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Start Neuigkeiten Sozialdemokratie des 21. Jahrhunderts -Öffnung in die Zivilgesellschaft (I)

Sozialdemokratie des 21. Jahrhunderts -Öffnung in die Zivilgesellschaft (I)

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Ausgangspunkt: “Parteien können einen Unterschied machen, wenn sie sich für die Gestaltungsviefalt der in Fluss geratenen Weltinnenpolitik öffnen.” (Ulrich Beck, 2009, S. 366)[ii]

 

Nicht nur für den Soziologen, Ulrich Beck, werden die Karten der globalen Machtverteilung gerade neu gemischt.

Das einundzwanzigste Jahrhundert bricht mit alten Vorstellungen von staatlicher Macht, nationaler Souveränität und proklamiert eine zunehmende Auflösung nicht nur national orientierter Politik, sondern auch ihrer klassischen Institutionen, zu denen die politischen Parteien gehören. Beck formuliert sowohl auf nationaler, als auch transnationaler Ebene sich wandelnde Abhängigkeiten der drei großen gesellschaftlichen Sektoren: Dem Staat, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft.

In diesem Koordinatensystem der drei gesellschaftlichen Machtblöcke kommt nicht nur dem globalisierten Kapital eine neue Macht zur Regelsetzung zu, sondern auch der Zivilgesellschaft, während die Staaten mit den klassischen Mitteln der Politik an ihre  „nationalen“ Grenzen stoßen, weil sie zunehmend und in vielgestaltiger Form gezwungen werden, transnationale Politik mit geschwächter Legitimation zu gestalten. Mit den Regierungen kommen mittelbar und zukünftig auch die politischen Parteien in eine zunehmende Machtkonkurrenz zum Kapital und dem so genannten Dritten Sektor, den zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Eine Studie des WZB (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) stellt wiederum eine zunehmende Konkurrenz zwischen Organisationen des Dritten Sektors und der Privatwirtschaft auf der einen Seite sowie staatlichen Institutionen auf der anderen Seite fest. Zivilgesellschaftliche Organisationen befinden sich nach dieser Studie häufig im Dauerkonflikt mit staatlichen Institutionen und hängen zugleich nicht selten von staatlichen Finanzmitteln ab. Zu dem von Ulrich Beck postulierten grundsätzlichen politischen Antagonismus zwischen staatlicher und zivilgesellschaftlicher Machtorganisation kommt in der erwähnten WZB-Studie auch ein erheblicher Ökonomisierungsdruck, der die Zivilgesellschaft sowohl in die Abhängigkeit zum Kapital, als auch in die zum Staat treibt. Die staatliche Finanzierung des Dritten Sektors ist allerdings eindeutig rückläufig. Viele NGOs kämpfen um ihre ökonomische Existenz.  Die Zivilgesellschaft zeigt als ebenso eigenständige wie pluralistische Machtkonstellation nicht nur Wachstum, sondern auch Auflösung, was über die ökonomischen Probleme hinaus auch an einem verminderten Zulauf junger Menschen, gerade in politisch orientierten NGOs abzulesen ist. (Eckhard Priller et al. 2012, S. 7, 51, 56)[iii]

Sowohl die Ökonomisierung der Gesellschaft, als auch eine zunehmende Konkurrenz um politische Macht und Meinungshegemonie finden übergreifend in allen drei gesellschaftlichen Machtsektoren statt. Der zivilgesellschaftliche Sektor erscheint hier als der dynamischste Bereich, sowohl in seiner Struktur, als auch in seinen wechselseitigen Abhängigkeiten und schließlich in seiner Fähigkeit, „unerwartete“ Macht zu entfalten.

Politische Parteien, die sich für die Zukunft aufstellen wollen, sollten eine Reihe von zivilgesellschaftlichen Organisationen im Blick haben, weil sich dort gesellschaftliche Prozesse, die bereits theoretisch unter anderem von Ulrich Beck beschrieben wurden, mit hoher Dynamik vollziehen und den Blick auf zukünftige Entwicklungen freigeben können.

