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Teil 4 "Ol man River"

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Ich wählte die Überschrift „ol man River“ nicht ohne Grund, denn mit diesem Lied endete eigentlich der Teil meiner Jugend und es begann eine ganz andere Epoche meines Lebens.

Daher ich es gesellschaftlich dringend erforderlich halte, der jüngeren Generation die sich in allen Situationen des Lebens als die Wikipedia- Allwissend ausgeben, wieder etwas über die reale Lage in diesen Jahren zu berichten, damit den Bezug zur Sachlichkeit und die Achtung vor Menschen wieder entdecken.

Dabei steht diesmal nicht das Ziel der kritischen Vernunft an der ersten Stelle sondern der humane Bezug zur Situation, etwas was die Menschen eigentlich auszeichnen sollte.

Erinnern wir uns an den Artikel 3, die Situation mit dem Rohrstock in der Schule, den ich verschwinden ließ und den tobenden Pauker.

Mich verpfiff damals eine Mitschülerin, vielleicht aus Angst vor dem Lehrer und weniger mich zu schaden.

Den Rohrstock bekam er allerdings dadurch auch nicht wieder, den hatte ich zuvor im Hosenbein verschwinden lassen und im Flur auf einen Bilderrahmen gelegt.

Das Beweismittel nahm ich mal mit nach Hause, musste den richtigen Augenblick abpassen und die Reaktion meines Vaters war eindeutig.

Zunächst passierte gar nichts, an einem Samstag erschien allerdings mein Vater mit meiner Tante, die mal als Hilfspfarrerin während des Krieges die Gemeinde betreute, beim Klassenlehrer und fragten ihn, „welche Lehrmethode er mittels dieses Rohrstockes bevor ziehen würde?“

Das war das eine Erlebnis, was aber noch in Erinnerung blieb bei mir war das stetige Selektieren, wir wurden stets in der Schule selektiert.

Das begann nach der 4. Klasse, zunächst wurden die Schwächeren ermittelt und zum Test auf eine Sonderschule verwiesen, nur die Hälfte von denen kam zurück in unsere Klasse.

Der Rest allerdings hatte andere Pläne, es ging um die Aufnahmeprüfungen zur Oberschule.

Die Eltern meldeten ihre Kinder zur Prüfung an und diese fand an drei aufeinander folgenden Tagen statt, der Kelch ging zunächst an mich vorbei.

Ich lag krank danieder, Zuhause erfuhr ich, das geht auch ab der 5. Klasse und da sei ich gesund und auch reifer.

Den Trost hatte ich, allerdings erschienen dann wiederum einige, die hatten diese Aufgabenprüfungen nicht geschafft und keiner wusste eigentlich warum, von einer Prüfungsangst sprach man damals nicht.

In unsere 5. Klasse kamen nach dem ersten halben Jahr auch wiederum einige zurück, die Oberschulen machten es sich einfach- wer nicht den Lehrstoff erlernte schickte man zurück und wiederum andere Lehrer fragten mich, weshalb ich noch hier sei?

Das war in der Zeit aber, wo die 8 Klassen Volksschule normal war und wo die Tochter, der es besser gehen sollte, danach 2 Jahre zur Handelsschule ging und etliche Söhne sich an klassische Lehrberufe wagten, wiederum konnte man das Geld verdienen am Bau.

Mitte des 2. Halbjahres der 5. Klasse bekam ich ein Zwischenzeugnis und das wiederum war gar nicht einmal schlecht und zudem eine Empfehlung für meine Eltern mich zur Aufnahmeprüfung einer Oberschule anzumelden.

Die Auswahl war nicht groß, man musste die nehmen die am Ort und zudem nah war, das Problem lag eigentlich ganz woanders.

Die Schulgeldbefreiung für den Besuch einer Oberschule war zwar mittlerweile Gesetz doch noch nicht zu Jedermann durchgedrungen, zudem entstanden stets jährliche Kosten für die betreffenden Eltern, die Lern- und Schulbücher mussten noch gekauft werden.

Da hatten etliche Eltern ihren Kindern für Einhundert und mehr Mark Schulbücher gekauft und nach etwas mehr als 6 Monaten war der Traum aus.

Das waren die Voraussetzungen für mich und man wagte es, die Bücher hatte ich, die Lernmittel danach auch und den Rest aus der Städtischen Bücherei geliehen, das Turnzeug und die Sportschuhe wurden vertagt auf das kommende Jahr.

Zunächst lief das alles normal mit mir, vielleicht bis zur 10. Klasse, nur da erkrankte leider meine Mutter und mein Notendurchschnitt fiel gleichmäßig um eine Schulnote.

Diesen Trend wollte man stoppen und das Beste sei, ich würde die Schule wechseln.

