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Sprache trifft Kultur

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Dass sich der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge demnächst schützend vor sie stellt, ist zwar noch fraglich, doch der (fast schon allgemeine) Sprachgebrauch suggeriert uns, es handele sich um Verfolgte: Steuerflüchtlinge.

Doch um diese Spezies ist es seltsam ruhig geworden, haben wir es zurzeit doch mit tatsächlich Verfolgten zu tun, mit Menschen, die vor Hunger und Tod flüchten.

Was jedoch, wenn in Sozialen Netzwerke hemmungslos gegen diese Menschen gehetzt wird? http://www.ruhrbarone.de/die-hetz-methoden-von-pro-nrw/74227

Was, wenn nach übereinstimmender Meinung vieler Politiker diese ungezählten "besorgten Bürger" ernst genommen werden müssen und die sich prompt mit Brandanschlägen auf Asylheime dafür bedanken?

BESORGTE BÜRGER?

„Was die klassische Rhetorik der Rechten betrifft, so können wir uns kurz fassen. Sie hätschelt immer die gleichen Ängste. Seit unvordenklichen Zeiten beschwört sie den Untergang des Abendlandes und den Verlust der Mitte. Regelmäßig beklagt die Partei der Bulldozer den Zerfall der Werte, die Partei der Korruption die sittliche Verwahrlosung, die Partei der Banausen die Zerstörung der Kultur. (…) Dass das drohende Versinken in Anarchie und Chaos ausgeblieben ist, darin sehen sie keinen Grund, sich zu revidieren; sie betrachten es als ihr Verdienst. Unverdrossen warnen sie uns vor Überfremdung und Unterwanderung und fallen uns mit Identitätsproblemen und Orientierungsverlusten auf die Nerven, mit denen das Gemeinwesen angeblich zu kämpfen hat.“

HANS-MAGNUS ENZENSBERGER
(Mittelmaß und Wahn, Frankfurt 1988)

Ich habe an anderer Stelle einmal geschrieben, dass die meisten Wissenschaftler sich heute grundsätzlich einig sind, dass politische Sprache in einem konstruktivistischen Sinne am Herstellungsprozess von Realität beteiligt ist.

Was, wenn die Ökonomie am Herstellungsprozess poltischer Sprache und der Bewusstseinsbildung derjenigen beteiligt ist, die sie benutzen?

Wenn die Sozial-Schwachen zur Sprache kommen oder die A-Sozialen, sind keinesweg diejenigen gemeint, die mit ihrem asozialen Verhalten dafür sorgen, dass Armut entsteht, der Sozialstaat seinen Aufgaben nicht nachkommen kann, sondern die Armen selber.

Ob es die Gedankenlosigkeit des leeren Kopfes ist, die so etwas hervorbringt?

Oder eher bewusstes Einsetzen von Sprache als Herrschaftsinstrument?

Was, wenn Journalisten, Schriftsteller, Blogger ebenfalls aktiver Teil dieses Herstellungsprozesses von Realität geworden sind?

Was, wenn dieser Prozess bereits so weit fortgeschritten ist, dass das Dekonstruieren, das Kritisieren von Realität, zunehmend schwerer wird?

Die neoliberale gewinnsüchtige Kultur ist heute auch unter den Bedingungen demokratisch organisierter Staatswesen eine bürgerliche (im Sinne von bourgeoiser) Kultur.

Es reicht eben nicht, die der allgegenwertigen ökonomischen Verwertbarkeit unterworfene Kunst oder die so genannte hohe Kultur in Museen, Theatern oder den Medien besichtigen zu können.

Der deutsche Sozialphilosoph Oskar Negt setzt sich denn auch für einen konkreten und bestimmten Kulturbegriff ein, der sich dadurch auszeichnet,

"dass nicht die Orientierung an einem irgendwie gearteten Kulturbestand Ausweis dafür ist, dass man ein kulturbewusster Mensch ist; es ist vielmehr die Umgestaltung der eigenen Lebenverhältnisse: wie Menschen wohnen, wie sie essen und trinken, wie sie mit dem Widerspruch des Geschlechterverhältnisses umgehen und wie sie ihre Kinder behandeln. (...) Kultur im Ursprungssinne bedeutet Veränderung, Umgestaltung, Humanisierung der rohen Verhältnisse."

Die Alten Griechen, das weiß der humanistisch gebildete Mensch, waren die Erfinder der Kultur. Der gemeine altphilologisch-geschulte Oberlehrer hat Generationen von Schülern mit dieser Erkenntnis gequält.

Die Platon und Aristoteles, die Epikur und Demokrit, die Heraklit und Sokrates, die Pythagoras und Ptolemäus, sie alle saßen bereits hunderte von Jahren bevor das Christentum sich anschickte, die philosophische und politische Welt zu erobern, zum Symposion auf den Marktplätzen der griechischen Stadtstaaten.

Dass der Ausdruck Symposion im Altgriechischen ursprünglich für "gemeinsames, geselliges Trinken" steht, hatten die wackeren Oberstudienräte meistens vergessen.

Trinkgelage mit philosophischen Gesprächen, das wollten sie der zarten Schülerseele denn doch nicht zumuten, noch weniger den Hinweis darauf, dass sie allesamt, die Philosphen des alten Griechenland, in einer Sklavenhaltergesellschaft lebten und gar nicht daran dachten, diese in Frage zu stellen.

Die Verständigung, die Sprache, stand im Zentrum des griechischen Kulturbegriffs, sie war identitätsstiftend wie ausgrenzend zugleich.

Wenn jedoch Kultur aus Kommunikation besteht, dann muss eine ganze Gesellschaft mit Sinnen und Verstand daran beteiligt sein. Für den deutschen Kulturbegriff ist Ausgrenzung und Identität bis heute geradezu konstitutiv.

Nirgendwo sonst wird das so deutlich wie im Begriff der Deutschen Leitkultur. Wieder ist nicht die ganze Gesellschaft beteiligt. Wieder wird hemmungslos ausgegrenzt.

Notdürftig mit dem Hinweis auf die angeblich christlich-jüdischen Wurzeln verkleistert, erleben wir die Fortführung des imperialen Weltanspruchs "am deutschen Wesen soll die Welt genesen" - jetzt nach innen gekehrt.

Von Sarazins biologistisch begründeter Ausgrenzung bis zum "Wer betrügt, der fliegt" - all das verstärkt die latent vorhandene Fremdenphobie.

Dass ausgerechnet in Deutschland zur Ausgrenzung des Islam "jüdische Wurzeln" herangezogen werden, entbehrt dabei nicht der Unverschämtheit.

Vielleicht ist ja dem intellektuellen Aderlass der in und von Deutschland im Lauf der Geschichte Geächteten zu verdanken, mit welchen Erbärmlichkeiten wir heute von denen traktiert werden, die uns Deutsche Leitkultur und kulturelle Identiität der Deutschen predigen, quasi zum Beweis rassischer Überlegenheit.

Dass die Kultur einen derartig hohen Rang bei der Identitätsstiftung der Deutschen erhielt, ergab sich fast zwangsläufig.

Die deutschsprachigen Stämme mussten bis 1871 warten, bis, den ökonomischen Zwängen der Industrialisierung geschuldet, das deutsche Kaiserreich die äußerst fragile territoriale Einheit proklamierte und das auch noch außerhalb der Reichsgrenzen in Versailles.

 

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 26. September 2015 um 02:54 Uhr  

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