Hinwendung zur Zivilgesellschaft

Eine Hinwendung zur Zivilgesellschaft ist für Parteien, die eher dem staatlichen Sektor zuzurechnen sind, allerdings schwierig und riskant. Es ist ein Balance-Akt zwischen dem Erhalt politisch, institutioneller Legitimation und einer Öffnung in die Bürgergesellschaft, die Ulrich Beck, in der Zeit der Globalisierung, auch als sich entwickelnde Gesellschaft von Weltbürgern sieht. Was bedeutet diese Pluralisierung und Internationalisierung für die Parteien?

Der folgende Reader versucht das zivilgesellschaftliche Umfeld der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands darzustellen und verfolgt dabei zugleich eine Absicht. Er möchte ein Plädoyer für eine Öffnung der SPD in die Zivilgesellschaft halten und eine Aufgabe definieren, welcher die SPD bisher nicht ausreichend gerecht werden konnte. Die Sammlung einer zunehmend pluralistischen Linken und Hereinnahme unterschiedlicher linker Strömungen in das Feld sozialdemokratischer Politik.

Ulrich Beck führt die zunehmende Pluralisierung der politischen Richtungen „Links und Rechts“ auf die veränderten gesellschaftlichen Frontverläufe im Rahmen der Globalisierung zurück. Sowohl bei den Linken, als auch bei den Rechten gibt es neoliberale Auffassungen und Kräfte neben eher protektionistisch orientierten Kräften auf beiden Seiten. (Ulrich Beck, 2009, S.394) So geraten die alten politischen Weltbilder ins Wanken, ohne aufgehoben zu sein. Auch wenn neoliberale Linke und Rechte sich in ihren Weltbildern annähern, gibt es dennoch eine Fokussierung auf soziale Gerechtigkeit, die im gesamten linken Spektrum der Gesellschaft gültig bleibt und zugleich eine besondere Triebfeder der Zivilgesellschaft darstellt.

Diese verschiedenen Kräfte aufzunehmen, ihren politischen Diskurs zu moderieren und in politische Macht zu bündeln, wäre eine Aufgabe, an der sich die Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert lohnender orientieren könnte, als an einem Kampf um die bürgerliche Mitte, die sich in einer pluralistischen Gesellschaft zunehmend als politisches Phantom erweisen könnte.

Einführung:

Im Gegensatz zu politischen Parteien, die früher oder später nach ihrer Gründung in einen verhältnismäßig klar definierten Rahmen staatlicher Politik wandern, sind zivilgesellschaftliche Organisationen überwiegend Teil eines unstrukturierten gesellschaftlichen Feldes, das durchaus chaotischen Regeln folgen kann. Dieser offene gesellschaftliche Raum der Zivilgesellschaft birgt Gefahren, aber auch Chancen auf Neues.

Politische Theorie fokussiert sich zunehmend auf die Chancen dieses offenen Raumes, Parteien, die sich entwickeln, ist dies ebenfalls angeraten.

„Man kann geradezu als Grundgesetz der neuen Politik und Politiktheorie formulieren: Realitätsveränderung setzt Blickveränderung voraus.“(Ulrich Beck, 2009, S. 405)

In diesem Reader wird der offene Raum der Zivilgesellschaft zugleich als „Open Space“ bezeichnet. Damit ist ein gesellschaftlicher Raum gemeint, der sich in den letzten Jahrzehnten um die Partei der SPD gebildet hat, aber auch von ihr entfernt. Wo ist dieser Raum heute angesiedelt, in welche Richtungen öffnet er sich und wo schließt er sich gerade? Welches sind die Organisationen und Akteure in diesem Raum und welche Beziehungen haben sie zur Sozialdemokratie? Was sind gegenseitige Erwartungen, Schnittmengen und welche Schlüsse lassen sich daraus für die zukünftige Struktur und organisatorische Öffnung der SPD ziehen?

Zukünftige Entwicklungen sind dabei auch für die SPD gesamtgesellschaftlich zu betrachten. Ein deutlicher Trend, den wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, war die demokratische Entwicklung, Pluralisierung und Differenzierung der Zivilgesellschaft.

