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Start Neuigkeiten Teil 81 "Das Eigentor der Zünfte"

Teil 81 "Das Eigentor der Zünfte"

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Mit einer solchen Steilvorlage muss man erst lernen umzugehen, zunächst gilt es den Ist- Zustand zu analysieren.

Das wiederum sollte man ungeschminkt machen, was immer eine Gratwanderung ist denn wie immer geht es in solchen Fällen gegen die Statussymbole der Gesellschaft.

In unserem Fall war das zu der Zeit die Fernsehantenne auf dem Eigenheim oder der Wald von Fernsehantennen auf den Mietshäusern, ein Anblick an den man sich im Jahre 2015 kaum noch erinnert.

Wahrhaftig war dem so und zudem war fast jedes Fernsehgerät kein kleines Möbelstück, man kann durchaus sagen Fernsehhändler vor Ort waren halbe Möbelträger.

Nimmt man das Fernsehgerät als sich, waren die ersten im Jahre 1953/54 eine vom Bildschirm erneuerte Variante der Dinger die 1936 bereits in den öffentlichen Empfangsstuben der Olympischen Spiele standen.

Mittlerweile allerdings gab es in der Bundesrepublik zwei Fernsehprogramme, die wiederum strahlten auf unterschiedlichen Frequenzen in anderen Wellen aus, einmal auf VHF und das 2. Programm auf UHF, was zu einer Bereicherung des Antennenwaldes führte.

Mit der Einführung des Farbfernsehens in der Bundesrepublik setzte sich hier das System PAL durch, mancher Anrainerstaat ging allerdings auf SECAM, es gab im Handel nur wenige Geräte die beide Systeme in Farbe empfangen konnten.

Zudem kam noch eins die Bildröhre war damit in der Länge zu tief im Gerät, die erste Generation der Farbfernseher waren Monster.

Erst mit der Entwicklung der 60 Grad Bildschirmröhre wurden diese Geräte flacher, wobei auch die wiederum sich von Hersteller zu Hersteller unterschieden.

Ansonsten benötigten diese Geräte auch alle 220 Volt, es gab keine in Deutschland die auf Batteriebetrieb liefen.

Das war ein Teil des Ist- Zustandes und der bezieht sich auf das Angebot was die Gesellschaft vorfand.

Vor Ort waren die Elektrogeschäfte, die zuvor mit Radiogeräten sowie mit elektrischen Haushaltsgeräten handelten, in deren Schaufenster landeten vor 15 Jahren die Fernseher.

In manchen Kreisstädten hatte man 5 oder 6 solcher Geschäfte, man lockte den Kunden am Ort über den Preis und über eine kurze Lieferzeit, was eigentlich das Gerät hergab war kurz und knapp erläutert und interessierte dem Kunden eigentlich kaum, der wollte das Gerät haben was modern war.

Fast alle Händler vor Ort besaßen eine Fachwerkstatt, einmal im Antennenbau und in der Reparatur, die Geräte waren zwar immer noch anfällig aber wesentlich beständiger als die 1. Generation.

Dort installierte sich in wenigen Jahren der Beruf eines Radio- und Fernsehtechnikers, der wiederum gefragt war.

Zunächst war eine solche Anschaffung teuer und man wollte auch teilnehmen mittels des Fernsehens, manche Rate war noch nicht überwiesen als man schon den ersten Techniker benötigte und der wiederum war nicht billig.

Die gesamte Strategie von der Herstellung, zum Vertrieb, in den Handel bis in den Service durch den Händler beruhte auf einer Zuschlagskalkulation.

Jeder in jeder Epoche schnitt sich vom Kuchen seinen Teil ab, dazu hatten die Hersteller den kpl. Service und die Ersatzteilversorgung auf den Handel gelegt, von einer Geräterücknahme träumte noch keiner.

Der entscheidende Teil, nämlich der Handel vor Ort der zugleich der Service war, boykottierte nun die Geräte aus den Versandhäusern, mit zweifelhafter Begründung- nur machten alle mit, denn die Macht der Innungen und Zünfte ging so weit.

Wobei die Katalogangaben zu diesen Geräten mitunter weit besser und kundenorientierter waren als mancher Farbprospekt der anderen.

Im techn. Vergleich schnitten die Geräte aus den Versandhaus- Katalogen mitunter sogar besser ab, das Ergebnis ertönte man mit einer gewohnten biederen Stammtischmanier.

Ein ganz wichtiger Faktor für den Kunden ist der Anschaffungspreis und genau den garantierte der Versandhauskatalog bis zu seinem Gültigkeitsende und der Preis lag deutlich unter dem im Handel.

Es gab noch einen weiteren Vorteil, nämlich den des anonymen Kredites, auf Teilzahlungen ließen sich auch die Händler vor Ort ein- es gab aber dazu noch immer die Schwellenangst der Bürger, der sog. anonyme Briefkredit beim Versandhaus lief über den Briefverkehr ab und das wiederum war der Vorteil.

Kein Händler am Ort und keine Innung und Kammer hatte sich vor dem Boykottaufruf sich diese Mühe gemacht, das zu interpretieren.

Genau dort setzen wir an, wir waren es nämlich gewohnt den Biedermännern in dieser Republik den Zerrspiegel ihrer Unvernunft vorzuhalten.

Diese Art der Meinungsmacher von Trittbrettfahrer in den Innungen und Zünften, die wenn es um Entscheidungen geht die uns alle berühren mit den Argumenten von Gestern kommen ruft nur nach Veränderungen.

