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Kognitive Dissonanz als Politik-Konzept

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SPD/Union/Grüne "Wo Denken und Handeln planmäßig im Widerspruch stehen, sollte mehr über "hidden agendas" nachgedacht werden"

Gabriel, Schröder: Warum sollten eigentlich Politiker anders denken, als sie in den letzten zwei Jahrzehnten gehandelt haben?

Die Geschichte mit der kognitiven Dissonanz ist gar nicht neu und eigentlich sehr banal.

Im Konsumenten-Umfeld hat man festgestellt, dass die Leute einfach nicht das tun, was sie vorher gesagt haben.

Sie kaufen nicht das, was sie in einer Umfrage für gut befunden haben, sie verhalten sich nicht so, wie sie es in Umfragen für richtig halten und schließlich spenden bei weitem nicht alle für wohltätige Zwecke, die das von sich behaupten.

Schwamm drüber, die Untersuchungen sind weder neu noch besonders interessant.

Es ist bekannt, dass der Mensch häufig anders handelt als redet.

Interessant und aufregend anders ist allerdings, wenn Menschen planmäßig anders handeln, als sie reden.

Das ist nämlich beim Normalbürger in der Regel nicht der Fall.

Aus taktischen Gründen das eine zu sagen und das andere zu tun, hat eine andere Qualität und ist mit kognitiver Dissonanz im eigentlichen Sinne nicht zu erklären.

Es geht dabei nämlich nicht um die Schere, die sich zwischen Denken und Handeln auftut, sondern um bewusste Manipulation.

Wenn ein Spieler beispielsweise Sportwetten manipuliert, weil er Insiderwissen hat, tut er dies üblicherweise, indem er allen erzählt er würde auf X setzen, um die Quoten für Y nach oben zu treiben.

Natürlich setzt er auf Y.

Wenn Y gewinnt, hat er seinen Profit vervielfacht.

An den Finanzmärkten ist das inzwischen üblich, aber auch in der Politik?

Nicht ganz.

Politiker können es sich nicht leisten offensichtlich zu betrügen.

Sie müssen immer noch so tun, als würden sie tatsächlich auf X setzen und nicht auf Y, weil sie sonst nicht mehr gewählt werden.

Der Wähler nimmt so etwas übel.

Politiker müssen also die Schere der kognitiven Dissonanz noch irgendwie schließen, um wenigstens einigermaßen glaubwürdig zu sein.

Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Beispielen wo sie ungeniert X sagen und Y tun.

Jüngstes Beispiel war eine SPD, die mit einer rot-grünen Koalitionsaussage ins Rennen ging und in einem schwarz-roten Bündnis landete.

Das wäre lässlich, wenn nicht vorher schon klar gewesen wäre, dass Rot-Grün nicht klappen wird.

Während in der Fraktion schon lange vor der Wahl mit einer großen Koalition gerechnet wurde, wurde genau dieses Thema im Wahlkampf klein gehalten.

Man sagt also möglichst nicht, was man vor hat, tut es aber dann.

Prof. J. Rademacher (Ökosoziales Forum) hat vor einiger Zeit in einem Vortrag folgendes über den öffentlichen Umgang von Eliten mit Wissen formuliert:

„Es gibt Wissen in einer Form, die kommuniziert wird, das ist das, was andere wollen, was wir wissen sollen. Wobei das was sie wissen sie absolut nicht kommunizieren, sondern ständig kommunizieren, dass sie wollen, was alle wollen, was aber genau das ist, was sie nicht wollen. Dass sie aber über die Möglichkeiten verfügen, hinzubekommen, dass wir zum Schluss genau das kriegen, was sie wollten, was nicht das war, was sie sagten.“

Stellen wir uns also vor, wir haben es mit einer SPD-Spitze zu tun, die längst weiß, was Merkel eigentlich will, was dasselbe ist, was diese SPD-Spitze auch immer wollte, aber nicht mehr sagen darf, weil sie dann weiter Wähler und Mitglieder verliert.

Dann könnte man aus ihren politischen Handlungen, wie auch aus denen der Kanzlerin, ein Set von Annahmen ableiten, das etwa folgendermaßen aussieht: Warum sollen eigentlich einfach qualifizierte Arbeitskräfte bei uns so viel mehr bekommen, als in den Schwellenländern?

Das führt doch nur zu einem Konkurrenznachteil für unseren Arbeitsmarkt gegenüber den Märkten in Indien, China und Brasilien.

Die Folge ist eine weitere Abnahme der Investitionen bei uns.

Es macht eigentlich keinen Sinn, das Lohnniveau in Deutschland wirklich anzuheben, wenn die deutsche Industrie durch Armutszuwanderung aus dem Osten noch über Jahre zu äußerst konkurrenzfähigen Lohnkosten produzieren kann.