Der Zukunftsforscher, John Naisbitt, hat in seinem Buch, Megatrends – Ten New Directions Transforming Our Lives, 1982 den Trend von der repräsentativen zur partizipatorischen Demokratie richtig erkannt. Die zivilgesellschaftliche Entwicklung in ihren verschiedenen Ausprägungen wird daher ebenfalls Gegenstand dieses Readers sein. Ebenso wichtig erscheint die Deutung des aktuellen Spannungsfeldes zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen, den Non-Governmental-Organisations (NGO) und den politischen Parteien, ja der Politik überhaupt.

Abseits der institutionalisierten Politik bilden Organisationen, Initiativen, Vereine und Bündnisse in der Zivilgesellschaft einen offenen Raum, der nicht einer sozialen Hierarchie folgt. Man könnte diesen offenen Raum auch deshalb  als „Open Space“ bezeichnen, weil er ein Experimentierfeld darstellt,  in dem sich die Zukunft der Gesellschaft entwickelt.

Gesellschaftliche Moderationen sind Aufgaben der politischen Parteien

Open Space ist aber auch eine Technik zur Großgruppenmoderation, die von dem amerikanischen Trainer Harrison Owen in den achtziger Jahren entwickelt wurde. (Owen, 2001)[iv] Hier geht es darum, in kurzer Zeit mit einer großen Zahl von Menschen zu einem umfassenderen Thema eine Aufbruchstimmung zu nutzen oder zu erzeugen und zu vertiefen, in der wesentliche Teilthemen innovativ und lösungsorientiert besprochen werden, damit daraus konkrete Projekte entstehen können. Eine erste Orientierung zu dem Thema bietet Wikipedia unter dem Stichwort „Open Space“.

Der gedankliche Anschluss zu dieser Moderationstechnik gelingt, indem man sich vergegenwärtigt, dass in unserer Republik ein vernetztes und zugleich fragmentiertes, zivilgesellschaftliches Feld zur Bearbeitung ansteht. Der Sozialdemokratie könnte als einem der größten und wichtigsten gesellschaftlichen Denkräume des zwanzigsten Jahrhunderts, auch im 21. Jahrhundert die Aufgabe zufallen, diesen gesellschaftlichen Prozess maßgeblich zu moderieren.

Themen, die gesellschaftlich moderiert sein wollen, gibt es in den Zeiten krisenhafter Veränderungen, denen wir uns nähern, genug.

Open Space, als Gruppeninszenierung,  steht immer unter einem Generalthema. Geeignete Themen haben eine oder mehrere der folgenden Eigenschaften (vgl. Wikipedia-Open-Space):

  • Dringend – es brennt den Teilnehmenden unter den Nägeln, es betrifft sie/geht sie an/berührt sie, und die Lösung hätte gestern bereits vorliegen sollen
  • Breit angelegt – Raum für neue Ideen und kreative Lösungen
  • Komplex – es gibt viele verschiedene Ideen und Wege, es kann nicht von einer Person gelöst werden
  • Wichtig – von zentraler Bedeutung für die Zukunft des Systems

Mögliche Generalthemen sind: Sozialer Umbau des globalen Kapitalismus, Sicherung des Sozialstaates, Nachhaltigkeit und Globalisierung,  Demokratieentwicklung, Frieden und Friedenspolitik, Menschenrechte, Gendermainstreaming und die Gleichstellung der Frauen, Umwelt, die Energiewende und eine demokratische Wissensgesellschaft, die allen gleiche Bildungschancen bietet und die sich teils berechenbar, teils aber auch ungewiss entwickelnde Altersstruktur der Bevölkerung, im Kontrast zu den demografischen Entwicklungen in den Schwellenländern. Diese Aufzählung lässt sich erweitern.

Das Einnehmen neuer, auch ungewöhnlicher Perspektiven kann, wie Ulrich Beck in seinem Satz „Realitätsveränderung setzt Blickveränderung voraus“, bereits formulierte, auch neue Handlungsoptionen eröffnen.

Die SPD ist zur Einnahme gesellschaftlicher Blickwinkkel aus dem linken Spektrum prädestiniert und verpflichtet

Die Ideen der Sozialdemokratie waren und sind nicht immer identisch mit dem Programm und der Politik der SPD. Sie sind und auch nicht immer das Programm der SPD.

Auf der anderen Seite haben wir es mit einer komplex agierenden Zivilgesellschaft zu tun, deren Programme durchaus sozialdemokratische Züge tragen, aber dennoch mit der Partei SPD konkurrieren.

