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Vargas Llosas: Man hat nicht die Kultur demokratisiert, sondern die Unkultur

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In seinem neuen Essay rettet Vargas Llosas sein elitäres Kulturideal vor dem Mainstream.

Man möchte ihm folgen, aber nicht ganz.

Der Titel klang interessant.

Man habe nicht die Kultur, sondern die Unkultur demokratisiert.

In seinem Interview für das französische Magazin „Le Point“, hat der Träger des Literaturnobelpreises 2010, der sich selbst einen Reaktionär nennt, Mario  Vargas Llosa, allerdings etwas ganz anderes gemeint.

Der plädierte für eine Kultur der Minderheiten, der Eliten und beklagt sich, dass sogar dort Ignoranten zunehmend ihr Unwesen trieben.

Als Liebhaber oder gar geistiger Vertreter des neunzehnten Jahrhunderts scheint er sich in der Pflicht zu sehen, das „Wahre, Gute und Schöne“ zu verteidigen und sein kürzlich erschienener Essay wäre nicht der Rede wert, wenn Vargas Llosa nicht in Wirklichkeit eine ganz andere Perspektive einnehmen würde.

Er leidet an dem Zustand der Welt, die er als verwirrt und verwirrend beschreibt und die zu einem globalen Spektakel ohne Ordnung verkommen ist.

Auf die Frage, warum er schreibt, antwortet er, nicht glücklich zu sein.

In seinem Essay, der in Deutsch unter dem Titel: „Alles Boulevard“ erschienen ist, erwähnt er dabei auch Freuds Unbehagen an der Kultur, jedoch ohne tiefergehende Schlüsse daraus zu ziehen.

Man bekommt den Eindruck, dass er das „Fin de Siecle“ bis in unsere heutige Zeit, der kulturellen Libertinage, welche er hasst, verlängert hat.

Der Status der „Unkultur“ wäre damit erreicht.

Auf dem Weg dorthin zitiert er allerdings eine ganze Reihe interessanter Positionen, angefangen von Eliots „Notes Towards the Definition of Culture“ über George Steiners  Antwort „Same Notes Towards Redefinition of Culture“ bis Guy Debords „La Socièté du Spectacle“, der eine marxistisch orientierte Kulturkritik vertritt.

Der Sieg des Kapitalismus über die Arbeiterklasse, der Mensch als Ware im Zustand einer Pseudofreiheit, sich verschiedene Produkte aussuchen zu können, aber nicht das eigene Leben, sich dabei also selbst zu verlieren. Auch Lipoversky und Serroys „Die Weltkultur.

Antwort auf eine verunsicherte Gesellschaft“ wird angeführt und dient als Einstieg für Vargas Llosas Hauptkritik an der Massenkultur, der Bildschirmwelt, in der Menschen nur noch die Repräsentation von Leben bekommen, welche sie als Schauspieler mitspielen, während sie ansonsten in medialen Träumen mehr oder weniger gefangen gehalten werden.

Er führt hier vor allem die umfassende Reportage des Soziologen Martel an, die unter dem Titel „Mainstream“ erschien und von der er sich zugleich heftig distanziert, weil Martel die „Weltkultur“ die mit der Globalisierung einhergeht, im Kern positiv, als Demokratisierung der Kultur darstellt.

Für Vargas Llosa ist aber eben diese Weltkultur keine Kultur, sondern ihr Gegenteil.

Denn die große Masse der Menschheit ist mit produzieren und konsumieren beschäftigt und geht bestenfalls aus Snobismus in den Louvre.

Kultur als Sinnstifter und Versuch etwas Dauerhaftes und Bleibendes zu schaffen, das die Gegenwart transzendiert, ist im Mainstream nicht vorhanden.

Soweit der romantische und verzweifelte selbsternannte Reaktionär zum Untergang der Kultur.

Seien Lösung liefert er im Interview bei „Le Point“ mit kurzen Worten ab:

„Vor allem müssen wir aufhören die Idee der Elite zu negieren.“ Gemeint ist die wissenschaftliche und kulturelle Elite, für die er posthum Einstein und Proust als Beispiele anfügt, die eben nicht für jedermann verständlich sind.

Als Antwort vielleicht etwas zu einfach. Vargas Llosas unterstellt damit nämlich, dass die Eliten die Kultur besser verstehen und hüten können, als die Massen, was nur dann bejahrt werden kann, wenn man die Geschichte der Kulturrevolutionen oder meinetwegen des Kulturverfalls neu schreibt.

Dann braucht man eben eine Geschichte, in der nicht mehr die Kultur in den Händen des zunehmend kapitalistisch-materialistisch orientierten Großbürgertums des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts zu einer leeren Hülse des „Wahren, Guten und Schönen wurde“, ehe man mit industriellen Mitteln in zwei Kriegen halb Europa zerstörte, sondern eine Geschichte, in der es den Eliten nicht gelang, die Kultur vor den Massen zu schützen und ihre Werte hoch zu halten.

Schön wäre es, wenn man genau diese Eliten, die heute tatsächlich ebenso existieren, wie vor einhundert Jahren, häufig sogar dieselben Familien sind, etwas näher betrachten könnte.

Leider ist die Elitenforschung aber weiterhin ein soziologischer Kümmerling, weil eben diese Schicht sich ungern beforschen läßt.

Was aber heute geschieht, hat viel mehr mit Eliten, als den Massen zu tun, und genau dafür ist Vargas Llosas nicht mehr zuständig.

Dafür  ist er selbst zu sehr „Aristokrat“.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, 05. Juni 2015 um 02:42 Uhr  

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