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Start Neuigkeiten Teil 90 "Sommer 1972"

Teil 90 "Sommer 1972"

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Das Jahr 1972 war für mich das entscheidende Jahr für meine berufliche Ausrichtung, natürlich war das Jahr nicht nur mit Arbeit gefüllt, ich wohnte recht zufrieden und hoffnungsvoll in Nürnberg und besaß mittlerweile einen neuen Bekanntenkreis.

In einen solchen kann man mitunter ganz etwas anderes besprechen als unter Studenten.

Eins war klar, meine finanziellen Einnahmen deckten gerade so die Ausgaben und die Semesterferien standen vor der Tür.

Zufrieden war ich mit dem wie es für mich im Studium lief, vielleicht aus diesem Hochgefühl heraus machte ich ein paar Zusagen.

Zunächst ging es um die anstehende Bundestagswahl, der Kreis meiner Bekannten die ein Jahr zuvor die Plakate von Klaus Staeck platzierten waren Feuer und Flamme von der SPD Wählerinitiative „ESPEDE Willy wählen“.

Ich ließ mich anstecken, zunächst von der Person Willy Brandt und dann von dem Elan der Wähler, die sich zu Willy bekannten.

Ich sagte zu und wurde einer von denen, die mit Günther Grass für Willy in den Wahlkampf zogen.

Der sollte allerdings erst im September in Nürnbergs Mitte beginnen, noch hatten wir Sommeranfang und zum Verreisen fehlte mir das Geld.

Kurzfristig machte ich noch etwas vielleicht sogar falsches, ein paar Studentinnen der Rechtswissenschaft wollten sich intensiv auf ihre Examensarbeit vorbereiten und das möglichst zentral.

Diese freche Bande hatte es auf meine Wohnung abgesehen, man setzte voraus ich sei nicht da.

Gegen weibliche Logik kam ich bereits damals nicht an, es war vielleicht der Zufall als ich an einem Abend über all das mit einem guten Freund unterhalb der Kaiserburg besprach.

Der rief mich ein paar Tage später an, er war der Meinung mein Berufsziel verdichtete sich zum Techn. Redakteur und als ein solcher müsste ich einmal in einer Rundfunk-Redaktion gearbeitet haben.

Kurzum man hatte gerade eine freie Stelle als studentischen Mitarbeiter zu besetzen und bekam bisher nur Absagen.

Weshalb sollte ich absagen, wo ich Zeit hatte und zudem das Geld fehlte- eigentlich war es die Rundfunk-Redaktion die den Ausschlag gab.

Was ich aber nicht wusste, wie aktuell damals der Rundfunk über 24 Stunden war und wie die Arbeit von Hand zu Hand ging.

Meine erste Aufgabe war es in der Zeit zwischen 23 Uhr und 5 Uhr in der Früh in der Zentrale die Rufmaschine zu bedienen.

Überall im Funkhaus hingen die Normaluhren mit dem roten Schleppzeiger, damit konnte man also 24 Personen bei Bedarf suchen, denn die Dinger sendeten noch akustische Signale aus.

Sagen wir es andersherum, jede Sendung strahlte man live aus, verarbeitete man Konserven so galt diese Zeit wieder zum neuen Programmpunkt zu kommen.

Wenn etwas dazwischen kam, benötigte man den Fachmann-entweder den leitenden Redakteur an der Leitung, den Gesprächspartner am Telefon oder den ein oder anderen in der Regie.

Mein erster Job war es, die entsprechenden Partner mittels dieser Maschine zu suchen, die dann auch innerhalb von 45 Sekunden mich anriefen und ich ihnen den neuen unmittelbaren Einsatzort nannte.

Gegen 5 Uhr kam die Ablösung und der Kollege brachte die ersten Morgenzeitungen mit. Von denen nahmen wir uns die erste, zweite und dritte Seite vor, daraus entstand der erste Pressespiegel.

Wichtig waren immer die Kommentare, darunter kam von Hand von wem und wo veröffentlicht.

Das Spiel machten im Haus 3 oder 4 Kollegen, den ersten Text dazu schrieb die Redakteurin der Frühschicht, meine Papierausschnitte hörte ich im Zusammenhang als den Blick in die Morgenpresse, wenn ich gerade einschlafen wollte.

Das alles dauerte mehrere Tage, bis wir tauschten, man tauschte stets die Arbeitsplätze- nur ich blieb in der Nachtschicht.

Ich kam in die Auswertung und das war nichts anders als Gegenhören von Nachrichten der anderen Sender zur jeder vollen Stunde.

Ab Null Uhr sendete die ard nur noch über den Stern in Frankfurt, der RIAS blieb auf Sendung, Radio Bozen kam hinzu und der Belgische Rundfunk verabschiedete sich um 1 Uhr mit dem deutschsprachigen Programm, dafür kam aber gegen 4 Uhr in der Früh Radio Luxemburg.

