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Der Weise von Langenhorn

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Helmut Schmidt ist schwer beizukommen.

Denn was sich da seit Jahren in der Öffentlichkeit präsentiert und mehr oder weniger gefragt die Situation unseres Landes und der Welt einordnet, hat Kultstatus.

Der Kult um den einzigen lebenden Deutschen, der in Interviews und Talkshows rauchen darf und davon auch reichlich gebraucht macht, beschreibt die Bedeutung, welche der Altkanzler für die Deutschen hat, aber nicht hinreichend.

Die Interviews, die der Sechsundneunzigjährige mit einer deutlich verlangsamten Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, auf sich nimmt, wirken weise, ohne dass Schmidt selbst die Rolle des Weisen einnimmt. Er negiert sie sogar. Man kann auch sagen, dass er sich von der Rolle, die ihm die Öffentlichkeit angetragen hat, nicht korrumpieren lässt. Oft lässt er seine Interviewpartner auflaufen und antwortet lakonisch: „Ich weiß es nicht.“

Manchmal kommt dann noch etwas hinterher, was aber den deutlichen Charakter der Vermutung trägt, welchen Helmut Schmidt nicht im Geringsten verschleiert. Das macht ihn so wertvoll.

Beispielsweise folgender Dialog vom April diesen Jahres in einem Interview mit Sandra Maischberger:

M.Hätten sie sich vorstellen können, damals nach dem Ende des Krieges, dass Deutschland in 70 Jahren das Land mit dem größten Wohlstand in Europa sein würde? Es wird tonangebend sein in Europa. Hätten Sie das geglaubt?

S. Hätte ich wahrscheinlich für verrückt gehalten.

M.Staunen Sie manchmal?

S. Ich bin ein bisschen besorgt darüber, dass es den Deutschen tatsächlich ein bisschen zu gut geht.

M. Warum soll man sich darüber Sorgen machen?

S. Der deutsche Wohlstand kann die Deutschen dazu verführen, zu meinen sie seien zur Führung berufen. Zur Führung der europäischen Union.  Und das würde wahrscheinlich schief gehen.

M. Warum?

S. Warum weiß ich nicht.

Was da klingt, wie ein Orakelspruch, ist es nicht und soll es auch nicht sein. Schmidt äußert sich im Zusammenhang des Interviews als Zeitzeuge, der die Erfahrung einer vollkommen gescheiterten deutschen Selbstüberhöhung vermutlich verinnerlicht hat. Aber es ist mehr als das.

Der Altkanzler schiebt dann die geopolitische Situation Deutschlands in Mitten Europas nach und bringt den Argwohn der vielen Nachbarn ins Spiel, die dann über „den Mann in der Mitte“ schimpfen werden. Aber eine Erklärung ist das natürlich nicht.

Er weiß es nicht, er ahnt es. Er möchte nur eben keiner sein, der Ahnungen verbreitet und raunt. Das ist ihm anzumerken.

Auch mit sechsundneunzig Jahren ist Helmut Schmidt äußerst bedeutend.

Wer ihm zuhört, versteht eine Menge.

Wie kommt der Altkanzler dazu, auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise Putins Russland zu verstehen?

Oft genug hat Schmidt betont, dass er das versucht zu tun, was vom Standpunkt der Vernunft aus gesehen, seine mutmaßliche Pflicht sei. Das sollte man berücksichtigen, wenn Schmidt an anderer Stelle den Ausschluss Putins vom G8 Gipfel, wegen der Ukraine-Krise, kritisierte.

Vom Standpunkt der Vernunft aus hat Schmidt nämlich Recht. Es macht keinen Sinn den Präsidenten des größten Landes der Erde, das mit riesigen Problem konfrontiert ist und sich nur schwer zusammen halten lässt, zu isolieren. Zudem wenn es sich um ein gleichwohl militärisch extrem starkes Land handelt, wie Russland.

Die osteuropäische Nachbarschaftspolitik der EU hält der Altkanzler für absolut verfehlt und bezeichnet sie kurz als groben Unfug. Wer aus Norddeutschland kommt, weiß was damit gemeint ist. Grober Unfug ist nicht nur ein kaum durchdachtes Handeln, es ist auch ein Handeln, zu dem man nicht befugt ist, welches man sich anmaßt, obwohl man keine Ahnung hat. Grober Unfug ist, was Schmidt begrifflich auch auf die Politik gegenüber der Ukraine bezieht, semantisch als Handeln in vollkommener Unkenntnis der Verhältnisse und Mechanismen, in die man hineinagiert aufzufassen und somit für einen Norddeutschen so ziemlich das Schlimmste, was einem passieren kann.

Wer zu Recht des groben Unfuges beschuldigt wird, hat bei uns ein Problem!

