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Teil 168 "Was sonst noch passierte"

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Ich erinnere mich aber immer noch gerne an diese Jahre, die mich forderten und in denen wir gemeinsam begannen unser Leben zu gestalten.

Sagen wir es so, nach der Trauung- ging unser tägliches Leben in Ost und West erst einmal weiter.

Für mich hatte sich zunächst nicht allzu viel geändert, ich versuchte an etlichen Tagen vergeblich etwas mehr Platz in meiner kleineren Wohnung zu schaffen, die in Kürze das Zuhause von uns sein sollte.

Zudem erhielt ich etliche Briefe, da waren ganz einfach einige neugierig und wollten wissen, wie so ein Abenteuer weit hinter dem sog. eiserenen Vorhang ausgehen würde.

Denen allerdings immer wie fast denselben Text, auch dort wohnen liebeswerte Menschen- die stets ihr Bestes dem Gast geben möchten.

Meine Telefonrechnung wurde allerdings etwas höher im Verlauf der Zeit, meine Frau hatte nämlich dort noch einiges zu erledigen- und ich musste dazu hier in Berlin immer den gewissen Anschluss finden- erst dann gab sie sich zufrieden.

Das steigerte sich als die ersten Pakete hier ankamen, man nennt das Umzugsgut und teilweise befand sich in diesen Paketen genau dass wovon ich eigentlich bereits zu viel besaß.

Es füllte sich also die kleine Wohnung, bevor sie ihren Konsulat- Pass besaß- mir wurde langsam klar, hier werden wir nicht mehr lange wohnen.

Mittlerweile meldete sich bei mir auch die Großtante meiner Frau, eine liebenswerte und echte alte Berliner, die mittlerweile über 80 Jahre alt war und davon die letzten 60 Jahre in Berlin verbrachte.

Sie war für mich in all den Jahren das sprechende Geschichtsbuch und war zudem selbstständig, mobil sowie lebensfroh.

Was folgte, zunächst die Ankunft am Bahnhof Zoo- die ersten Tage in Berlin, die gemeinsamen Behördengänge und wir mussten zum Zoll, dort waren weitere Umzugskartons angekommen.

Die ersten Wochen verbrachten wir in einer Paketkammer und erledigten einige Besuche, fuhren einmal über die Transitstrecke in den Wilden Westen- waren uns aber dann einig, zunächst holen wir unsere Hochzeitsreise nach.

Der Wunsch war da, nur manche Ziele waren unerreichbar geworden- immer wenn wir mit einem Konsulat telefonierten lief das auf den Punkt Visum heraus.

Dieses bekam man aber nur, wenn man den Stempel im Pass hatte der den dauerhaften Aufenthalt in Berlin bescheinigte und den bekam man erst ab 12 Monate.

Bis wir erfuhren, nach Österreich funktioniert das- da benötigt man nur in diesem Fall den Konsulat- Pass.

Wir fuhren also über Frankfurt am Main nach Österreich in die Steiermark.

Davon gibt heute noch ein paar Erinnerungen, zunächst bleibt das einfach hängen als Hans Krankl das Tor schoss- jubelten wir mit in Salzburg.

Zudem richtete meine Frau ihre Blicke auf die bemalten Steingut- Teller, mittlerweile hatten wir eine Sammlung- es fehlten nur noch die aus der Steiermark.

In Österreich bemerkte ich allerdings etwas, meine Frau las wesentlich intensiver die Tageszeitungen als ich, an manchen Urlaubstagen kauften wir gleich drei verschiedene, stets musste die Zürcher dabei sein.

Auf der Rückreise verblieben wir noch ein paar Tage in Nürnberg, ich hatte diese Stadt nämlich in sehr guter Erinnerung und all das was mir mal etwas bot – steuerten wir an.

Auf der Fahrt nach Berlin hatte uns der Alltag wieder, das vorrübergehende Leben in der Paketkammer, zwar lag die kleine Wohnung ziemlich zentral- war aber von der Größe her nicht das was wir wollten.

Was wir wollten, notierten wir einfach einmal und dann erlebten wir etwas.

Den erhofften Wohnberechtigungsschein für den sozialen Wohnungsbau erhielten wir nicht, mein Jahresgehalt lag darüber.

