Mein Herz schlägt links

Initiative linker SozialdemokratenInnen in der SPD

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Neuigkeiten Über das Versagen unserer intellektuellen Eliten

Über das Versagen unserer intellektuellen Eliten

E-Mail Drucken PDF

 

 

 

Wie fühlt es sich an, in einem Fahnenmeer zu stehen und für eine gemeinsame Sache zu brüllen?

Eigentlich sollte jeder einmal diese Erfahrung gemacht haben, wenn nicht auf einer Demo, so doch wenigstens im Fußballstadion.

Wer es noch nicht gemerkt hat. Kollektivismus ist „in“, einer Menschenmenge anzugehören, die für die gemeinsame Sache jubelt, übt eine ungebrochene Faszination aus.

Ob man die „Jubeltürken“ die hier für Erdogan zu Zehntausenden die Fahnen schwenken, oder Dreiviertelmehrheit der Russen nimmt, die gerade Putin wiedergewählt haben. Das Gefühl, zu einer starken Mehrheit zu gehören, scheint viele Menschen mit einem Gefühl von Zugehörigkeit, Macht und Stärke zu bestechen, dem sie kaum widerstehen können.

Die Ausgangsbasis jedes Kollektivismus.

Auf der anderen Seite steht der Einzelne. Mehr oder weniger erfolgreich, mehr oder weniger mit Kontakten und Beziehungen gesegnet, mehr oder weniger von eigenen Ideen, Wünschen und Ansprüchen getragen. Meist ist das Individuum eingebunden in eine Welt der Arbeit und des Erwerbs, des Konsums und der Verantwortung. All dem muss er sich stellen, mit all dem muss er sich trösten.

Was aber, wenn der Individualismus gar nicht so gelebt werden kann, wie man es sich im Allgemeinen vorstellt? Wenn es an Ideen fehlt oder einfach am Mut, wenn Handicaps, körperlicher, psychischer oder sozialer Art, bestehen, die aus der Freiheit, sich selbst zu verwirklichen, ein unerreichbares Ziel machen, aus der angeblichen Freiheit des Individuums eine Qual?

Wenn man nicht gerade ein Genie ist, ein erfolgreicher Künstler oder Selbstvermarkter, ein Picasso oder ein Trump, kurz kein erfolgreicher Egomane, könnte es ja sein, dass man Probleme bekommt, das eigene Leben mit Sinn zu füllen?

Mit wie viel Individualität kann sich das moderne Ich anreichern und wo ist die Grenze im Allgemeinen und im Extremen? Wie voll oder wie leer sind die Menschen, die in unserer westlichen Welt zusammen mit uns U-Bahn fahren oder im Auto nebenan sitzen?

Ist das die Verantwortung jedes Einzelnen? Oder hat unsere Gesellschaft die falschen Wegmarken aufgestellt? Konsumieren wir uns in Grund und Boden und entfernen wir uns dabei immer weiter von einem sinnvollen Leben oder ist dieser Zweifel ein generelles Merkmal unserer Existenz, wie es die Existenzphilosophen von Heidegger bis Jaspers und die Existentialisten von Sartre bis Camus meinten. Hat Descartes Recht, wenn er unsere Existenz auf den Zweifel reduziert? Sind seine Meditationen tatsächlich die letzte Wahrheit?

In wie weit kann sich ein Durchschnittbürger dieser Sinnfrage überhaupt stellen? Ist der Individualismus nicht vielmehr die Ideologie unserer Eliten?

Der Siegeszug des Kollektivismus, der derzeit um uns herum stattfindet, sei es national-islamistischer Prägung, wie in der Türkei oder  national-konservativ wie in Russland und Polen, dieser Siegeszug schafft Zweifel!

Wer eine starke Ideologie, kollektiver Prägung, vorzuweisen hat, demonstriert derzeit eine ganz ungeahnte Resilienz gegen die Verführungen der liberalen Demokratien und des Marktliberalismus. Der Wohlstand wird akzeptiert, aber das liberale und individualistische Mindset, das dazugehört wird abgelehnt. Trotz der kollektiven Abwendung von des Ideen des Westens, steigen die Handelsströme, nach Polen, in die Türkei und sogar nach Russland und zurück, deutlich an.

Was hat das zu bedeuten?

Spielen wir den Wirtschaftsmotor für illiberale und kollektivistische Gesellschaften? Dekonstruieren wir unser soziales Gefüge immer mehr, um den Kapitalismus am Laufen zu halten, und die neuen Kollektivisten an unseren Rändern nehmen die Marktanreize, die das erzeugt mit, begrüßen uns als Investoren, aber verzichten dabei gern auf die Ideen von Freiheit und Liberalität?

Wie lange geht das gut?

Der Zerfall wird uns nicht nur von außen, von Russland, den Visegrad-Staaten oder der Türkei diagnostiziert, sondern ist innen auch spürbar. Die gespaltene Gesellschaft in Deutschland ist in Wirklichkeit eine zersplitterte Gesellschaft, die sich auch durch noch so komplizierte Operationen nicht mehr zusammenfügen lässt.

Das schlimmste aber ist, dass wir seit Jahrzehnten mit einem Grad von Sinnverzicht leben, der unerträglich ist.

Eigentlich ist es seit jeher die Aufgabe der geistigen Eliten, Sinnmodelle für die gesamte Gesellschaft zu entwickeln. Genau an dieser Aufgabe sind wir nach dem Mauerfall endgültig gescheitert. Wenn vorher noch gesamtgesellschaftliche Modelle wenigstens im Kontext von sozialistischen Ideen diskutiert wurden, ist heute Schulterzucken angesagt. Jeder für sich!