Seine Kritik an der Art, wie die EU der Ukraine, Georgien und Armenien, alles Länder in denen die Vereinigten Staaten enge Verbindungen zu den herrschenden Eliten aufgebaut haben, Assoziierungsabkommen angeboten hat, fällt tatsächlich ungewöhnlich heftig aus. Schmidt sieht dabei die Probleme, die daraus für das ehemalige „Kolonialreich Russland“ (womit er rückblickend auch die Sowjetunion meint) resultieren. Er scheint die Fliehkräfte zu meinen, die auf den russischen Vielvölkerstaat wirken. Ein Effekt der den Amerikanern sicher bewusst ist und als Strategie der „Pluralisierung Russlands“ (wenn man Brzezinskis Begriff für die Auflösung Russlands verwenden möchte) auch gewollt war.

Was die Amerikaner ganz bewusst getan haben, Russland an seinen Rändern zu destabilisieren, haben die Europäer fast schlafwandlerisch mit betrieben und dabei geglaubt, sie täten das in einer gewissen Unschuld.

Tatsächlich aber – und das kommt nicht von Helmut Schmidt – ging es den Amerikanern in den gesamten letzten zwei Jahrzehnten darum, den russischen Staat zu liquidieren. Putin – und das kommt jetzt wieder von Schmidt – ist es gelungen, den russischen Staat nach der Jelzin-Ära (der Zeit des Wilden Ostens) zu stabilisieren.

Für Schmidt spielt das spezifisch deutsche und sein persönliches Verhältnis zu Russland eine große Rolle

Das deutsche Verhältnis zu Russland, so der Altkanzler im Interview mit Maischberger, sei nie wirklich gut gewesen. Das kann man nachvollziehen. Wenn man ihm glauben darf, war es auch der Beginn des Russlandfeldzuges, der bei ihm persönlich die endgültige Distanzierung von Führer und Regime bewirkte.

Was man Schmidt abnimmt, ist die klare Sicht auf das Leid der Russen durch den deutschen Angriff, aber ebenso die Erkenntnis des Hasses und der Angst in Osteuropa nach dem Krieg, welcher sich noch in den sechziger Jahren auf die Deutschen bezog. Schmidt bezog diese Erkenntnis unter anderem von einer privaten Reise, die er mit seiner Familie 1966 durch Osteuropa bis nach Moskau und Leningrad unternahm.

Wenn ein Mann, der an der Ostfront Offizier war und nach dem Krieg seine politische Laufbahn begann, diese Erkenntnis äußert, dann setzt er sich damit deutlich von der allgemeinen Auffassung ab, die bereits in den fünfziger Jahren in Deutschland bestand, die Osteuropäer würden vor allem unter dem Kommunismus und der Herrschaft der Sowjetunion und nicht so sehr unter den Folgewirkungen des Zweiten Weltkrieges leiden.

Diese Erkenntnis des Altkanzlers, der gleichzeitig betont, dass von den Ressentiments gegen Deutschland heute im Osten kaum noch etwas zu spüren sei, ist deshalb so eminent wichtig, weil sie erklärt, wie sehr das deutsch-russische Verhältnis für die spätere friedliche Zusammenführung Europas eine Rolle gespielt hat. Die Ostverträge und die Entspannungspolitik seiner Partei waren der Schlüssel dafür und nicht die Haltung der Amerikaner, die bis zuletzt auf Konfrontation und Eindämmung gegen Russland fokussiert war.

Die friedliche Aussöhnung der Deutschen und der Russen, aber auch der Deutschen und der Polen, der Deutschen und der Ukrainer (als Volk, nicht als Nation) usw. war die Keimzelle der Entspannung in Europa. Die Deutung der Amerikaner, sie hätten jetzt auch den kalten Krieg gewonnen, wirkt dagegen fast wie ein historischer Irrtum.

Die Ukraine-Krise hat alte Wunden wieder aufgerissen

Möglicherweise hat der Altkanzler die Versöhnung im Rahmen und nach der Ostpolitik ein wenig überschätzt. Sehr wahrscheinlich haben sich die Russen und die Polen in den langen Jahren nach Kriegsende oft gefragt, warum es ausgerechnet dem Volk, das so viel Leid über ihre Länder gebracht hat, wirtschaftlich immer besser geht, während sie oft unter unbeschreiblich schlechten Bedingungen leben und arbeiten mussten. Diese Gedanken mögen sich bei vielen auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fortgesetzt haben, als sie feststellen mussten, dass der Wohlstand in den postsowjetischen Ländern kein Selbstläufer war und nur bei den Oligarchen ankam und nicht bei der Bevölkerung.

Ich zumindest habe den Spruch „Hitler kaputt“ und „Faschisten“ auch in den letzten Jahren regelmäßig von meinen russischen Verwandten gehört und hatte nicht das Gefühl, dass die Ressentiments gegen die Deutschen verschwunden sind.

Die Ukraine Krise zumindest war eindeutig der negative Höhepunkt dieser Vorwurfshaltung, die eigentlich besagt, dass wir Deutsche gar nicht so viel gut machen können, wie wir vor siebzig Jahren kaputt gemacht haben!

