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Tag der deutschen Einheit - Verkappte Siegesfeier des Westens

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Tag der deutschen Einheit

Zum Tag der deutschen Einheit könnte man ausnahmsweise mal ehrlich sein.

Vor 25 Jahren wurde die DDR vom Westen übernommen und abgewickelt und mit ihr ein ganzes Volk.

Ergebnis einer feindlichen Übernahme ist eine große Zahl von Wendeopfern, viel mehr, als es Stasiopfer gegeben hat.

Nach 25 Jahren ist die Wiedervereinigung, so scheint es, immer noch ein Westspektakel, bei dem auch mal ein paar Ossis vorbeikommen.

Die Feierlichkeiten in Berlin jedenfalls wirken so, obwohl die Kanzlerin und der derzeitige Bundespräsident ja selbst aus dem Osten kommen.

Allein es scheint, dass die obersten Repräsentanten den Ostdeutschen nicht aus der Seele sprechen, wenn sie die Großartigkeit der Wiedervereinigung einmal mehr beschwören und den Mythos der Freiheit vor alles schieben, was den ehemaligen DDR-Bürgern nach der Wende an Unrecht geschehen ist.

Sogar eine Autobahn, die einer ständigen Baustelle gleicht und die gefährlichste Autobahn Deutschlands ist, die Strecke Berlin-Frankfurt/Oder wurde zur Autobahn der Freiheit erklärt.

Also auch dort, wo polnische LKWs reihenweise von der Straße kippen und ihre Reifen verlieren, ist ein irgendwie heiliger Ort.

Ein paar Kilometer östlich von Berlin sieht die Lage ganz anders aus.

Wer in den letzten Jahren mit Russland und dem Putinismus haderte, kam meist aus dem Westen, war gut situiert und vergaß in aller Regel, dass diese Art von Übergangsgesellschaft schon wenige Kilometer östlich beginnt, auf der anderen Seite des ehemaligen Deutsch-Deutschen-Grenzstreifens.

Die Menschen in Ostdeutschland leben auch heute noch in einer Übergangsgesellschaft, die weiterhin ein anderes Volk darstellt, dass nur an der Oberfläche zu dem Deutschland gehört, welches dieser Tage wieder medial gefeiert wird.

Die Deutschen hängen einem Traum nach, der von der anderen Seite betrachtet schlicht eine Unwahrheit ist, wenn man behauptet, die deutsche Teilung sei überwunden.

Sie ist es weder wirtschaftlich, noch politisch, noch mental.

Das spürt man dieser Tage auch bei den Konflikten um die Flüchtlingskrise, die Deutschland heimgesucht hat, insbesondere dann, wenn die Staatsoberhäupter gerade den kritischen Ossis vorhalten, dass sie ja auch mal Flüchtlinge waren.

Flüchtlinge?

Nur wenige wollten damals vor der Wende die DDR auf Biegen und Brechen verlassen, die meisten, waren von dem Geschehen überrumpelt und hatten nicht einmal die Idee auszureisen.

Als Flüchtlinge fühlten sich die DDR-Bürger nun wirklich nicht.

Es handelt sich auch bei diesen Unterstellungen um Projektionen von Politikern, die auf West getrimmt, die DDR unaufhörlich als Unrechtsstaat, aber vor allem als Unglücksstaat betrachten.

Fatal eben nur, dass das Unglück vieler Menschen in der ehemaligen DDR erst nach der Wende begann.

Einzelschicksale gibt es so viele, dass man nach einigen Jahren im Osten, immer stärker den Eindruck eines Massenschicksals hat, ein Volk der Betrogenen, dem blühende Landschaften für die Aufgabe der eigenen Identität versprochen wurden, welche auch heute nirgendwo im Osten zu finden sind.

Farbige Fassaden, gedeckte Dächer und moderne Autos findet man schon, aber je tiefer man in die Provinz kommt, desto einsamer wird es um die Ossis.

Da grassiert Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und das Gefühl von der gesellschaftlichen Entwicklung abgehängt zu sein, keine Stimme mehr zu haben.

Noch heute ist die Wut auf die Wessis groß, so groß mancherorts, dass man sich als Westler besser nicht zu erkennen gibt, weil man dann mit eisigem Schweigen und bitteren Vorwürfen konfrontiert wird, je nach Mentalität des Gegenübers.

Das Verhältnis Ost zu West ist wahrlich belastet.

An erster Stelle dominiert das Gefühl abgewickelt worden zu sein, übernommen, durchaus auch feindlich übernommen und seitdem in der Defensive zu leben.

Was man lernte war falsch, irgendwann kommt bestimmt ein Wessi vorbei und erklärt einem das.

Deshalb hält man lieber den Mund und behält seine Ideen für sich.

Schon in den ehemaligen Industriestädten rund um Berlin ist die Zahl der Wendeopfer gewaltig. Viele haben den Einstieg in das Berufsleben nach der Abwicklung ihrer Betriebe nie wieder geschafft, ihre Kinder auch nicht.

In Städten wie Fürstenwalde, Eberswalde und Eisenhüttenstadt sind ganze Familien in die Sozialhilfe abgedrängt worden und der Fatalismus vererbt sich von Generation zu Generation, wird als Geschichte, vom Westen betrogen worden zu sein, weiter gegeben.

Andere Übergangsgesellschaften haben ein ähnliches Schicksal

Viel tiefere Spuren hat der Kapitalismus in den östlichen Ländern außerhalb der EU hinterlassen.