Würde man also die SPD einmal aus dem Bezugssystem der Zivilgesellschaft betrachten, wäre sie eine Organisation, die mit anderen um die besten Ideen zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung konkurriert und kooperiert. Dies gilt selbst für die Idee der Sozialdemokratie an sich, welche historisch determiniert, aber zukünftig nicht festgeschrieben ist. In einem „offenen Spiel“ gelten sozialpsychologische und auch spieltheoretische Regeln.

Für ein schwach strukturiertes Bezugssystem, ein solches stellt die Zivilgesellschaft dar,  ist  kompetitive Intelligenz, „für die Bewältigung von Situationen mit absoluten Interessengegensätzen und egozentrischen Beweggründen der Beteiligten nötig.“ (Kauke, 1998, S. 67)[v]

Andererseits können in einem zivilgesellschaftlichen Open Space zukunftsweisende, sozialdemokratische Ideen auch außerhalb von Parteien entstehen, lange bevor sie parteipolitisch implementiert und in Programme eingebunden sind. Die Frage nach dem Open Space der Sozialdemokratie ist also mehr als berechtigt, wenn die Partei, SPD, zukunftsfähig bleiben möchte.

Die Krise der Sozialdemokratie, welche wir in den letzten Jahren erlebt haben, die sich im Rahmen höchster Wählervolatilität, einer wenig zukunftsfähigen Altersstruktur der Wähler (vgl. Wessels, 2010, S.3,15f) [vi] und auch in dem Verlust von aktiven SPD-Mitgliedern und Sympathisanten an andere Parteien des linken Spektrums zeigte, bezeichnet dabei nicht das Ende, sondern vielmehr den wiederholten Anfang der SPD als Volkspartei des 21. Jahrhunderts.

Historisch gesehen, ist es der SPD immer gelungen, sich innerhalb verändernder gesellschaftlicher Rahmenbedingungen neu zu orientieren. Dies gelang während des Umbaus von der Arbeiterpartei zu einer breiteren gesellschaftlichen Basis im Rahmen der Angestellten-Revolution der sechziger Jahre, während der tief greifenden gesellschaftlichen Reformen der siebziger und achtziger Jahre und auch in den marktliberalen Strömungen der neunziger Jahre, einer Phase des Aufstieges der europäischen Sozialdemokraten. Gemessen an den Regierungsbeteiligungen stellte das Jahr 1999 einen Höhepunkt der europäischen Sozialdemokratie dar. (ebd. Wessels, 2010, S.12) Das vergangene Jahrzehnt brachte die SPD in eine Krise, die gleichzeitig eine gesellschaftliche ist. Der veränderte gesellschaftliche Zusammenhang im Rahmen eines globalen, finanzwirtschaftlich dominierten Kapitalismus geht über die Krise einer Partei weit hinaus. Auch hier ist die SPD weiterhin gefordert, den gesellschaftlichen Prozess, der vor allem in der offenen Frage eines zukünftigen sozialen Miteinanders besteht, aufzugreifen und wenn möglich auch zu moderieren.

Als Volkspartei muss die SPD daher aktiv auf den zivilgesellschaftlichen Raum, den Open Space, zugehen und die eigene Krise auch für das Verständnis der gesellschaftlichen Krise nutzen. Eine Partei, die aus sich herausgeht, wird weitere innere Krisen erleben, ist aber zugleich in der Lage in die Gesellschaft hinein zu wachsen.

Die Parteireform der SPD, welche auf dem Bundesparteitag im Dezember 2011 beschlossen wurde, stellt hier einen richtigen Schritt zur Öffnung der Partei in die Gesellschaft dar. Unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen kann man sich dabei nicht auf einen permanenten „Tag der offenen Tür“ beschränken. Die Partei kann nicht einfach abwarten, sondern muss sich aktiv in die Zivilgesellschaft hineinbewegen. Das Hineinwachsen in eine pluralistische und teils fragmentierte Gesellschaft beschreibt nicht nur den Kraftakt von einer organisatorischen Geschlossenheit zu einer organisationellen Öffnung zu gelangen, sondern vor allem einen grundsätzlichen Perspektivwechsel. Das politische gesellschaftliche Geschehen hat sich in den letzten zwanzig Jahren vom parteipolitischen zum zivilgesellschaftlichen Engagement verlagert. Eine fortlaufende Entwicklung, wie der „Freiwilligensurvey“ im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigt, der von TNS-Infratest 2009 vorgelegt wurde:

Die Reichweite der Zivilgesellschaft: Der aktuelle Freiwilligensurvey zeigt, dass 2009

71 % der Bevölkerung in Vereinen, Organisationen, Gruppen oder öffentlichen

Einrichtungen (also im dritten Sektor bzw. in der Infrastruktur der Zivilgesellschaft)

teilnehmend aktiv waren, nach 66 % im Jahr 1999. (Hauptbericht des Freiwilligen-Survey. 2009)[vii]

In Europa existieren zehntausende Organisationen, Gruppen und Initiativen, die politische Akzente setzen. Zumeist geht es dabei um Partialinteressen, häufig aber auch um höher stehende gesellschaftliche Ideale, die sehr wohl mit sozialdemokratischen Grundsätzen vereinbar sind. In vielen Fällen besteht eine eigentümliche Fremdheit zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und der sozialdemokratischen Partei, welche trotz ähnlicher politischer Ideen zum Kommunikationshindernis geworden ist. So lässt sich eine breite politische Bewegung für die Regulierung der Finanzmärkte beobachten, die von den Naturfreunden über die Kirchen und Gewerkschaften, aber auch Unternehmergruppen, bis zu den Linken und marxistischen Gruppen reicht, an welcher aber die SPD trotz konvergenter Programmatik nicht so intensiv beteiligt ist, wie man es von einer Volkspartei erwarten würde.

Die Sozialdemokratie hat immer gesellschaftliche Ideen aufgegriffen und weiter verfolgt. Bis hin zu einer programmatischen Reife neuer Ideen, war es oft ein langer Weg, bis zur Umsetzung in Regierungsverantwortung ein noch längerer. Dies zeigt aber auch, dass die Partei nie der alleinige und originäre Vertreter von sozialdemokratisch adaptierten Ideen war. Die SPD war und ist immer dann im Besitz der Definitionshoheit, wenn sie sich aus der egozentrischen Parteienperspektive in die allozentrische Gesellschaftsperspektive bewegt hat oder gerade bewegt.

Dieser Umstand bedarf einer Erläuterung. Die „Ich-bezogene“ egozentrische Perspektive in der Sicht auf die Umwelt, wird kognitionspsychologisch dann verlassen, wenn ein Ich-unabhängiges, allgemeines oder globales Koordinatensystem gewählt wird. Eine Position, die auch als allozentrisch bezeichnet wird, weil sie sich an positionsunabhängigen allgemeinen Werten orientiert. Für die Einnahme einer allozentrischen Position benötigt man beispielsweise eine Karte, welche zwar die Position des Beobachters verzeichnet, aber unabhängig zu seiner eigenen Perspektive, Realitäten objektiv kartiert. Gemeint ist in diesem Zusammenhang eine gesellschaftliche Kartierung, welche deutlich über das hinausgeht, was aus der Perspektive einer bestimmten politischen Partei noch relevant erscheint. Im Falle der SPD gelang die Einnahme dieser allozentrischen Perspektive immer dann, wenn die Partei gezwungen war, sich auf vollkommen neue gesellschaftliche Randbedingungen einzustellen. Dies war vor allem in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts der Fall, in denen tief greifende gesellschaftliche Änderungen zunächst von den Jungsozialisten und dann schrittweise von großen Teilen der Sozialdemokratie aufgegriffen wurden. Eine Phase in der die Sozialdemokratie größte gesellschaftliche Bedeutung errang und durch ihre Nähe zu den relevanten gesellschaftlichen Prozessen die kritische Öffentlichkeit dominieren konnte.

Diese Erfahrung ist so grundsätzlicher Art, dass man die Empfehlung aussprechen möchte, jedes Mitglied möge sich das in seinem Parteibuch schriftlich vermerken. Es ist das Erfolgsrezept der SPD.

Die Aufgabe der SPD kann nicht im Ignorieren gesellschaftlicher Trends bestehen

Damit die Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert ihrer Aufgabe als gesellschaftlich moderierende Kraft gerecht werden kann, muss sie wissen, was zivilgesellschaftlich gespielt wird.