Die Standortsicherung ist damit für längere Zeit gegeben.

Davon profitieren doch zumindest die höher Qualifizierten in Deutschland, die ohnehin das eigentliche Wähler-Klientel der SPD und der Union bilden.

Ganz in diesem Sinne funktionierte schließlich die Agenda-Politik Schröders.

Warum sollten die Genossen jetzt so anders denken?

Merkel denkt sogar noch einen Schritt weiter.

Zumindest in ihrem Umfeld wurden im letzten Jahr Stimmen laut, die eine weitere Absenkung der Hartz-IV-Sätze forderten, um den Arbeitsanreiz zu steigern.

Nicht mehr weit ist es dann zu Seehofers-Forderung, die Zuwanderung in unsere Sozialsysteme zu erschweren.

Da kann man erst einmal fordern: „Wer betrügt, fliegt.“

Das gefällt auch den einfachen Leuten.

Im nächsten Schritt aber, wäre eine weitere Absenkung des Lebensstandards beim ALG-II die wirtschaftlich adäquate Handlung.

Denn auf diese Weise bekommt man noch mehr billige und willige Arbeitskräfte auf den Markt, die dann auch gern zwei oder drei Jobs gleichzeitig annehmen, wie in den Staaten.

Verkaufen kann man das dann unter der Überschrift: Wir wollen unser Sozialsystem nicht zu attraktiv gestalten, um Armutszuwanderung gering zu halten.

Alles extrem günstig für die Standortsicherung und damit für die Absicherung des Wohlstandes unserer oberen Mittelschichten und Oberschichten.

Auch bei der Bildung gibt es ein solches Set von Annahmen, das sich durch die Politik der letzten Jahre gut stützen lässt und ziemlich diametral gegen die aktuellen Aussagen und Programme der Regierungsparteien steht.

Dennoch: Eine weitere Privatisierung der Bildung ist das Gebot der Stunde.

Der Vorteil liegt nicht nur in einer wirtschaftlichen Stimulation, die auch von der Privatisierung des Gesundheitssystems erwartet wird, sondern vor allem darin, dass dabei in Kinder investiert wird, bei denen der erwartete Bildungserfolg von vornherein höher ist, als bei der breiten Masse.

Hohe Investitionen in das öffentliche Bildungssystem würden allenfalls eine mäßige Verbesserung des allgemeinen Bildungserfolges bringen, während vergleichsweise smarte Investitionen in Privatschulen später erfolgreich in die Spitzenförderung einmünden können.

Auch die Spitzenförderung ist ein wesentlicher Faktor zur Standortsicherung in Deutschland.

Warum sollten eigentlich Politiker von Union und SPD sowie den Grünen anders denken, als sie in den letzten zwei Jahrzehnten gehandelt haben?

Alle haben unsere öffentlichen Schulen verfallen lassen.

Alle haben daran mitgewirkt, dass die Bildungsinvestitionen im öffentlichen Bereich unterhalb des OECD-Schnittes blieben.

Alle haben die PISA-Ergebnisse gekannt. Keine Partei hat versucht durch breite Investitionen in Schulen die allgemeine Bildungsmisere zu verbessern.

Stattdessen wird jetzt gerade aus der Koalition immer häufiger von den großartigen Bildungsinvestitionen des deutschen Privatsektors gesprochen.

Allerdings hat sich in den letzten fünfzehn Jahren meines Wissens kein Politiker hingestellt und gesagt: „Wir wollen eine Privatisierung des Bildungssystems!“

Genau das aber wollen sie, auch die SPD, wenn man sie nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten misst.

Dazu passt ein weiteres Zitat von Rademacher: „Es nützt einem gar nichts, dass man versteht, dass es nicht so ist, wie die meisten glauben, weil die Tatsache, dass es die meisten glauben eine unglaubliche Kraft entfaltet. Die schmerzhafte Erkenntnis ist, dass mit den zunehmenden Fähigkeiten im Bereich Marketing und Spindoctors die etablierten Machtstrukturen, auch die demokratischen, dazu tendieren, dass sie im Letzten gar nicht mehr die Wahrheit wissen wollen, sondern dass sie eine Vorstellung der Realität zu ihrem Zweck erzeugen wollen. Wir sollen uns vorstellen, es wäre irgendwie.“

Man könnte nun fortfahren und einiges über die Privatisierung des Gesundheitssystems berichten, die in den letzten fünfzehn Jahren stattgefunden hat.

Da ist die Bürgerversicherung der SPD ein sehr schöner Prüfstein, der die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln vermutlich in den nächsten vier Jahren noch einmal illustrieren wird.

Die Annahme, dass alle Bürger eine vergleichbare Gesundheitsversorgung bekommen müssen, ist genau das, was wir denken sollen.

