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Start Neuigkeiten Teil 12 "Zwischen Lebertran und Höhensonne"

Teil 12 "Zwischen Lebertran und Höhensonne"

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Zwischen Lebertran und Höhensonne, damit verbrachte ich min. ein halbes Jahr meiner Kindheit.

Der Grund dazu lieferte der Keuchhusten, ich gehörte der Nachkriegsgeneration Keuchhusten an, ganz einfach weil sich damit Kinder anstecken können.

Der Auslöser war irgendein Kind in unserer Umgebung was erkältet war und den Keuchhusten auf andere Kinder übertrug, vielleicht war es auch nur eine Kontaktperson.

Das Haus meiner Eltern war nämlich ein offenes Haus, mindestens 3-mal in der Woche waren des Abends Gäste dort und aßen mit am Tisch.

Meiner Mutter wurde das fast egal ob sie 3 oder 6 Stück Kaiserschmarren backte und uns schmeckte es.

Zunächst erwischte der Keuchhusten meine um vier Jahre ältere Cousine, man verordnete ihr allerhand Medizin und meinte sie müsste in der Nacht einiges ausschwitzen.

Dazu befeuerte man am Abend den Ofen in ihrem Zimmer, zunächst war die Taktik bei uns eine andere- während der Zeit die man des Abends im Badezimmer verbrachte wurden die Schlafräume durchgelüftet.

Bei mir hielt sich die Erkrankung noch in Grenzen, zwar rieb man mir stets den Oberkörper mit warmem Schmalz ein und kontrollierte stets ob ich durchnässte Schuhe hätte.

Mittlerweile hatte sich wohl die halbe Schulklasse meiner Cousine angesteckt, damit war eine These widerlegt, denn zunächst dachte man, dieser Keuchhusten bliebe beschränkt auf die Kinder der Flüchtlinge und es wäre eine Folge ihrer schlechten Wohnqualität.

Der Keuchhusten ließ sich so nicht eindämmen und übertrug sich, bis fast die Hälfte der Kinder in der Klasse von meiner Cousine für 4 Wochen nach Norderney verschickt wurde.

In dieser Zeit versuchte man der Angelegenheit Herr zu werden, ein Faktor wurde zum Problem und das war unser Schuhwerk, was wiederum auch mich betraf.

Wir trugen im Herbst und Winter meistens unsere halbhohen Gummistiefel und bemerkten kaum wenn Schnee oder Nässe von oben hinein kam und tags drauf zogen wir die wieder an.

Pantoffeln war die Lösung, daher ich noch nicht eingeschult war- betraf es mich weniger, die aber bereits zur Schule gingen brachten stets ihre Pantoffeln mit.

Nach 14 Tage auf Norderney erreichten auch uns die Briefe der kleinen Cousine, die hatte einfach Heimweh und konnte des Nachts kaum schlafen, der Großvater hatte bereits den Plan erstellt, dass er für eine Woche dorthin fahren würde.

Das bewegte meine Tante, die eigentlich gar nicht so freundlich war über ein Wochenende in Richtung Norderney zu fahren.

Die Worte meines Großvaters dazu erzählte man mir Jahre danach “mit Geld kann man nicht alles erreichen, manchmal muss man sich als Mensch beweisen.“

Nachdem bei ihr der Keuchhusten sich gelöst hatte, brach er bei mir erst richtig aus.

Nach Norderney verschickte man nur Schulkinder und das war ich noch nicht, also beratschlagte man mit der behandelnden Ärztin, mein Großvater vertrat die Meinung: Das Ganze sei eine Folge des Mangels an Vitamin D, Tante Ilse unsere Theologin in der Familie meinte: Da hilft nur Luftveränderung, mein Vater meinte: ausschwitzen.

Die Ärztin nickte, verordnete Medizin und kam fast jeden zweiten Tag ins Haus, bis ich wieder das Bett verlassen konnte- probierte man bei mir des Abends die Auflage mit den heißen Stampfkartoffeln.

Danach kam Vitamin D und das hieß Höhensonne, jeden Tag setzte man mich für 15 Minuten vor einer Höhensonne beim Arzt und las mir Geschichten der Gebrüder Grimm vor.

Was fehlte war die Luftveränderung, das wiederum hatte sich herum gesprochen, die fehlte wohlweißlich vielen Kindern am gleichen Ort und im gleichen Alter.

Irgendwer hatte die zündende Idee, andere Luft am Ort war in der Kokerei des Städtischen Gaswerkes, unter ärztlicher Aufsicht spielten wir Kinder täglich für 10 Minuten im Sand der Kokerei.

Man nahm an, damit uns im kommenden Jahr einschulen zu können, denn einige Kinder aus dem Jahrgang zuvor waren bereits zurück gestellt worden und die durchliefen gerade die Lebertran- Verordnungskur.

Das dauerte nicht lange, bis man mir das Zeug auch löffelweise eintrichterte, nahm man dieses Zeug war man aus der akuten Phase heraus, das wusste damals fast Jeder.

Wie schützte man sich eigentlich vor einer neuen Ansteckung, denn dieser Keuchhusten kann in ein paar Jahren wieder kommen und es genügt eine Erkältung?

Man trank Zwiebelsaft und aß Meerrettich gerieben, das sah ich bei meiner Cousine, mich rieb man mit Kampfer-Öl ein bis in die 2. Klasse der Grundschule roch ich nach dem Zeug.

Es half nichts, denn in der 4.Klasse bekam ich wieder diese Kinderkrankheit und lag dort gerade mit Fieber im Bett als andere ihre Aufnahmeprüfung für die Oberschule machten.

Zuletzt aktualisiert am Montag, 01. Dezember 2014 um 04:05 Uhr  

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