Kollektivistische Ideen gelten inzwischen als anti-intellektuell.

Unsere Eliten, seien sie politisch, wirtschaftlich, intellektuell oder künstlerisch unterwegs, kennen nur noch das Individuum, den Einzelnen und stehen gegenüber den Massen ratlos da. Es ist fast eine Art Ekel gegenüber dem gesellschaftlichen Kollektiv, der einem aus vielen schriftlichen und mündlichen Äußerungen Intellektueller entgegenschlägt – ein Abscheu. Genau diese Abscheu, beispielsweise gegenüber den Menschen im Osten, bekommt in unseren Medien jede Menge Platz.

Wer hat eigentlich gesagt, dass es die Aufgabe der Intellektuellen ist, das Individuum zu heiligen und die Masse zu verabscheuen?

Solche Phasen in denen sich die geistigen Eliten von den Massen entfernten, endeten irgendwann in anti-intellektuellen Massenbewegungen. Genau das beobachten wir heute. Die Sinnfreiheit eines Intellektuellen, der nur um seine eigene Spezies kreist, ist gewaltig. Man könnte auch Putin Recht geben, der unsere Gesellschaften als dekadent bezeichnet. Denn tatsächlich sind unsere Eliten nicht mehr im Geringsten in der Lage und auch nicht bereit, noch irgendeinen gesamtgesellschaftlichen Sinn zu produzieren, der vielleicht die große Mehrheit der Gesellschaften erreichen könnte.

Sie werden damit ihrer eigentlichen gesellschaftlichen Aufgabe nicht mehr gerecht. Auch das ist ein Grund der Krise des geschriebenen und gesprochenen Wortes, das nicht mehr honoriert wird. Nicht das Internet ist schuld, sondern die welche, immer gleiche Rezepte verkaufen. Den Neoliberalismus, den totalen Liberalismus und die Heiligung des Individuums sowie die Verteufelung jedes kollektivistischen Ansatzes. Wer soll die Kopie von der Kopie der absoluten Einfallslosigkeit denn noch kaufen?

Der allgemeine Niedergang des publizistischen Wertes ist eben auch dem Versagen unserer geistigen Eliten geschuldet, Sinn zu produzieren, der die Menschen anspricht und nicht nur dem Internet und den sozialen Medien.

Vor etwa einer Stunde lief eine Reportage über die „Zerreißprobe in Polen“ auf Phönix. Was dort ein Stunde lang auf den Zuschauer einhämmerte, war „vorsichtig ausgedrückt“ einseitig. An keiner Stelle wurde die Angst der Polen, zukünftig von einem Brüsseler Superstaat regiert zu werden, gewürdigt. So wird eine Mehrheit, welche die PIS von Kazcinsky unterstützt, kollektiv in die Ecke gestellt. Auch wenn man Journalisten nicht unbedingt mit der geistigen Elite eines Landes in Verbindung bringen muss, sind solche Reportagen für einen anspruchsvollen Sender ein absolutes Armutszeugnis.

Die Einseitigkeit mit der über neue und auch alte, wieder aufgewärmte, kollektivistische Ansätze in den Medien berichtet wird, ist die konsequente Folge des erwähnten Befundes einer Unfähigkeit unserer Intellektuellen, kollektiv zu denken und sich aus der eigenen geistigen „Komfortzone“ herauszubewegen.

Das Versagen unserer so genannten „kritischen Öffentlichkeit“ und ihr Abgleiten in eine unselige Propaganda, die sich gegen große Teile der Bevölkerung richtet, sind heute ubiquitär überall in den westlichen Demokratien zu erkennen.

 

In Westeuropa haben wir seit dem Weltkrieg eine lange Phase hinter uns, in der die Dekonstruktion von gesellschaftlichen Zusammenhängen grundsätzlich als progressiv galt. Dabei ist überhaupt nicht nachzuvollziehen, was an der Zerstörung der Familie in der westlichen Welt progressiv sein soll. Ebenso wenig kann man verstehen, warum die Zerstörung von Nationalstaaten und Regionen, die Landflucht und Urbanisierung, die Digitalisierung aller Lebensbereiche und die Zerstörung gewachsener, autochthoner Kulturen progressiv sein sollen? Was an alledem ist progressiv, außer dass das Individuum zunehmend aus allen bisherigen Zusammenhängen herausgelöst wird? Das klingt eher nach einer progressiven Paralyse der Gesellschaften mit anschließender Zerstörung.

Natürlich sind das alles Tatsachen im Zusammenhang mit Kapitalismus und Globalisierung, aber wo bitte, bleibt die intellektuelle Rebellion, die Rebellion des Geistes gegen diesen Zerfall?

Es bleibt bei dem Befund:

Unsere geistigen Eliten werden ihrer Rolle nicht mehr gerecht, einen Sinn gegen den offensichtlichen Sinnverfall zu stellen. Sie sehen sich in keiner, wie auch immer gearteten, gesamtgesellschaftlichen Verantwortung mehr.

Ein ganz fataler Niedergang des Geistes!

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 07. April 2018 um 18:03 Uhr  

Wahlkampf

Erneuerbare Energien

Statistiken

Benutzer : 344
Beiträge : 5856
Weblinks : 145
Seitenaufrufe : 17116613

Verwandte Beiträge