Wir werden aber eine privatisierte Medizin bekommen, die sich auch mit einem Zwei-Klassen-System nicht mehr hinreichen beschreiben lässt.

Es wird ein „Kasten-System“ der medizinischen Versorgung werden.

Das zeichnet sich jetzt bereits in Metropolen wie Berlin ab, wo zunehmend Privatangebote die schlechteren öffentlichen Versorgungsangebote deklassieren.

Die Reichen und Schönen aus den Schwellenländern auch die Saudis und die russischen Oligarchen kommen inzwischen nach Berlin und lassen sich dort auf Luxus-Stationen behandeln.

Ein privatisierter Gesundheitssektor ist ebenfalls ein Standortfaktor für Deutschland.

Ein solidarisches Gesundheitssystem passt da nicht. Das weiß auch die SPD-Spitze.

Unterm Strich wird etwas ganz anderes vorangetrieben, als öffentlich gesagt wird.

„Und Sie können sicher sein, dass es sehr viele Machteliten auf dem Globus gibt, die nichts mehr fürchten, als dass es auf dem Globus vergleichbare Lebensbedingungen für alle Menschen geben könnte.“ (…)

„Vielleicht noch attraktiver ist, dass wenn bei uns die Normalbevölkerung genügend verarmt ist, dann müssen die Armen rund um den Globus alle gar nicht mehr reich werden.“ (J. Rademacher)

Allgemeiner Reichtum, so ist vermutlich die Überzeugung unserer politischen Eliten, ist für unseren Planten nämlich eine Überforderung.

Die ökologischen Fußabdrücke würden sich in jedem Winkel der Erde destruktiv auf unser Klima und die vorhandenen Ressourcen auswirken.

Global gedacht, aber nicht gesagt, könnte die deutsche Politik der letzten Jahre auch so interpretiert werden:

„Wenn sie es dann noch etwas weiter denken, dann kann man durchaus aus ökologischen Fragen resultierende Restriktionen an ökonomische Möglichkeiten auch instrumentalisieren, um Aufholprozesse zu verunmöglichen.“ (J. Rademacher)

Dabei geht es in erster Linie darum, zu verschleiern, dass die ökologischen Maßstäbe, die Deutschland setzen will, vor allem Schwellenländer daran hindern sollen, zu schnell zu uns aufzuschließen.

Es geht um Standortsicherung für unsere Wirtschaft und Wohlstandssicherung für unsere Mittel- und Oberschichten.

Dafür ist die Politik auch gern bereit ihre eigene Wahrheit zu konstruieren, nicht aber, sie zu kommunizieren.

Rademacher interpretiert diese Einstellung so: „Ihr wollt immer die Wahrheit wissen über eine Realität. Während ihr nach der Wahrheit sucht, kreieren wir eine neue Realität. Wenn ihr dann in der neuen Realität wieder eine Wahrheit sucht, kreieren wir wieder eine neue Realität. Wir wollen gar nicht die Realität verstehen, wir wollen unsere Realität erzeugen.“

Wie sich diese Mentalität in die Schaffung allmächtiger geheimdienstlicher Überwachungssysteme einfügt, das überlasse ich der Phantasie des Lesers.

Wie ich ohnehin der Meinung bin, dass wir in der Einschätzung unserer Politiker wesentlich mehr Phantasie brauchen.

Die Kategorien, in denen dort gedacht wird, kann man sich sonst nämlich nicht vorstellen.

Rademacher jedenfalls fordert eine neue Aufklärung. Eine verblüffende Parallele zu Wikileaks-Gründer Julian Assange, der ebenfalls hofft, die Menschen durch Aufklärung aus der allgegenwärtigen Manipulation führen zu können (siehe hier auch den Freitag-Artikel: Truthing people into peace).

„Was ich also meine, ist das alte Programm der Aufklärung, welches die Position hat, dass wir versuchen zu verstehen und ehrlich zu kommunizieren, um der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen und der Glaube, dass wenn wir das alle kommunizieren, dass das auf Dauer für uns die beste Lösung ist. Aber seien sie sicher, alleine darüber gibt es schon keinen Konsens. Wobei die, die diesen Konsens nicht haben, nie sagen würden, im Normalfall, was ihre Sicht der Dinge ist. Ganz wichtig, dass man das auch weiß. Man muss immer im Hinterkopf haben, dass man gegen sehr starke Kräfte argumentiert, die einen ganz anderen Plan verfolgen.“

Prof. Franz Josef Rademacher ist Vorsitzender des Ökosozialen Forums und Mitglied im Club of Rome.

Er fordert unter anderem einen globalen Marshall-Plan.

Zum originalen Vortrag: http://apps3.nc3.de/clients/zeit/2011/12/12/ppt_plenum2/index.php

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 16. Januar 2014 um 04:35 Uhr  

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