Ein Zurück gab es nicht mehr, was es aber mittlerweile gab waren diese Fachoberschulen an da war die Höhere Handelsschule an erster Stelle, nur hatte ich mit Handel gar nichts am Sinn.

Den Weg nahmen wir allerdings, damals war ich 16 Jahre alt und im Gespräch dort erfuhren wir, es gibt eine gleichwertige Schule für Gewerbe und Technik.

Die interessierte mich zwar auch weniger, nur die Fächer die dort unterrichtet wurden kamen mir entgegen.

Mit 16 Jahren saß ich also dort und wusste nicht was mit mir passieren sollte, nach der dritten Stunde am ersten Schultag fragte mich sehr höflich ein blondes und schlankes Mädchen, ob sie sich nehmen mir sitzen dürfte.

Sie kam mir bekannt vor, das war die um ein Jahr ältere Schwester jenes Mädchens mit der ich zur Grundschule ging, in all den Jahren fragten wir uns allerdings nicht, welchen Weg wir bis hier zurücklegten.

Zunächst gaben wir uns gegenseitig den nötigen Halt und spornten uns an, dann wussten wir von unseren Schwächen und Stärken, wir wagten es uns zu ergänzen.

Es entwickelte sich daraus eine Freundschaft und die mir den nötigen Halt gab als meine Mutter wieder erkrankte, mit der Unterstützung meiner Schulfreundin eröffneten sich Perspektiven, wir lasen nicht nur die Vielzahl der Taschenbücher sondern wurden förmlich neugierig auf Wissen.

Im Jahre 1965 waren wir gemeinsam auf einer evangl. Jugendfreizeit in Maria Stein in Tirol und auf der ging es um das Thema Geld, wir landeten also im Programm was hieß: „ Einführung in die Nationalökonomie“.

Diese drei Wochen waren folgenreich für mich, zunächst kapierte ich als damals 17 jähriger eine Freundin zu haben die 18 Jahre alt war und die Kinokarten für Filme ab 18 kaufen konnte, man bewunderte mich.

Darüber hinaus waren wir an der Schwelle unsere Fahrräder zu verfluchen, warum hatte ich eigentlich noch nicht den Führerschein der Klasse 4 und den ersehnten Motorroller?

Das waren die einen Gedanken, der andere kam an einem Samstag, da ging es um das Klavierspiel.

Der welcher das eigentlich sollte, war mit seiner Freundin ins Kino gegangen und da saß ich nun und spielte, eigentlich nur das was ich konnte und das war wenig.

Daran dachte ich schon gar nicht mehr, nur Ulrike hatte das wohl nie vergessen, im letzten Jahr also in der 13.Klasse kam für mich eine überraschende Auseinandersetzung.

Wahrhaftig wollte 1/3 der Klasse nicht in die Abschlussprüfungen gehen, das musste man mir erklären.

Es war so und das hatte wohlweißlich Tradition, mit dem Abgangszeugnis der 13. Klasse fand man Lehrstellen für sog. gehobene Berufe und es waren wahrhaftig nicht die schwächsten Schüler die diesen Weg wählten.

Meine Ulrike wollte diesen Weg auch nehmen und ich verbrachte Stunden damit sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Endlich hatte sie die Prüfungsordnungen und Fragen der vergangenen Jahre, mir wurde einiges verständlicher.

Meine Vornote lag bei 2,7 und ihre bei 3,4 zugelassen waren wir also, mussten aber durch 5 schriftliche Prüfungen. Zudem durch 2 mündliche und einen gemeinsamen Auftritt.

Ich errechnete mir gute Chancen aus meine Note zu verbessern und bei Ulrike sah ich Luft nach oben, wir mussten allerdings intensiv üben.

Ich nahm die Herausforderung an und beschäftigte mich intensiv mit den Übungen, verlor etwas Ulrike aus den Augen und das hatte wiederum Folgen.

Der zog es auf die Bühne, die Theater AG brachte sich ein mit einem Stück was zeitkritisch war und wo nicht nur die Regie und die Hauptrollen benotet wurden sondern auch als Stück vor dem Publikum aufgeführt werden sollte.

Sie hatte eine weibliche Hauptrolle und wollte mir etwas Gutes antun, zog für mich eine kleine Nebenrolle im 2. Akt.

Ich vermutete sofort, was das zu bedeuten hatte, zunächst den Text üben und danach die Rolle beherrschen.

Mit einer Hauptrolle und den richtigen Kritiken hätte man die Gesamtnote um 0,4 steigern können, eine Nebenrolle bedeutete „dabei sein ist alles“. Darauf musste sie also irgendwann selbst kommen, sie kam es schneller als erwartet.

