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Frohe Weihnachten!

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Kapitalistische Logik widerspricht dem menschlichen Glück permanent, eklatant und ohne Gnade. Frohe Weihnachten!

Ich könnte es ja einfach so stehen lassen.

Die Mädchenstimme hinter mir, mit drei anderen Jungs im Zug. Die ganze Fahrt über verglichen sie ihren Reichtum, wobei die Mädchenstimme sich als Gewinnerin erwies. Am Ende waren acht Häuser in acht europäischen Ländern zusammen und ein Grundstück von achtzig Hektar in Polen, ein großes Haus am See, dass von fünf Hunden bewacht wurde und auf dem Dach einen Ausguck für die Mädchenstimme zur Verfügung hatte. Dort hinter einem großen Baum lauerte sie auf Spaziergänger, die sie mit ihrem Paintball-Gewehr beschoss. Ihr Vater ist jetzt elffacher Millionär und die Eltern kaufen der Mädchenstimme alles, wenn sie denn mal da sind.

An den Vater kommt man nicht heran, er ist alle zwei Wochen für einen Tag da, die Mutter ist viel in den Ferienhäusern unterwegs. „Was machst Du denn so, wenn Du allein zuhause bist?“ „Ich sitze im Whirlpool und schaue mir Filme an oder gehe gleich in unser Kino, wo fünf sehr bequeme Sessel sind.

„Warum machst Du Deine Jacke nicht auf, hier im Zug ist es doch warm und draußen frierst Du dann.“ „Nein, sagt die Mädchenstimme, ich lasse meine teure, maßgeschneiderte Jacke geschlossen.“

„Dich möchte ich mal besuchen,“ sagt einer.

„An mich kommt ihr nicht ran,“ sagt die Mädchenstimme, „genau, wie man an meinen Vater nicht rankommt. Der Garten ist überwacht, dort sind außerdem Hunde und Wachschutz. Wenn ihr es tatsächlich durch die dreifach gesicherte Tür ins Haus schafft, kommt ihr nicht bis zu meinem Zimmer, denn im Haus sind auch Hunde und ich selbst habe zwei Privathunde,“ fügt die Mädchenstimme hinzu. „In meinem Zimmer warte ich auf Dich mit meinem Paintball-Gewehr“ fügt die Mädchenstimme noch hinzu, als wollte sie einen drauf setzen, wo man eigentlich nichts mehr toppen kann.

Die Mädchenstimme muss sehr einsam sein, denke ich und drehe mich nach ihr um. Dort sitzt ein kleiner Junge, der schmächtiger und kleiner ist, als die anderen. Er ist perfekt frisiert, hat tatsächlich eine geschlossene, grüne Steppjacke an und trägt schwarze Schuhe, die eigentlich zu groß aussehen und für einen erwachsenen Büromenschen gedacht waren. Eine schwarze, eng anliegende Hose und eine riesige Brille, die irgendwie teuer aussieht, erkenne ich noch und drehe mich wieder zurück, um den Kleinen nicht zu lange anzuschauen. Er wirkt unsicher.

Warum schreibe ich das?

Es hat mich berührt. In seiner ganzen traurigen Sinnlosigkeit, hat es mich berührt. Ich dachte ja, das sind diese Träume, die alle haben, die so einsam machen.

Oder nein! Es sind die Träume die nur in der Einsamkeit, in der unerbittlichen Akzeptanz dieser Einsamkeit, wirklich wachsen können. Es sind Metaphern für Gitter, für Gefängnisse, für Leblosigkeit und Lieblosigkeit. Es sind Träume, die einen eigentlich zur Verzweiflung treiben müssen, wenn man sie nicht ständig weiter phantasieren kann, um eine Beschäftigung zu haben, in der eigenen Isolation.

Die Mädchenstimme, die eigentlich einem Zwölfjährigen gehört, könnte jedem von uns gehören. Sie ist das Manifest der inneren Leere, die immer wieder durch neue Wünsche gefüllt werden soll, die völlig untauglich sind, irgendetwas zu füllen. So bewegen wir uns in einer leeren Welt voller Konsum und werden immer einsamer.

Die anderen Jungen haben die Mädchenstimme nicht verachtet. Sie haben sich auch nicht von ihr abgewendet. Ganz im Gegenteil, haben sie ihre Bewunderung ausgedrückt, aber nicht zu viel. Sie haben sich um ihr Wohl gekümmert, sich um sie gesorgt.

Ich glaube, sie spürten, wie schlecht es ihr ging und wollten ihr was Gutes tun. Die Mädchenstimme, die während der ganzen Fahrt mit drei Plätzen Abstand zu den anderen redete, stieg mit ihnen aus. Am Alexanderplatz, wo gerade ein Weihnachtsrummel ist.

Insgeheim wünschte ich ihr, dass sie an diesem Abend viele aufregende Sachen erlebt und ein bisschen von ihrer Leere füllen kann. Vielleicht, denke ich jetzt, werden sie ja auch Freunde. Dann kann die Mädchenstimme den anderen zeigen, wie schrecklich und wenig erstrebenswert so eine „Besitzwelt“ in Wirklichkeit ist und die anderen Jungen freuen sich, wenn sie von ihren X-Boxes mal wegkommen, um wirklich miteinander Spaß zu haben.

Eigentlich gönne ich es allen, die hier leer, traurig und vereinsamt in der S-Bahn sitzen und nicht einmal den Blick heben, um sich die anderen anzuschauen.

Leere Augen habe ich aber auch auf dem ganz anderen Ende der Gesellschaft in Erinnerung. Ich denke an die alte Albanerin, die sich im Raucherbereich bei Karstadt von ihrem Putzjob ausruhte. Ihre Augen waren so trüb und so leer, dass ich ihr gleich eine Diagnose geben wollte, es aber ließ, weil mir der Anblick dieser Frau wie ein Alltagsgemälde erschien, das ich nicht bewerten wollte.

Erst als ihre Kollegin dazu kam und die beiden sich darüber austauschten, dass sie sich an ihre freien Tage nicht erinnern können, weil diese immer woanders lägen („Man kann sich auf nichts verlassen, schon gar nicht auf den freien Sonntag.“), fing ich an, dieses Bild aufzutauen. Am Ende war mir klar, dass die beiden über Einsamkeit durch Arbeit sprachen.

Einsamkeit durch Reichtum, Einsamkeit durch Arbeit. Wie viele Einsamkeiten soll ich noch aufzählen? Es ist ein Unterschied, aber auf dem breiten Spektrum eines unmenschlichen Systems. Mal oben, mal unten, unmenschlich, wenn man es wörtlich denkt und daran glaubt, dass der Mensch inneres Glück braucht, um leben zu können, bleibt es sich gleich.

Kapitalistische Logik widerspricht dem menschlichen Glück permanent, eklatant und ohne Gnade.

Zu Weihnachten wünscht man sich Glück. Heute erscheint es mir besser, einander das zu wünschen, was man braucht, um glücklich zu werden. Wärme und Freundlichkeit. Die Mädchenstimme hat, so scheint es, heute ein bisschen davon bekommen. Die Albanerin konnte sich mit ihrer Kollegin trösten, der es auch nicht besser ging. Gelächelt hat sie dann irgendwann. Die Mädchenstimme nicht, vielleicht tut sie es ja noch, heute Abend auf dem Weihnachtsrummel.

Frohe Weihnachten J

Zuletzt aktualisiert am Freitag, 23. Dezember 2016 um 15:56 Uhr  

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