Samstagsabend wurden die Sonntagszeitungen gekauft und der Wohnungsmarkt untersucht, wir fanden stets welche.

Reihten uns des Sonntags in die Wartenden ein und besichtigten Wohnungen, einige davon hatten bereits einen monatlichen Mietspreis der mehr als 50% meines Nettogehaltes ausmachte.

Es gab allerdings noch andere, die waren im Schnitt nicht gerade schlecht und wurden als bezugsfrei angeboten, hatten allerdings einen Haken, der Vormieter wollte für irgendetwas eine Abstandsleistung haben.

Das waren mitunter 3 Monatsmieten, mitunter war der Abstand wahrhaftig Sperrmüll. Es begann die Phase der Ernüchterung, wir mussten unsere Suche anders angehen.

Mitglied in einer Genossenschaft, da erfuhren wir allerdings etwas über die Warteliste, wir wären in 36 Monaten an der Reihe gewesen.

Irgendwann verfasste ich einen Brief an unsere Hausverwaltung und beschrieb denen mein Problem, wir bekamen eine Antwort.

Zufall oder auch nicht, man hatte eine freie und bezugsfertige Wohnung und würde uns als Mieter diese anbieten.

Die erste Besichtigung zeigte uns die Größe und den Zuschnitt, zudem war die wahrhaftig leer.

Der Mietspreis entsprach dem was wir kalkuliert hatten, allerdings hatte diese Wohnung einen Standard wie vor 30 Jahren.

Das konnte man nicht verheimlichen, mittlerweile benötigte man einen wesentlich höheren Stromanschluss und mehrere Wasseranschlüsse.

Das erledigte die Hausverwaltung zudem bekamen einige Außenfenster neue Wasserschenkel.

Beim Mietsvertrag wurde uns klar, für min. 3 Monate benötigen wir beide Wohnungen.

Nach den ersten Tagen sahen wir am Abend kaum womit wir uns eigentlich in der Wohnung beschäftigt hatten, zunächst kam das kleinere Büro dran.

Danach vollzog sich der Plan, wir teilten auf- strichen Türen und Fenster, schafften irgendwann das Badezimmer und begannen Geld auszugeben.

Die erste Waschmaschine fand Einzug und die Küche wurde eingerichtet, wurde direkt wieder umgebaut- damit verzögerte sich einiges.

Das ging fast bis Weihnachten, an den Tagen waren wir der Meinung, für den Rest des Geldes erwerben wir den ersten Farbfernseher.

Wobei sich der große Ofen im Wohnzimmer als Kamin entzauberte, er besaß keine Roste.

Daraus folgten die ersten Winterabende vor dem Kamin unter Freunden, man hatte sich so viel zu berichten.

Wir entdeckten immer wieder Gemeinsamkeiten, mitunter ging es um die Literatur.

Dabei machte ich die Erkenntnis, wir kannten zwar die Autoren im Westen, wussten aber kaum etwas über die im Osten.

Um all das zu verstehen, musste ich John Steinbecks „ russische Reise“ lesen.

Danach überschlugen sich die Ereignisse, Lew Kopelew fand gerade sein neues Zuhause bei Heinrich Böll.

Wir stürzten uns doch alle auf alle Geschichten die Lew Kopelew verfasste, selbst mein Vater rief mich dazu an.

Meine Frau fuhr über ein Wochenende mal wieder nach Poznan, dabei wollte sie mir ein paar deutschsprachige Ausgaben von DDR Literaten mitbringen.

Anna Seegers war mir nicht so, ich wurde positiv überrascht. In meinen Händen hatte ich nicht nur Stephan Heym sondern auch noch Christa Wolff.

Es brannte in mir, zunächst die Wolff „ Unter Linden“- eigentlich verstand ich nicht allzu viel- las aber aus Neugier weiter.

Den Heym las ich insgesamt drei Mal, „ Lenz oder die Freiheit“ ich verstand einiges was der Autor schrieb und fand zu seiner Sprache.

Ein paar Jahre darauf entdeckte ich Günter de Bruyn – damals beachtete man ihn im Westen nicht und im Osten galt der als der schreibende Katholik in der DDR.

Es wurde also spannend um mich herum.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 18. Oktober 2016 um 17:07 Uhr  

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