Allerdings reagierte hier das Frankfurter Versandhaus wesentlich schneller und auch konsequenter, man installierte eigene Servicestellen bundesweit und das Personal war an den Geräten vertraut und geschulter.

Das sahen wir vor Ort in den damaligen Körting- Werken, einmal die zentrale Fertigung und andererseits die dezentrale Ersatzteilversorgung durch den eigenen Service über das Versandhaus.

Wir stellten nur eine Frage, wenn dieses Geschäftsmodell durchschlägt und von den Automobilbaufirmen übernommen wird, müssten die Autos für den Kunden billiger werden?

Das Ergebnis kennt man, verschwunden sind eigentlich die Boykotteure von damals- nur die Scharfmacher in den Innungen und Zünften überlebten.

Blicken wir nun einmal in die eigentliche Fertigungstiefe dieser Produktionsfirmen der Radio-und Fernsehindustrie, die mal das Glanzstück in Deutschland war und letztlich kläglich scheiterte.

Wir waren damals keine Propheten, die dieses Scheitern voraus sagten, sondern stellten dabei nur fest: Man fertigte fast identisch, nur Braun als Hersteller verwendete das Bauhaus- Design, alle anderen entsprachen dem Geschmack des Gelsenkirchener Barocks und über manchem Fernseher passte der gerahmte Kunstdruck mit dem röhrenden Hirsch.

Es gab da diese Fotoreihe, „was läuft des Abend in Deutschlands Wohnzimmer?“

Unter einem Foto schrieb ich einmal den treffenden Satz: „ meistens der Alte in der Halbzeitpause zur Toilette“.

Ähnliche Zeitgenossen waren auch in den Werken beschäftigt, ein paar Jahre zuvor brannten Teile der Graetz Werke im westfälischen Altena aus und da hielt einer aus der Besitzerfamilie eine entscheidende Rede und dieser Inhalt entsprach allen anderen Fertigungsbetrieben.

Graetz musste es nämlich wissen, denn er war einer der Wirtschaftsflüchtlinge die von Ost nach West machten.

Im heutigen Berliner Stadtteil Treptow liegt die Karl- Kunger- Straße- die trug den Namen Graetz und lief genau auf das Werk zu, was man in DDR Zeiten die WSSB nannte- heute ein Viereck aus der Konserve von Siemens.

Graetz sagte damals genau in Altena das was richtig war, „wir montieren und bestücken in Kürze weiter“.

Dieser Satz sollte der Belegschaft Hoffnung machen, wir allerdings gingen auch dieser Aussage nach und Körting lieferte dazu nur den Beweis, vielleicht war es bei Grundig nicht wesentlich anders.

Das nennt man Fertigungstiefe und den Eigenfertigungsanteil, den genau hielten alle flach und schlossen damit den Kreis wiederum zur Kommandowirtschaft.

Dazu fanden wir im Institut einen Gesprächspartner, der erzählte uns von seiner Zeit im Wirtschaftskommando Ost , in der Zitadelle von Posen in Polen hatte Telefunken die Spulenfertigung während des Krieges eingerichtet.

Fertigungstiefe gegen Null und innerhalb von wenigen Tagen abbaubar. Man benötigte nur die entsprechenden Arbeitskräfte und die verpflichtete man vor Ort.

Mit diesem Wissen operierte man noch im Jahre 1972 und nannte das „made in Germany“, mal die Frage unter uns, wie viele Zukaufsteile von Fremdfirmen steckten in den Farbfernsehern?

Die Röhren gab es von Telefunken und wer stellte die Bildschirmröhren her, nicht der der seinen Namen auf das Gerät schrieb.

Wo ließ der Hersteller diese Teile fertigen, die in Massen benötigt wurden und dessen Produktionsabläufe man nicht automatisieren konnte?

Ja in Bayrisch Kongo, im Harz und im Hochsauerland und wie nannte man diese Firmen, mit ihren eigenen Gesetzen?

Ihr BWLer der Neuzeit das nannte man unverhohlen „verlängerte Werkbänke“, den Namen dachten sich auch die Kommandowirtschaftler unter der Regie eines Albert Speer aus.

Tatsächlich waren diese verlängerten Werkbänke eine willige Rekrutierung von Heimwerkern unter dem Siegel der Verschwiegenheit.

Dazu hatten wir eine Studie verfasst, ein Unternehmer entwickelt sich mittels seiner Heimwerker, diese interessierte allerdings die Gewerkschaft kaum, der Heimwerker war nämlich der letzte Dreck.

Was wir allerdings nicht wussten, welche Art der Arbeit sich hinter dem logistischen Begriff „externer In- und Output“ versteckte.

Heute weiß man es, zunächst all die Behinderten-Werkstätten und in denen gilt der Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde heute noch nicht, was einfach eine gesellschaftliche Schande ist.

Ein ganz anderer Produktionsfaktor blieb bis zur Wende in der DDR im sog. aufgeklärten und freien Westen ein Tabu, man wollte ja sauber bleiben.

Nah dran waren wir allerdings am Kartell dieser Saubermänner aus der westdeutschen Wirtschaft, sie schleusten was aus in die Produktionsstätten der DDR, Teile der Wirtschaft war weiter als der Teil der Politik.

Ich allerdings könnte mich heute in den Hintern treten, denn wir fragten nicht nach, „ wo lasst ihr produzieren?“

Für uns war die DDR nicht das Problem, immer in der Hoffnung es nutzt den Menschen dort, nur es nutzte den Unternehmen, das erfuhr ich allerdings erst nach der Wende, wie viel Mühe und Arbeit DDR Knackis in die Fertigung von Westprodukten legen mussten.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 27. Dezember 2015 um 03:22 Uhr  

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