Diese Sender waren stationär gekoppelt, es gab aber noch die Deutsche Welle und da musste man mittels des Weltempfängers stets die Frequenz ändern.

Man hörte, füllte die Matrix an welcher Stelle was aus welchem Gebiet kam und hörte sich den Mitschnitt wiederholt an und das Thema zu erfassen.

Insgesamt waren das 3 oder 4 DINA 4 Blätter, nach circa 20 Minuten brachte man die zum Abgleich in die eigene Nachrichtenredaktion.

Hatte man hier etwas entdeckt, dann ging es an den Fernschreiber- sehen ob Agenturen darüber mehr schrieben, falls nicht war es Zeit für das belegte Brot, den Kaffee und die Zigarette.

Es passierte allerdings auch, dass man mich suchte, die erste Bauart der gespreizten Weltempfänger verloren mitunter ihre eingestellte Frequenz und von Hand justierte man nach, in dieser Zeit brauchte man den Ersatz.

Auch diese Tätigkeit konnte man einordnen, ab 5 Uhr in der Früh kamen die Regionalnachrichten hinzu, um diese zu füllen bedarf es der regionalen Information.

Da erschienen noch Experten, mit dem ganz besonderen Ablauf- einer brachte etliche Streifen aus dem Fernschreiber mit und machte daraus die aktuellen Verkehrsmeldungen, ein anderer telefonierte – immer der Reihe nach- das ergaben Notizen für die erste Redaktionssitzung im Morgengrauen.

Man begann da bereits das Morgenmagazin mit Themen zu füttern, bei all dieser Hektik gingen fast die 6 Uhr Weltnachrichten unter.

Feierabend war da noch nicht, zwar räumte man den Platz und blickte auf den Dienstplan für die kommende Schicht, im Raum stand allerdings noch das aktuelle Übernahmegespräch.

Manches Thema fiel hier nur am Rande, doch man notierte es und ging dieser Angelegenheit weiter.

In den eigentlichen Ablauf kam ich nach einigen Wochen, damals befand sich stets ein Moderator im Studio und ihm gegenüber saß der Nachrichtensprecher.

Vor der Trennscheibe lief eigentlich das Programm, Inhalt, Schnitt, Technik und Ton.

Über allem saß die Regie, der Ablaufplan war klar nur es gab die Feinheiten, man benötigte mitunter Gesprächspartner.

Die wiederum informierte man zuvor, ich hatte also eine Ablaufliste und war dem laufenden Programm eine Stunde voraus- stellte den Kontakt wieder her und nannte ihm das Zeitfenster.

Theorie, klappte nie mit einem Gesprächsteilnehmer in den alten Ländern des Ostblocks, hatte man den gegen 4 Uhr in der Früh in der Leitung musste man schnellstens handeln, Ergebnis: Der Redakteur wird zum Moderator und das Gespräch kommt in die Konserve.

Wurde der Teilnehmer aber noch zusätzlich im Hause benötigt, sollte ich die Leitung halten- da bekommt man die Anweisung komme mit dem ins Gespräch- dann kommt sofort die Klappe- Ostblock Staatsschutz kann mithören, ich wählte stets das Thema Fußball, damit ließ sich prima die Leitung halten.

Nach ein paar Wochen bemerkte ich, tagsüber muss hier noch mehr los sein, wir führten eine Dienstplanbesprechung. Mittendrin und es ging wieder los mit dem Pflichtenheft, dem Ablaufplan und den Projekten.

Ein Projekt nannte sich Hörerpost und das wollte man strategisch auswerten, ich war froh aus der Nachtschicht zu kommen und fand mich in diesem Projekt wieder.

Es wandelte sich nämlich die Post der Hörer, Telefonanrufe und Briefe hielten sich die Waage vor einigen Jahren sah das ganz anders aus, der Hörer traute sich mehr zu.

Zunächst lässt sich mittels der Hörerpost die Reichweite und die Sendungen festlegen.

Das war das erste Ziel, zweitens ging man auf Hörerpost immer noch ein, man brauchte den Absender.

Es galt die Regel, jeder Sender ist so gut wie seine Hörer sind. Dann war die Frage, wen leitete man diese Briefe weiter, dazu musste man die lesen und das Anliegen erkennen.

In manchen Fällen werden die zwei oder dreimal gelesen, bevor entschieden wird.

Ebenso landet nicht der Brief, den man nicht erwartet in der Tonne, sondern auch der wird archiviert- in der Regel wurden fast alle beantwortet.

Man sammelte allerdings die Fragen zu den Themen und gab davon einen Katalog in die Redaktion.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 07. Februar 2016 um 03:11 Uhr  

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