Helmut Schmidt, der als Mensch fast ein ganzes europäisches Jahrhundert aus eigener Anschauung beurteilt, spart diese schwere historische Belastung nicht aus, er setzt sie sogar in das richtige Gewicht zur Beurteilung unserer aktuellen Situation mit Russland und Osteuropa.

In diesem Sinne hat die Ukraine-Krise nicht nur die Aussöhnung mit Russland, Polen und der Ukraine sowie den Baltischen Staaten und vielleicht auch Weißrussland wieder in Frage gestellt.

Die unangemessen expansive Ostpolitik der EU, an der Deutschland maßgeblich, aber nicht allein, Anteil hat und die eindeutig von den Vereinigten Staaten nach den Balkankriegen und der Zerschlagung Jugoslawiens getriggert wurde,  fällt nun ausgerechnet einem wieder erstarkten Deutschland auf die Füße, das nur durch das Wohlwollen und die Großzügigkeit der Russen ermöglicht wurde. Denn der entscheidende Fürsprecher für die deutsche Einheit war Michael Gorbatschow, die West-Alliierten waren eher die Skeptiker, die es zu überzeugen galt!

Die Vernunft empfiehlt uns die russische Seite in der Ukraine Krise zu beachten

Helmut Schmidt hat vermutlich aus dieser tief gehenden persönlichen historischen Verankerung eine Erkenntnis generiert, die ihn in der deutschen politischen Elite in die Kritik gebracht hat.

Seine, wie er selbst sagt, empfundene Pflicht, auf die Vernunft zu hören, wobei es schwierig ist, zu entscheiden, was vernünftig sei, hat ihn eindeutig zu seiner klaren Position gebracht, an der er auch nicht rütteln lässt.

Wir haben als Europäer und als Deutsche schwere Fehler in der Politik gegenüber Russland gemacht und eine ungerechtfertigte Expansion bis in den Kaukasus und den südlichen Balkan betrieben, ohne dies mit den Russen abzusprechen. Diese falsche Politik, die auch aus einer unkritischen Folgsamkeit gegenüber den Amerikanern resultierte, wird jetzt weder eingestanden noch korrigiert.

Schmidt weist darauf hin, ohne einen Ausweg aus der Lage zu benennen. Er weiß vermutlich auch keinen Ausweg. Aber er macht etwas richtig, was die politische Elite in Deutschland derzeit kollektiv falsch macht. Er bleibt bei der Wahrheit und beschreibt dabei schonungslos die wahre Tiefe des Risses, der wieder durch Europa geht. Vor allem negiert er nicht die Schuld, die unsere Politiker daran tragen.

Die Erkenntnis, dass Europa nicht gegen den Willen, sondern vor allem durch den Willen der Russen wieder zusammen geführt wurde, bekommt dadurch das nötige Gewicht gegenüber den Äußerungen der transatlantischen Schwätzer, dass man die Sowjetunion im kalten Krieg besiegt habe und nun weiter „klein machen müsse“, weil Russland eine Gefahr für Europa darstellen würde. Genau die Position also, die Russland zum massiven Eingreifen in der Ukraine trieb und schließlich auch zur Annexion der Krim.

Vielleicht schätzen die Deutschen ihren greisen Kanzler gerade deshalb, weil er nicht die bequemste Lüge, sondern die unbequeme und erschreckende Wahrheit über unsere aktuelle Situation in Europa sagt, ohne eine Lösung anzubieten.

Lösung der Krise durch Marginalisierung Europas

Eine Lösung bietet der „Weise von Langenhorn“ in anderem Zusammenhang vielleicht auf unerwartete und ernüchternde Art. Er konstatiert, dass Europa in der Tiefe des einundzwanzigsten Jahrhunderts immer bedeutungsloser werden wird. Somit könnte – das kommt nicht von Schmidt, wäre aber aus seinen Aussagen zu folgern – die Marginalisierung Europas den Sprengstoff, der durch seine neuerliche Zerrissenheit entstanden ist, soweit entschärfen, dass sich schließlich für den europäischen Konflikt auf der Welt niemand mehr interessiert – eben auch Russland nicht, weil die wirtschaftlichen und geopolitischen Brennpunkte bald ganz woanders liegen – in Asien, im Pazifikraum und zwischen Süd- und Nordamerika, nicht zu vergessen Pakistan, Indien und der afrikanische Kontinent. Wer interessiert sich dann noch für das buchstäblich alte Europa?

Schmidt hat das so nicht gesagt, aber er könnte es vielleicht gemeint haben. Zuzutrauen wäre ihm das. Es könnte bedeuten, dass Europa bald nicht mehr die Kraft hätte, die Welt zu destabilisieren oder zu stabilisieren. Man fragt sich, ob das wirklich in unserem Sinne ist und ob nicht auch ein Europa, dass sich selbst korrigiert besser für die Welt wäre.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, 31. Juli 2015 um 03:06 Uhr  

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