und hat diesen Kurs auch in ihrem aktuellen Programm nur sehr partiell korrigiert.

Den Anspruch auf einen starken Staat haben aber beide Volksparteien und ebenso die Grünen und die jetzige Partei die „Linke“.

Nur, dass bei den regierungsfähigen Parteien, das heißt dem Kartell der Mitte der starke Staat vor allem nach unten wirken soll und die Sabotage der Arbeitslosen, der Geringverdiener und der Gewerkschaften verhindern soll aber nach oben viel Luft zum Atmen lässt.

Eine formierte Gesellschaft in diesem Sinne, haben wir schon längst.

Die Freiheiten sind bereits auf ein Minimum reduziert worden und sollen von den Volksparteien und den Grünen und vermutlich auch von der „Linken“ weiter reduziert werden.

Die FDP steht deshalb nicht als moralischer Sieger da, weil sie schließlich überhaupt keine Idee von einer Gesellschaft hat, die mehr ist als ein Selbstbedienungsladen für die Mächtigen ist.

 

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 07. März 2013 um 15:04 Uhr  

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