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Teil 27 "Mein Vater trug einmal die Rote Fahne"

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Es geht vordergründig um unsere eigene Biografie, um Menschen in West- und Ostdeutschland dessen Erlebnisse nicht immer in den Geschichtsbüchern stehen.

Wenn heute jemand von Recht und Unrecht spricht, der muss wissen auch damals war einiges nicht gerecht, wir sollten 25 Jahre nach der Wiedervereinigung die Chance nutzen uns unserer eigenen Biografie zu stellen und markante Punkte im Leben historisch beschreiben.

Kein Mensch ist der Phönix aus der Asche, alle Bürger sind Menschen und das Menschliche sollte wieder ins rechte Licht gerückt werden, bei allem Unrecht was uns widerfuhr zählte stets die Menschlichkeit.

Darum geht es, dieses endlich in den Mittelpunkt zu setzen, sagen und fragen, wer hatte eigentlich den Mut damals seinen Eltern die Frage zu stellen: „Wähltet ihr die Nazipartei?“- Ebenso sollte man festhalten, wessen Eltern hätten auf diese Frage eine ehrliche und überzeugende Antwort gegeben?

Wurden wir nicht erzogen von Menschen, die sich einer Lebenslüge unterzogen, die Frage stellte ich mal meinem Vater, er war einer von vielen die Anfang 1933 Deutschland verlassen hatten und auf Drängen seiner Mutter im Sommer 1936 zurück kehrte.

Mein Vater sprach mit mir erst nach 1970 darüber und sah das als einen Fehler ein, ansonsten war in den Anfangsjahren der Bundesrepublik hier das kollektive gesellschaftliche Schweigen einer ganzen Generation auf der Tagesordnung.

Sicherlich diese Generation hatte alltäglich andere und dringendere Probleme, nur die Historie holte auch sie immer wieder ein.

Tatsächlich entwickelte sich aber im Volk eine Sehnsucht nach besseren Tagen, zunächst bemerkte man das an den Fortsetzungsromanen in den Tageszeitungen.

Die wurden täglich gelesen und weitergereicht, dazu kamen die Leihbüchereien mit all diesen Unterhaltungsromanen und die Groschenhefte am Kiosk.

Ein tragendes Unterhaltungsmedium war weiterhin das Kino, man bevorzugte Filme der heilen Welt, man deklassierte bereits sog. Problemfilme und hatte etwas gegen eine Freizügigkeit.

Man klagte gesellschaftlich wieder Autoren an, die sich mit dem Problem beschäftigten z.B. den Ufa Film „die Mörder sind unter uns“ und man hatte in Hilde Knef die erste zu freizügige Skandalfrau gefunden.

In dieser Zeit wurde ein bundesdeutscher Filmpreis verliehen, in Hamburg an den Nazi Filmemacher Veit Harland und kein geringerer als der Sprecher der Freien und Hansestadt Hamburg Erich Lüth fand in seiner Rede endlich die Zivilcourage vor diesem Film und diesem Filmemacher zu warnen.

Erich Lüth war eine Ausnahme, der Großteil besaß nämlich keine Zivilcourage und träumte von einem besseren Leben.

Eine Hoffnung war der Urlaub, in der Regel war der Jahresurlaub auf 3 Arbeitswochen begrenzt und von einem zusätzlichen Urlaubsgeld hatte man noch nie etwas gehört.

Wie gestaltete man damals seinen Jahresurlaub, noch vor der Campingwelle, noch vor dem organisierten Massentourismus?

Teilweise ging es in manchen Familien um die Ferien der Kinder, immer dann wenn die Mutter mitarbeiten musste, den Kindern gönnte man 3 Wochen ein Kinderferienlager im Schwarzwald mit der Caritas oder 3 Wochen an der Nordsee mit der Inneren Mission, die AWO schickte etliche Kinder aus sozialen Brennpunkten zum Sattessen in den Harz.

Die betreffenden Eltern machten dann etwas praktisches, man renovierte die Wohnung und versuchte mehr Behaglichkeit einzubringen.

Ich kannte den Urlaub nur von meiner um 4 Jahre älteren Cousine, die brachten wir mit ihrer Mutter zum Zug, sie fuhren zu ihrem Vater nach Düsseldorf.

Meine Eltern besaßen dann den Schlüssel zu ihrer Wohnung und der wiederum war die Gute Stube weiterhin abgesperrt, nur einmal waren wir dort als es läutete.

Sie hatten vergessen den Klavierlehrer abzubestellen und der gab mir dann für mehrere Tagen den Unterricht.

Urlaub das war für uns meistens die Zeit im Garten, da waren wir nicht alleine.

Nur einmal erreichte uns ein Brief eines Priesters, mit dem verbrachte mein Vater 18 Monate seines Lebens in Sibirien und der lud uns zu sich ein.

Da wurde geplant und realisiert, die Fahrräder geputzt und das erste Stück der Reise im Zug zurückgelegt, den Rest saßen wir im Sattel.

Eine Nacht kostengünstig in einer Jugendherberge übernachtet und dann zum Priester.

Wir machten ein paar Tage Urlaub beim Priester im Pfarrhaus. Viel später erfuhr ich, was meinem Vater mit dem Priester verbannt, beide trafen sich zufällig auf der Nehrung als der sowjetische Offizier verstarb und sie den beerdigten.

Dann wollte der Priester nicht mehr Priester sein, weil es in die russische Kriegsgefangenschaft ging und in Sibirien blieben sie zusammen.

Aus dem Priester wurde ein Schneider und aus meinem Vater ein Bäcker, nur nahm das Unheil seinen Lauf. Es war nämlich ihre Brigade, die die Norm am besten erfüllte und die Rote Fahne bekam, die wiederum sollte der Größte unter allen durch den Ort vor der Brigade tragen und der Größte war nun einmal der Priester.

Nur hatte der bereits in Rheumaleiden sich im Lager zugezogen und das wiederum wurde in der Nacht interessanterweise akut. Am Morgen trug mein Vater die Rote Fahne vor der Brigade durch den Ort und hinter ihm folgte hinkend der Priester und jeder Russe im Ort grüßte die Fahne.

Nun nach einigen Jahren sahen sie sich wieder, ich glaube damals erzählte uns der Priester diese Erlebnisse.

Das war unser erster Nachkriegsurlaub.

Zuletzt aktualisiert am Montag, 16. März 2015 um 04:09 Uhr  

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