Gesellschaftlich aktive Gruppen haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend von der Politik gelöst und sich miteinander vernetzt.

Schon wird von einer neuen zivilgesellschaftlichen Macht gesprochen.

In einigen Publikationen von Social Entrepreneurs, einer Bewegung von Unternehmern, die den sozialen „Return on Investment“ vor den Profit stellen, taucht sogar die Redewendung von einer „zivilgesellschaftlichen Peitsche“  für die Politik auf.

Wer sind diese „Shaping Actors“, die Akteure, im Umfeld der SPD, die sich in einem  neuen Trend zum sozialen Unternehmertum bewegen?

Wer sind die Akteure in den NGOs, den Bürgerinitiativen und den Netzwerken, die sich immer mehr anschicken, die Politik zu bestimmen?

Was sind ihre Forderungen und worin besteht ihre Macht?

In einer Umfeldanalyse lässt sich diesen Fragen systematisch nachgehen. Die wesentlichen methodischen Merkmale der Umfeldanalyse, des „Environmental Scanning“ sind:

- Scanning und Monitoring – Gezielte Bearbeitung eines vorher festgelegten Feldes

- Umfeldstrukturierung beispielsweise durch STEEP-Methode (Society, Tecnology, Economy, Ecology, Politics)

- Systematische Erfassung aller relevanter Daten, Faktoren und Akteure

- Identifikation der „Shaping Factors and Shaping Actors“ (wo liegen die treibenden Kräfte?)

-  Semantische Verknüpfung des Materials, Kategorisierung

- Visualisierung und Strukturierung (beispielsweise in einer Mind-Map)

- Reduzieren des Rauschens und Komplexitätsreduktion durch intuitives Ranking und Schlüsselfaktor-Analyse

- Identifikation von „weak signals“ und „hidden trends“

- Berücksichtigung von Extrempositionen

- Semiotische Aufarbeitung, Anzeichen für Spuren, Vorzeichen, politische und gesellschaftliche Trends in der Zivilgesellschaft

-  Ableitung möglicher gesellschaftlicher Trends und Zukünfte

Identifizierung des Beitrages der Umfeldanalyse für eine Roadmap der Sozialdemokratie im 21. Jahhundert

- Implementierung eines Umfeld-Radars, welches ständige Aktualisierung erfordert

Diese Arbeit soll hier erbracht werden und durch eine implementierbare grafische und webbasierte Umfeldanalyse ergänzt werden.

Auf diesem Wege lässt sich ein fortlaufendes „environmental Monitoring“ für die Partei  auch zukünftig zur Verfügung stellen.

Noch einige Worte zu den zivilgesellschaftlichen Trends und Entwicklungen, für die keine Umfeldanalyse benötigt wird, weil sie schon seit längerem bekannt sind.

Man könnte hier auch von einem Trend-Mainstream sprechen, der sich auch politisch deutlich auswirkt, aber in dieser Arbeit nicht mit Priorität behandelt wird.

Gemeint sind unter anderem die großen Megatrends des 21. Jahrhunderts, die in einschlägigen Publikationen vielfältig nachgelesen werden können:

- Globalisierung mit seinem Gegentrend: Regionalisierung und Nationalisierung

- Urbanisierung

- Feminisierung (gesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches Empowerment)

- Individualisierung

- Überalterung und Down-Aging (jüngere Ältere)

- Life Science und Gesundheit

- Spiritualisierung

- Wissensgesellschaft

- Bildung – Neues Lernen und lebenslanges Lernen

- New Work – Neue Arbeitsformen

- Mobilität

Diese aus einer Arbeit von Matthias Horx (Horx, 2007)[viii] entnommenen Megatrends sind in der Gemeinde der Zukunftsforscher weitgehender und modifizierter Konsens, und unterliegen bestimmten Kriterien, die an dieser Stelle ebenfalls erwähnt werden sollten, um den Mainstream besser von der explorativen Umfeldforschung abzugrenzen.

• Impact: Ein Megatrend sollte mindestens über 30 Jahre Halbwertszeit verfügen, bis er seinen Zenit erreicht.