Die Ukraine ist schon vor dem Bürgerkrieg ein schwer beschädigtes Land gewesen, das über zwei Jahrzehnte im Zustand einer permanenten wirtschaftlichen Katastrophe urkapitalistischer Prägung steckte, deren Bürger zwischen Oligarchen- und Behördenwillkür zwischen Kampf um das tägliche Brot und Angst vor der allgegenwärtigen Kriminalität notdürftig existierte.

Auch Russland war in einer solchen Situation, bevor es dem jetzigen Präsidenten gelang, ein Mindestmaß an Sozialstaat zu restituieren, um seinem Volk den letzten Schritt zur urkapitalistischen Barbarei, wie man sie in der Ukraine studieren konnte, zu ersparen.

Länder wie Russland auch Weißrussland haben den westlichen Kapitalismus begrenzt und damit die westlich Schock-Doktrin auf dem Weg zu freien Märkten entschärft.

Die Gegenbewegung aus dem Westen, die sich auch gerne als „Soft-Power“ bezeichnete, war vor allem darauf ausgerichtet, solche Versuche westliche Interessen in den Übergangsgesellschaften zu begrenzen zu unterminieren und kompromisslose Bewegungen für freie und ungeschützte Märkte in diesen Gesellschaften zu stärken.

Freilich litt die Demokratie besonders in den postsowjetischen Gesellschaften Russland, Weißrussland und Kasachstan erheblich unter dem Abgrenzungsbestreben gegen westliche Konzerne und deren politische Akteure, aber sie litt erst, als sich die Notwendigkeit zeigte, den ungezügelten Kapitalismus abzubremsen und die Macht der Oligarchen in diesen Ländern zu begrenzen.

Sie litt vor allem durch die kompromisslose, westliche Haltung, gesellschaftliche Instabilität in diesen Ländern, schwere Armut, Hunger, Krankheit und hemmungslose Kriminalität als Zeichen von Freiheit und Demokratie zu betrachten und somit elende Vorstädte des Kapitalismus als notwendiges Übergangsstadium zu sehen.

Sie litt durch die massive Einflussnahme der Vereinigten Staaten und Europas zur Fortsetzung der Schocktherapie im Osten.

Das Experiment, wissen wir heute, ist gescheitert.

Es gibt inzwischen mehr Menschen im Westen, die Putin zustimmen, wenn er mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion von der größten geopolitischen Katastrophe sprach.

Wer in diesen Ländern gelebt hat, wer dort länger war, Verwandte dort hat, weiß, was gemeint ist.

Im Osten Deutschlands herrschen prinzipiell die gleichen Bedingungen wie in den postsowjetischen Ländern.

Der Zusammenbruch der DDR war nach Definition vieler im Westen nichts anderes als der gewonnene „Kalte Krieg“.

Warum sollte man also einer solchen unterlegenen Gesellschaft einen schonenden Übergang ermöglichen?

Die Art in der die Treuhand dann die ostdeutsche Industrie abwickelte, erinnerte teilweise an die Demontagen der Siegermächte nach dem „Zweiten Weltkrieg“.

Schonend wurde nicht vorgegangen, sondern radikal. Ein Absatzmarkt für den Westen sollte entstehen, keine wirtschaftliche Konkurrenz.

Wer dort aus dem Westen in den Osten kam, um abzuwickeln, ging auch bald wieder und ließ die ruinierten Landschaften (nicht die blühenden) hinter sich.

Wer noch ging, waren die qualifizierten und mutigen Arbeitskräfte aus dem Osten, die sich in den alten Bundesländern Arbeit suchten.

Zurück blieben diejenigen, die auf dem Arbeitsmarkt des Westens keine Chance hatten oder familiäre Bindungen, die einen Fortzug nicht zuließen.

Es blieben auch die Mutlosen, die durch die Entwicklung überfordert waren.

Unterm Strich führte die Wiedervereinigung, die eigentlich eine feindliche Übernahme der ehemaligen DDR durch den Westen darstellte, zu einer Übergangsgesellschaft, die lediglich auf Sozialhilfeniveau abgefedert wurde.

Immerhin, erging es ihnen nicht, wie den Ukrainern und Russen, die bald nichts mehr zu essen hatten,  von Kriminalität lebten oder sich prostituieren mussten.

Gibt es hier etwas zu feiern?

Der Tag der deutschen Einheit ist vorbei und einmal mehr fragt man sich, was es hier zu feiern gibt?

Gauck und Merkel produzieren erneut nichtssagende Sprechblasen von Freiheit und Demokratie, für die die Leute sich nichts kaufen können.

Sie reden gekonnt an der Vielzahl von Wendeopfern vorbei, die sich noch nicht einmal outen dürfen, weil es in der politische korrekten Nomenklatur zwar Stasiopfer, aber keine Wendeopfer geben darf.

Sie sind ehemalige DDRler, aber im Westen so perfekt angepasst, dass man sie als assimiliert betrachten kann, unfähig die Ängste und Bedenken, die Verzweiflung aber auch die Armut ihrer ehemaligen Mitbürger zu formulieren, weil sie hauptsächlich mit dem eigenen Machterhalt nach westlichen Spielregeln beschäftigt sind.

Diese Politiker sind lebendige Armutszeugnisse einer reichen Republik, in welcher die eine Hälfte den Kampf der Systeme gewonnen und die andere Hälfte alles verloren hat.

Also was bitte, gibt es hier zu feiern?

Zuletzt aktualisiert am Montag, 05. Oktober 2015 um 03:13 Uhr  

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