Denn für unsere Generation galt immer das Miteinander und Füreinander, was das nun wieder für bedeuten würde machte mich neugierig.

Sie hatte mit der Leitung gesprochen und die Regie fand ihren Vorschlag sehr positiv, der wiederum sah mich vor in der Rolle des Klavierspielers vor und nach der Aufführung.

Ich befand mich in einer neuen Situation und wir hatten gelernt der Situation sich stets zu stellen, Alternativen schlossen wir zunächst aus und eigentlich gab es auch für mich keine.

Meine Strategie war meine Tante in der Akademie als Verbündete zu gewinnen und dabei fand ich ihre offenen Ohren.

Ich übte am Familien Klavier, gem. des Vorschlages meiner Tante , zunächst das Stück „ horch was kommt von draußen rein“, das sollte ich spielen wenn die Logenschließer die Türen öffneten und am Ende des Stückes, wenn alle Darsteller auf der Bühne vereint sich bedankten das Lied „ sag beim Abschied leise Servus“.

Ich glaubte an den Fortschritt meines Klavierspielens und sollte mich dem Kantor stellen, der hatte wenigstens Musik studiert dachte ich mir.

Wieder lag ich etwas daneben, in der kleinen Kapelle im Park gab er mit Noten mit Notizen, die geldwert für mich waren und danach war er mit meinem Spiel etwas mehr zufrieden.

Nur stellte er mir eine Frage, welche Zugabe spiele ich?

Daran hatte ich gar nicht gedacht, stand auch nicht in meinem Regiebuch trotzdem war der der Meinung das müsste ich unbedingt machen.

Setzte sich zu mir und spielte die etwas kürzere und langsamere Version des „ol man River“.

Ich war begeistert und übte mehrere Stunden, perfekt war das allerdings nicht, nur die Türen waren geöffnet und einige Parkbesucher lauschten mir zu.

Der „ol man River“ saß und ich hatte ein Geheimnis.

Danach lief es nach Programm, erst all die Proben, dann die Kostüme und die Generalprobe mit den Schülern der unteren Klassen.

Die sangen mit unaufgefordert und kamen hinein, zum Schluss sagen alle Darsteller mit und das „Servus“ fand ein Echo.

Ulrikes Lampenfieber legte sich auch, sie spielte überzeugend und ich sah auf der Bühne fast eine junge Frau, die Rolle formte eigentlich ihr Leben- sie war wesentlich reifer geworden.

Es kam zur Vorstellung, eine Stunde zuvor waren wir da, ich übte am Klavier und die anderen waren in der Garderobe, die Spannung wuchs.

Da sitzt man alleine, der Vorhang vorne und die Sitzplätze leer und man wartet auf das Klingeln, das Öffnen der Türen und auf die Gäste.

Ich vernahm nur Schritte und dann begann ich, es kam zum Echo die sangen mit.

Die erste Hürde war geschafft, hinter der Bühne drückte ich allen noch die Hand und sah das Stück seitlich, gefiel mir und den Zuschauern auch.

Im 2. Akt kam meine Nebenrolle, 3 Sätze und 6 Bewegungen der Rest galt der Bühnendekoration.

Im 3. Akt suchte ich meine Noten, das ist meistens immer so und beruhigt die Nerven, zog die Jacke vom Anzug an und nahm den Weg um das Gebäude, ich musste zur Zigarette greifen.

Der Wink, ich sollte kommen- saß endlich am Klavier und hatte alle meine Noten.

Der 1. Vorhang, der Applaus, der 2. Vorhang usw. dann kamen sie einzeln und zum Schluss standen sie alle gemeinsam auf der Bühne, das Zeichen zur Ruhe und sich setzte ein „ sag beim Abschied leise Servus“ – die Schauspieler sangen mit.

Das Publikum erhob sich , Beifall und die Bühnendarsteller zeigten auf mich und ich auf sie, dann machte ich das Zeichen zum Zuschauerraum und die wurden wahrhaftig ruhiger, der „ol man River“ folgte.

Was niemals eingeplant war, die kamen von der Bühne herunter und standen vor mir singend.

Hinter der Bühne rief allerdings, mich bloß nicht küssen, mir läuft meine Schminke, mir lief der Schweiß dem Hintern herunter.

Wir hatten es geschafft, sie war mittlerweile im Durchschnitt in Richtung der Note 2,4 unterwegs und ich hatte die Hürde zur 2,2 genommen.

Ulrike fand ich durch Zufall wieder mittels einer Internet- Suchmaschine, ich rief einfach mal an- wir stimmten am Ende des Gesprächs den „ol man River- Song“ an.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 05. November 2014 um 04:16 Uhr  

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