• Ubiquität: Ein Megatrend bildet Signale in allen Lebensbereichen, er ist„allgegenwärtig“ und entwickelt Signifikanten in Konsum, Ökonomie, Lebenswelt etc.

• Universalität: Ein Megatrend hat einen grundlegend globalen Charakter, auch wenn er sich in den verschiedenen Regionen und Kulturen unterschiedlich schnell durchsetzt.

• Robustheit: Ein echter Megatrend verträgt auch Backslashs, also vorübergehende Rückschläge, ohne seine Dynamik zu verlieren.

In diesem Reader geht es explizit nicht um Megatrends, wenn diese auch bei der Einschätzung der Relevanz von Schlüsselfaktoren und Schlüsselakteuren im Umfeld der Partei eine gewisse Rolle spielen. Dennoch liegt das eigentliche Interesse dieser Arbeit neben der Erstellung einer Übersicht, in der Identifikation verborgener gesellschaftlicher Trends und Wertverschiebungen, die von der Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert nicht nur erkannt, sondern auch aufgegriffen werden sollten.

Über den Megatrend der Individualisierung, der maßgeblich an dem Erfolg der Zivilgesellschaft mitwirkt und welchen der Soziologe Ulrich Beck in seinen Schriften zur Risikogesellschaft untersuchte, sagte Beck 1996 in einem Interview zur Zukunft der Zivilgesellschaft.

„Es gibt hier inzwischen eine starke Irritation, die dazu führt, dass man sich sowohl auf der linken, wie auf der rechten Seite gegen diese Individualisierung abschottet. Und dabei wird verkannt, was sie politisch bedeutet! Sie ist keineswegs gleichzusetzen mit Privatisierung, Rückzug ins Private und Subjektivismus, sondern es ist einfach ein Ausbrechen aus den bisherigen Stereotypen und eine Neuvernetzung über politische Gräben hinweg, die schon einem Aufbruch nahe kommt.“ (Ulrich Beck in Zukunft der Zivilgesellschaft)[ix]

[1] John Naisbitt, Megatrends – Ten New Directions Transforming Our Lives, New York, Warner, 1982

[ii] Ulrich Beck, Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter, Frankfurt/M, Suhrkamp TB, 2009 (1.Aufl. 2002)

[iii] Eckhard Priller, Mareike Alscher, Patrick J. Droß, Franziska Paul, Clemens J. Poldrack, Claudia Schmeißer, Nora Waitkus. Dritte-Sektor-Organisationen heute: Eigene Ansprüche und ökonomische Herausforderungen – Ergebnisse einer Organisationsbefragung, Discussion Paper, SP IV 2012–402, Berlin, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Juli 2012

[iv] Owen, Harrison: Expanding our Now, deutsch: Die Erweiterung des Möglichen – Die Entdeckung von Open Space, Stuttgart, Klett-Cotta, 2001

[v] Kauke, M. Kooperative Intelligenz. Heidelberg, 1998, Spektrum.

[vi] Wessels, Bernhard: Was ist dran an der These vom Ende der Sozialdemokratie? Eine empirische Analyse der Wahlergebnisse und Wählerprofile sozialdemokratischer Parteien in Europa in den letzten zwanzig Jahren, Internationale Politikanalyse, Friedrich-Ebert-Stiftung, 2010

[vii] TNS-Infratest, Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement, München, Oktober 2010, BE6710-102766

[viii] Matthias Horx, Die Macht der Megatrends, Zukunftsinstitut Horx GmbH, 2007

[ix] Huber Christian Ehalt, Gespräche zur Zeit, Die Zukunft der Zivilgesellschaft, p.19, Wien WUV 1996

Die hier veröffentlichten Abschnitte des Readers können unter folgenden Links kommentiert und diskutiert werden:

http://bewegung.taz.de/organisationen/mhsl/blogeintrag/sozialdmokratie-des-21-jahrhunderts--oeffnung-in-die-zivilgesellschaft

http://presselinks.gedaechtnisbuero.de/sozialdemokratie-des-21-jahrhunderts-i/

intern ist auch eine Diskussion in der Facebook-Gruppe von Mein-Herz-Schlaegt-Links möglich.

Zuletzt aktualisiert am Montag, 23. Mai 2016 um 19:04 Uhr  

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