Mein Herz schlägt links

Initiative linker SozialdemokratenInnen in der SPD

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Neuigkeiten Bärbel das Flüchtlingskind

Bärbel das Flüchtlingskind

E-Mail Drucken PDF

 

 

 

Erinnerungen an die Flucht.

Im Jahre 1969 oder 1970 auf dem Höhepunkt der Außenpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt, die mit den Ostverträgen endete und ihm den Friedens- Nobelpreis brachte, kam das Thema „Flüchtlinge und Heimatvertriebene wieder auf die politische Agenda“.

In dieser Zeit sprach man wieder in dieser Republik intensiv über das was Flüchtlinge erlebten.

Interessant war dabei die Tendenz in den Gesprächen unter uns damals noch jungen Bürgern, die überwiegend Erstwähler waren, war weniger der Fluchtgrund das Thema sondern vielmehr was danach kam.

Ich erinnere mich noch immer an eine junge Studentin an der damaligen PH in Dortmund, die uns mehrere Fotos zeigte.

Es waren die berühmten Schwarz/Weiß Fotos mit dem Büttenrand auf denen meistens Kinder abgebildet waren, Kinder auf den Stationen der Flucht.

Kinder die auf der Flucht geboren wurden oder die als Baby diese Flucht mitmachten.

Bei der Betrachtung eines Fotos erschrak ich, auf dem Foto waren Flüchtlingskinder abgebildet die man gerade entlauste und hinter dem Zaun beobachteten das Kinder.

Einer von diesen Kindern zeigte mich, da war also irgendetwas was ich bereits längst vergessen hatte.

Das muss zu der Zeit gewesen sein, wo ich begann das kleine Fahrrad zu fahren- in welchem Jahr- ich weiß es nicht.

Nur was ich zeitlich dazu sagen kann, mit dem Fahrrad war ich mal zu einem Waldhotel gefahren, dort hatte damals der Box- Europameister Heinz Neuhaus sein Trainingslager bezogen.

Ich brachte den Mut auf und sagte der Studentin, „das bin ich“, der kleine Junge hinter dem Zaun und ich war nicht nur neugierig sondern erstaunt was man da mit euch machte.

Von ihr erfuhr ich, das war die vorläufige Endstation der Flucht ihrer Eltern, die-eigentlich gar keine Flucht war.

Was folgte war eine lange Geschichte und die begann in Königsberg in der Neumark, jene Region Brandenburgs die jenseits der Oder lag.

Geografisch exakt rechts der Oder zwischen Schwedt und Angermünde.

Das war die Heimat ihrer Eltern, diese Stadt nahm die Rote Armee Anfang 1945 im Durchlauf – man wollte bei Küstrin die Oder überqueren.

Danach passierte in dieser kleinen Stadt erst einmal gar nichts, die danach eingezogenen polnischen Behörden gewährten den Flüchtlingen aus dem Osten nur max. 12 Stunden in der Stadt und schickte diese weiter in Richtung Stettin oder Frankfurt/Oder.

Die Einheimischen fühlten sich noch einigermaßen sicher, denn der Ort gehörte zur Provinz Brandenburg.

Nur die Verwaltung wechselte, ihr Onkel war bei der Eisenbahn und die fuhr hier nun in Richtung Osten, er blieb Eisenbahner und bekam Mitte 1945 den Einbürgerungsantrag.

Das ist etwas worüber man im Nachkriegsdeutschland gar nicht sprach, man bürgerte in Polen Bewohner der ehemaligen deutschen Ostgebiete ein, was von Region zu Region sicherlich verschieden war.

Daher ihr Vater Volksschullehrer war, der zudem beide Sprachen beherrschte, hoffte er auf den gleichen Antrag.

Zudem eröffnete man bereits Mitte 1945 die Schule wieder, allerdings begann man in den unteren Klassen bereits auf Polnisch, versuchte in den oberen Klassen die Mathematik von deutsch auf Polnisch umzustellen.

Das Ende war aber nahe, zu Ostern 1946 endete das Schuljahr und dem Lehrer entließ man. Wobei das wiederum etwas anders war, amtlich hieß das zur Umsiedlung aufgefordert.

Dazu verblieben knapp 6 Wochen, in den letzten Wochen quartierte man bereits Nachmieter aus Ostpolen in der Wohnung ein.

Bärbel hieß die Studentin, sie war in dieser Zeit bereits unterwegs, unterwegs im Mutterlaib in Richtung Frankfurt/Oder. Die erste Eisenbahnfahrt endete in einem DRK Heim diesseits der Oder.

Ihr etwas älterer Bruder ging hier zur Schule, so wie sie berichtete ging es bei der Erfassung um Verwandte die irgendwo westlicher wohnten.

Eine Adresse aus Bottrop war der Weg in die britische Zone, nur wollte das DRK nicht zulassen hochschwangere Frauen auf diesen Weg zu schicken.

Bärbel kam in Frankfurt an der Oder zur Welt, danach musste ihr Bruder die Klasse beenden und mit dem 4 Monate alten Kind ging es in Richtung Westen.

Im Durchgangslager Friedland verbrachten sie fast 5 Monate, danach ging es in Richtung Bottrop.

Die Fahrt endete im Aufnahmelager Unna- Massen, ihr Bruder kam dort in Unna bereits in die 4. Klasse.

Unna- Massen bestand aus Wohnblocks, die schnellstens ein paar Jahre zuvor errichtet wurden, hier spielten Kinder die Hauptrolle- ihre Eltern waren entweder auf irgendwelchen Ämtern oder zum Nichtstun verurteilt.

So wie sie berichtete, bekam ihr Vater unmittelbar nach der Währungsreform den sog. Lagerkoller und nahm eine weniger qualifizierte Arbeit auf als Flaschenspüler in einer Brauerei.

Aus ein paar Monaten wurden fast zwei Jahre, erst danach fand er wieder eine Anstellung als Lehrer.

An einem Auszug aus dem Lager war nicht zu denken, es fehlten einfach Wohnungen.

Erst 1951 oder 1952 zogen sie in das Verwaltungsgebäude einer ehem. Seifenpulverfabrik, das Ding hatte ich noch in meiner Erinnerung.

Die Brandmauer dieser Fabrik war eine Werbefläche vom Seifenpulver der Marke Schwan Weiß, davor standen diese Nissenhütten welche überall die britische Armee mal erbaute.

Bärbel sagte, hier hatten ihre Eltern jene 3 Zimmer, die man verschließen konnte, man nannte das Wohnung.

Irgendwann Mitte der 50. Jahre wurden aus den Wellblechhütten die ersten Garagen und auf dem Hof hing die Wäsche der Bewohner.

Sie blieben dort wohnen fast bis 1959, erst danach bezogen sie eine Neubauwohnung am Rande der Stadt, ihr Bruder zog nicht mehr mit- den zog zuvor die Bundeswehr zum Grundwehrdienst ein.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 13. September 2015 um 02:07 Uhr  

Wahlkampf

Erneuerbare Energien

Statistiken

Benutzer : 335
Beiträge : 5750
Weblinks : 145
Seitenaufrufe : 14250736

Verwandte Beiträge